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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-10-05 · Heft 40 (5.10.1869) · p. Seite 800

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 40 (5.10.1869)
Date
1869-10-05
Page
Seite 800 (sequence 4)
Language
German
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800 Gott, ich bin nicht so unbescheiden, Dich zu bitten, uns Alle zu retten. Rette mich ganz allein.") — Es währte nicht so lange, jenes gespensterartige Wiedererscheinen des schrvffesten Kastengeistes, er erlebte es selbst noch. „Es ist für mich eine trübe, schwere Abendluft!" rief er am 1. Dezember 1841 aus. Er sah besonders die ultramontane Reaktion deutlich voraus. Als er Strauß gelesen, schreibt er 1842; „man lernt daraus, was alles von den schwarzen Männern geglaubt und gelehrt worden ist, die der Menschheit jetzt wieder neue Bande anzulegen verstehen, ja die Rüstung ihrer ehemaligen Feinde anlegen." Jemehr die Unruhe, die inneren Bewegungen wuchsen, desto klarer wurde ihm der Ausgang. Schon im März 1847 äußerte er sich dahin, daß man sich gefaßt machen müßte auf Heftigkeiten aller Art, Polizeigrimm, Volkswuth, Truppeneinwirken — ein Jahr später erfüllte sich, was er geahnt. In der folgenden Zeit sehen wir daher deutlich in Humboldt zwei, allerdings sich nur ergänzende Ansichten vorherrschen. Die ganze Zeit der Reaktion faßt er in ihrer trübsten Bedeutung für die Gegenwart auf und ist tief gebeugt in Hinblick auf diese letztere — aber die Gewißheit einer dereinstigen bessern Gestaltung und des Guten, das sich trotzdem daraus entwickeln werde, verläßt ihn nie. Beides drückt er mit tiefem Sinn den 18. Januar 1849 aus: „Wie hat sich seitdem (1840) alles furchtbarer und auch hoffnungsvoller gestaltet, aber der Gefahr weiß man nur rohe materielle Kräfte entgegenznsetzen, und die angebotenen Früchte weiß man nicht zu pflücken, man will sie Andern zuwenden." Den 15. Oktober 1849 ruft er aus: „Welches Jahr, wo alle Gefühle verwildern!" Er spricht den 13. März 1853 von „den Berwirrnissen seines öden Lebens in einer moralisch so schmachvollen Zeit." Mit außerordentlicher Entrüstung nimmt er den Staatsstreich Napoleon's III. auf. „Er ist empört über den Staatsstreich in Frankreich, über die rohe Gewaltthat, die willkührlichen Verbannungen, besonders aber über den Raub des Vermögens der Orleans." Einige Tage später schreibt er über die Regierung, die er in Frankreich sich jetzt wieder etaoliren sah: „Meine Meinung ist von jeher gewesen, daß die wildeste Republik den geistigen Fortschritten der Menschheit und dem Bewußtsein ihrer Ehrenrechte nicht so viel und so langdauernd schaden kann, als le regime de mon oncle, le despotisme eclaire, dogmatique, der, welcher alle Künste der Civilisation anwendet, um den Willen und die Laune eines Einzigen herrschen zu lassen. Lesen Sie, um den Abscheu vor solcher Erniedrigung, die wie eine Pest sich zu verbreiten droht, zu vermehren, im heutigen Journal des D^bats die Gründe, welche eine Emp fehlungsliste der Wählbaren laut dem Constitutionell nothwendig macht." Humboldt stand der damals so herrschenden reaktionairen und pietistischen Partei auf's schroffste gegenüber. Er ward von den Anhängern dieser selbst als „ihr größter Gegner, der sie alle zu Schanden mache, vor dem all ihr Dunst und Trug in Nichts zerstiebe," anerkannt. In das Herz des Freundes schüttet er seine Klagen aus, wie: „Alles auf Verdummung und Verfinsterung losgehe, Alles zugleich den reaktionairen politischen Charakter der Junkerpartei habe." Er schreibt am 10.' Juli 1854 über „Kreuzzeitung": „Das „Drama" der Kreuzzeitung hat wie alles was aus dieser schlechten und an Geistesarmuth kranken Partei kommt, das Gepräge feiger Bosheit." Er schied daher aus dem „Stahl-Rank'schen" Staatsrathe aus, wie er schreibt: „aus Gründen, die nicht die des Alters sind." Aus diesen wenigen Aeußerungen und Thatsachen schon stellt sich uns Humboldt in seiner politischen Gesinnung auf's prägnanteste dar, und erweist sich, wie wir auch nicht anders voraussetzen, als folgerecht und konsequent durch sein ganzes Leben hindurch. Nichts ist daher auch falscher und ungerechter als der Vorwurf der Liebedienerei und Heuchelei, den man über Humboldt früherin verbreiten wollte, ein Makel, den wahrscheinlich gerade seine Feinde ihm anzuheften versuchten, weil sie unter dem Gegentheil vvn ihm litten. Wäre dieser Vorwurf gegründet, dann freilich! würde die politische Ansicht Humboldt's von keinem Werth, und die Veröffentlichung dieser Briefe eine Sünde mehr sein. Aber dieser Vorwurf war und bleibt unwahr, und konnte nur darum sich verbreiten, weil Humboldt gar keine öffentliche Stellung einnahm, und man nicht wußte, was eigentlich „hinter den Kulissen" vorging. Wie Humboldt offen aus dem Staatsrathe schied, als seine Ansichten sich durchaus nicht mehr mit diesem vertrugen, und er auch so sehr jeden persönlichen Einfluß verloren hatte, daß an Wirksamkeit für ihn nicht mehr zu denken war; so trug er seine Ansichten überall laut vor, seine Gegner kannten ihn, und er wollte von ihnen gekannt sein; er verfolgte sie so sehr mit seinen Sarkasmen, daß sie ihn in ihrer bekannten, noblen Sprache, nicht anders als die „malitiöse Bestie" nannten. Hier einige Bei-

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