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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-05 · Heft 40 (5.10.1869) · p. Seite 801

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 40 (5.10.1869)
Date
1869-10-05
Page
Seite 801 (sequence 5)
Language
German
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801 spiele. Er redet eines Tages an der königlichen Tafel von russischen Anordnungen und sprach vom „Minister des Kultus." Jemand verbesserte ihn, indem er bemerkte, es sei der „Minister der Aufklärung," wie in Rußland der Unterrichtsminister heißt. Humboldt schaltete eiligst ein: — „also nicht der Minister des Kultus, sondern das Gegentheil" — und sprach weiter. Ein General von der pietistischen Seite, der dabei sehr gern neckte, sagte zu Humboldt: „Excellenz gehen wohl jetzt recht oft in die Kirche?" Jener antwortete: „Das Jetzt ist ja sehr freundlich von Ihnen, Sie wollen mir damit den Weg anzeigen, auf dem ich meine Carriore machen könnte." Der General verstummte. Dies war 1844; als er 1856 Besuchern einen Kasten zeigte, worin ein lebendes Chamäleon, sagte er: „es sei das einzige Thier, welches das eine Auge nach oben und zugleich das andere nach unten richten könne, nur unsere Pfaffen könnten das noch, mit dem einen Auge nach dem Himmel, mit dem andern auf die Güter und Vortheile der Welt gerichtet." Im Marz 1857 war Humboldt von einem Schlaganfall betroffen worden (den er sich zugezogen, als er, der 88jährige Greis, in der Nacht das Bett verließ, sich ein Glas Wasser zu holen, nur um seinen Diener nicht im Schlafe zu stören —), als ihn Se. Majestät der König mit Schönlein am 14. März mit einem Besuche beehrte, sagte Schönlein zu Humboldt, er werde längere Zeit auf der linken Seite nicht fest stehen können, worauf Humbold erwiderte: „Darum werde ich doch nicht nöthig haben, mich auf die rechte Seite zu Gerlach zu setzen." — Wer überhaupt noch den Freimuth Humboldts bezweifelt, der sei hingewiesen auf den Brief, welchen er am 29. März 184 6 an Se. Majestät den König richtete, und wo es sich um die Berufung des Professors Maßmann und die Einführung des Turuwesens handelte. Er sagt daselbst von Maßmann: „Er hat mich eben verlassen, und mir wieder einen herrlichen Eindruck von Gediegenheit, Klarheit der Ideen, begeisterter Kraft in Wirkung auf die Jugend (das unzerstörbare, uralte, sich immer erneuernde Institut der Menschheit) gelassen. Sich fürchten vor jeder begeisternden Kraft, heißt dem Staatenleben die nähernde, erhaltende Kraft nehmen." Wie gern hört man den 7 7jährigen Greis so über die Jugend sprechen! — Man hat gefragt, und diese Frage liegt nahe, warum Humboldt, wenn die vorherrschende Richtung eine ihm diametral widersprechende war, warum er sich nicht zurückzog und nur seinen ruhmreichen Studien lebte? In der That dachte er schon 1841 ernstlich daran. Warum er es dennoch nicht that, darauf erfolgt eine zwiefache Antwort. Einen Theils sprach es Humboldt geradezu aus, daß nur seine Stellung am Hofe ihn vor den traurigsten Verfolgungen, ja vor einer Ausweisung schütze, so sehr haßten ihn die Ultras und- Pietisten, in den übrigen deutschen Ländern würde man ihn eben so wenig dulden, sobald er den Schutz und Schimmer seiner Stellung nicht mehr habe. Mag diese Befürchtung nun immerhin eine übertriebene gewesen sein, sie lebte doch in ihm und bewirkte sein Verbleiben. Andern Theils aber war es Anhänglichkeit und Gewohnheit, die den hochbetagten Greis in jenen Kreisen festhielt, und man weiß, wie nöthigend solche Gewohnheit, noch dazu bei einem Manne ohne Familie ist, der in seinem Bruder den letzten derartigen Anhalt verloren. (Schluß folgt.) Die Auswanderung von Juden ans den westrussischen Provinzen. ix. Wir erhalten soeben aus Memel von Herrn Dr. Rülf drei Schriftstücke, von denen wir heute das eine, in nächster Nummer die beiden anderen geben werden. Die Redaktion. Ausruf. Mitbriider und Mitbürger! Euer Wohlthätigkeitssinn, Euer echt humaner Geist hat sich in Unterstützung der Israeliten in Westrußland glänzend bewahrheitet. Mehr als eine Million von Hungernden sind gespeist und viele Tausende vom sichern Tode gerettet worden. Aber wie bei der Zerstörungswuth elementarer Kräfte erst nachdem Alles vorüber, der angerichtete Schaden zu erkennen und zu schätzen ist, so läßt sich erst jetzt, nachdem die diesjährige gute Ernte der Hungersnoth ein Ende gemacht, das Unglück dieser Bevölkerung in seiner ganzen Schwere ermessen. Auf Anregung trefflicher Männer, vor Allen auf Anregung des jüngst in Leipzig versammelt gewesenen israelitischen Gemeindetages wird ein internationales Comitö zusam-

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