Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1869)
- Date
- 1869-10-05
- Page
- Seite 805 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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805 Allem, und das haben wir seit 33 Jahren immer wiederholt, für die Ausbildung besserer Lehrkräfte zu sorgen, um hierin dem Bedürfnisse einigermaßen zu genügen, als daß wir vom Staate den Zwang herbeiführen sollten, unsere Jugend dem Unterrichte unfähiger Lehrer zu übergeben. Dies ist es, was wir den Urhebern der Petition zu bedenken gegeben hätten, schon ohne mit ihnen prinzipiell zu streiten, und die Gefahren aller der Consequenzen, die aus ihrem Petitum fließen würden, zu betonen. Hamburg, 26. Sept. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen die Trauerkunde mitzutheilen, daß gestern früh Herr M. M. Haarbleicher im 72. Lebensjahre das Zeitliche gesegnet hat. Heute Nachmittag findet die Beerdigung statt. Näheres in den nächsten Tagen. Österreichischungarische Monarchie. Aus Böhmen, 20. Sept. Die czechischen Agitatoren treiben es immer ärger. Kein Mittel ist ihnen zu arg, wenn es gilt, die Wahl der Declaranten zu sichern. So sucht man durch Verbreitung fanatischer Lieder die Bevölkerung aufzureizen, und neuerdings wird dem Pr. Abdbl. aus Neubidschow berichtet, daß am 17. d. M. Morgens an der dortigen israelitischen Synagoge zwei Placate afftchirt gefunden wurden, in welchen es hieß: „Israeliten, werdet ihr gegen uns wählen, so werden wir uns dies gut merken, dann aber gebt Acht!" Verfasser dieser Placate ist offenbar ein fleißiger Leser des Pokrok, der Tag für Tag diejenigen, welche nicht Eines Sinnes mit ihm sind, namentlich aber die Israeliten, mit der Eintragung in das von ihm angelegte schwarze Buch bedroht. Prag, 18. Sept. (Neue Freie Presse.) Wenn die nationalen Führer sich an die czechische Nation wenden und diese ihren Herren und Meistern gut oder übel folgt, so läßt sich das erklären. Weniger begreiflich aber ist es, daß selbst in jüdischen Kreisen durch ein in Prag erscheinendes, den „Interessen des Judenthums" gewidmet sein sollendes Organ, „Die Gegenwart", der Versuch gemacht wird, die Juden Böhmens für die nationale Partei zu recrutiren. Anstatt ihren Lesern eine Blumenlese der liebevollen, schmeichelhaften und höchst auszeichnenden Titulaturen vorzulegen, mit denen die Narodni Lisch, der Pokrok, die Nase Lisch und die „Politik" ihre jüdischen Landsleute zu gewinnen suchen, hat die „Gegenwart" in ihrer Nummer vom 15. September 1869 die Naivetät, in einem mit dem Style des Unterquartaners im Kladderadatsch rivalisirenden Aufsatze die Israeliten Böhmens aufzufordcrn, „aus Bewunderung für die moralische Zähigkeit und politische Ausdauer" der czechischen Nation mit dieser gemeinsame Sache zu machen. Es wäre in der That für die Juden Böhmens höchst wünschenswerth, wenn endlich die politischen Träume der Nation verwirklicht würden; sie hätten alsbald Gelegenheit, ihr Gut und Blut der „Nation" zum Opfer zu bringen. Leider aber würde ein solches Opfer durchaus kein freiwilliges sein. Der geistreiche Aufsatz der „Gegenwart" gipfelt in folgendem Satze: „Und wer politisch charakterstark ist und für die Freiheit moralisch und(!> geistig kämpft, geht nicht mit der Absicht unl, einem Anderen die schwer erlangte Freiheit zu rauben." Nein, gewiß nicht, verehrter Herr Redacteur der „Gegenwart", der böhmische Jude wird es sich niemals einfallen lassen, einem Anderen seine schwer erlangte Freiheit zu rauben; aber ebensowenig wird ein vernünftiger Mensch freiwillig seine Hand dazu hergeben, sich selbst diese Freiheit rauben zu lassen. Aber die Redaktion der „Gegenwart" macht in Opportunitärs-Politik. Sie denkt, es könnte vielleicht doch einmal der Fall eintreten, daß die Stützen unserer Verfassung zusammenbrechen, und spricht zum Schluffe das große Wort gelassen aus: „Kein Mensch kann durch das Horoskop sehen — (die „Gegenwart" denkt sich wohl ein Horoskop in Form eines Vergrößerungsglases oder Fernrohres) — was in der Zeiten Hintergründe schlummert." — Im Grunde genommen ist es nur ein natürlicher Jnstinct, der die „Gegenwart" zu der nationalen Partei hinzieht, denn seit sich der Ultramontanismus nrit dem Nationalitäten-Schwindel verbrüdert hat, sehen sich die Finsterlinge jedes Bekenntnisses solidarisch verpflichtet, auch als Kämpfer für die unterdrückten Rechte der Nation aufzutreten, und die „Gegenwart" ist eines jener Blätter, welche an Zelotismus ihren Geistesverwandten, der Kirchenzeitung und dem „Bolksfreund" in Wien, wenig nachgeben. 49