Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1869)
- Date
- 1869-10-05
- Page
- Seite 802 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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802 mentreten, welches nach allen Richtungen hin zu rathen und zu helfen sich bestreben wird. Zunächst wird das Augenmerk darauf gerichtet sein, durch Beförderung der Massenauswanderungen, sei es nach dem Innern des unermeßlichen russischen Reiches, sei es über das Meer, dem Uebel der Uebervölkerung, dem Nahrungs- und Ernährungsmangel und einer Verarmung zu steuern, die wahrhaft erschrecklich ist. Ferner wird sein Augenmerk auf einen schmerzlichen Umstand zu richten sein, der vielleicht zu keiner Zeit und an keinem Orte so grell hervorgetreten ist, nämlich die unbegrenzte, fast den vierten Theil der Bevölkerung ausmachende Anzahl der unversorgten Wittwen und unmündigen Waisen. Auch in normalen Zeiten gibt es hier gewisser Zu- und Mißstände halber, vielleicht die meisten Wittwen und unmündigen Waisen unter allen Völkern und aus denselben hier nicht zu erörternden Gründen hat der Typhus, der fast zwei Jahre lang herrschte, vorzüglich die Männer und Familienväter zu Opfern gefordert. Hier im Orte ansässige Männer aus diesen Gegenden, welche während der verflossenen israelitischen Feiertage ihre Heimath besucht haben, erzählen, es sei kein Mann in ihrer, wie alle diese zumeist von Israeliten bewohnten Stadt, welcher beim Gottesdienst nicht das ein Jahr lang zu sprechende Sterbegebet um irgend einen verstorbenen Angehörigen verrichte; aber wahrhaft erschütternd sei es anzusehen und anzuhören, wie in langen Reihen die unmündigen Knaben für die, ihnen noch nicht ein Jahr durch den Tod entrissenen Mütter, meistentheils aber ihre Väter das Kaddisch-Gebet der Waisen verrichten. Da bleibt uns wahrlich nichts weiter übrig, jeder Kopf muß denken, jede Hand muß arbeiten, jeder Säckel sich öffnen, um solchem Elend zu steuern. Memel, Ende September 1809. Im Namen des Unterstützungscomites dessen Schriftführer Dr, Rülf. Spenden nehmen die betreffenden Localeomitös entgegen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 26. Sept. (Privatmitth. Von unserm zweiten Corresp.) Mich drängt es Ihnen von der Berliner Gemeinde das Wichtigste mitzutheilen und diese Mitcheilungen in möglichster Kürze zusammenzufassen. Die Wahl Geigers und Ungerleiders, sowie der Rabbiner der Gesetzestreuen? beriw' my Dr. Hildesheimer ist der Hauptinhalt der Festgespräche. Haben Sic Hildesheimers Laubhütte schon gesehen? Fünfhundert Thaler kostet sie. Er hat sie von Halberstadt sich kommen lassen! Haben Sie vergangenen Sabbath seine Predigt gehört? Ein Gottes Wunder! Solche Redefülle! Solche Logik! Drei Stunden lang hat er gesprochen! Noch nicht dagewescn! Ein zweiter Sachs! Ein rettender Engel ist nach Berlin gekommen, um die sündige Gemeinde aus dem Pfuhl der Berdammuiß zu reißen! Jetzt bekommen wir wieder koscher Fleisch! Zwanzig Bocherim lernen schon bei ihm und die übrigen tausende werden noch erwartet! Eine Religionsschule will er gründen wie in früherer Zeit! Wie jubeln die Gesetzestreuen! Und die armen Prediger in den verschiedenen Localen Appelant, Landsberger, Krakauer, Rosenfeld, wie wanken sie so unsicher durch die Straßen! und die Schächter und Fleischer, sie wissen nicht, ob sie zur Rechten oder zur Linken, ob sie nach der Heidereuter Gasse, oder nach der Oranienburgerstraße sich wenden sollen! — Geiger und Ung erleider gehen einem heißen und schweren Kampfe entgegen! Freilich ist Hildesheimer nur ein Privatmann und sein Wirken durchaus nicht offiziell, doch dürfte eine Gleichgiltigkeit gegen seine Einmischung in die Rabbinatsfunctionen, namentlich bezüglich der Fleischer und Schächter nur vom Uebel sein; ja noch mehr als dies, das Gemeindeleben kann dadurch in seinen Grundfesten erschüttert werden, wenn der Vorstand nicht rechtzeitig Mittel ergreift, diesem Unwesen eines Privatmanns ein Ende zu machen. So lange Hildesheimer sich auf Privatverträge und Privat-Unterrichtsanstalten beschränkt, kann seine Wirksamkeit nicht angetastet wer-