Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1869)
- Date
- 1869-10-05
- Page
- Seite 799 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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799 beider Männer erschien. Wir haben uns diese Bemerkungen aus dem gedachten Buche herauszusuchen und zusammenzustellen. Unsere Leser werden es uns Nachsehen, wenn wir uns hierbei selbst abschreiben. Jene Briefe waren vertrauliche Ergüsse von Freund zu Freund und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Die vielen scharfen Bemerkungen über Personen und Dinge in jenen Briefen machten daher nach dem Erscheinen derselben einen außergewöhnlichen Rumor, den die vielen Gegner Humboldt's im feudalen und pietistischen Lager benutzten um das Andenken des großen Genius zu schmähen und seinen Charakter in ein falsches Licht zu stellen. Dem gegenüber hielten wir damals (1860) einen öffentlichen Vortrag, der auch im Druck erschien.*) Broschüren haben ein kurzlebiges Dasein, und so gestatten wir uns hier, den Theil jener Vorlesung wiederzugeben, welcher prägnant die politischen Ansichten Humboldt's aus dem gedachten Buche darstellt. „Der Briefwechsel beginnt mit dem 25. September 1827, also erst im 58. Lebensjahre, aber um so wichtiger ist es, hervorzuheben, daß Humboldt auch in diesem späten Alter sich zu den allgemeinen Grundsätzen von 1789 bekannte. Jedermann weiß, daß er hiermit weder Revolutionär, noch Republikaner war, — welches letztere er, als seine Feinde es ihm insinuirten, mit Entrüstung zurückwies — sondern eben nur die allgemeinen Menschenrechte und die Grundsätze einer konstitutionellen Verfassung, die 1789 proklamirt wurden, als die seinen anerkannte. Nach 1844 schreibt er: „ich muß nach Sanssouci auf einige Tage, wo ich leider! meinen 75jährigen Geburtstag erlebe. Ich sage blos leider! weil ich 1789 glaubte, die Welt würde einige Fragen mehr gelöst haben. Ich habe vieles gesehen, aber nach meinen Forderungen doch nur wenig." — Humboldt verlor darum selbst, als Louis Bonaparte 1849 das lebenslängliche Konsulat erstrebte, den Glauben nicht, daß Frankreich das Joch dieses Abenteurers wieder abschütteln würde, und schreibt den 4. November: „die deutschen Staatsmänner werden dann inne werden, daß es in Mittel-Europa das Frankreich von 1789 giebt, über dessen Nullität man seit einem Jahre spöttelt." Ja, den 13. März 1853 ruft er noch aus: „In *) Alexander von Humboldts politische Ansichten. Eine Vorlesung. Magdeburg, Verlag von Albert Falkenberg u. Co. 1860. welchem Zustande verlasse ich die Welt, der ich 1789 erlebte und mitfühlte!". Das erste Weltereigniß, welches der Briefwechsel berührt, ist die Julirevolution von 1830. Die Anhänger des Constitutionalismus waren voller Hoffnungen. Humboldt sah tiefer, er kannte die Helden dieses Drama's, Louis Philipp voran, persönlich sehr gut. Er sagte: „Meine Hoffnungen sind schwach. Seit vierzig Jahren seh' ich in Paris die Gewalthaber wechseln, immer fallen sie durch eigne Untüchtigkeit, immer treten neue Versprechungen an die Stelle, aber sie erfüllen sie nicht, und derselbe Gang des Verderbens beginnt auf's neue. Ich habe die meisten Männer des Tages gekannt, zum Theil vertraut, es waren ausgezeichnete, wohlmeinende darunter, aber sie hielten nicht aus, bald waren sie nicht besser als ihre Vorgänger, oft wurden sie noch größere Schufte. Keine Regierung hat bis jetzt dem Volke Wort gehalten. Keine ihre Selbstsucht dem Gemeinwohl untergeordnet. So lange das nicht geschieht, wird keine Macht in Frankreich dauernd bestehen. Die Nation ist noch immer betrogen worden, und sie wird wieder betrogen. Dann wird sie auch wieder den Lug und Trug strafen, denn dazu ist sie reif und stark genug" Diese Worte Humboldt's, 1830 gesprochen, waren prophetischer Art, denn 1848 gingen sie in Erfüllung; sie gelten noch heute, und werden sich wohl nochmals erfüllen. Denselben voraussichtlichen Geist bewährte er in der folgenden Zeit. Schon 1839 sah er den Kastengeist des Adels in all seiner Schroffheit sich wieder beleben. Als Adam Müller die Aristokratie wieder zu systematisiren versuchte, schreibt Humboldt: „Wie müssen sich die Montmorency's der Ukermark gefreut haben, was nutzlos in ihren armen Seelen lag, in so schulgerechte Dogmen gegossen, in so gebildeter Sprache von einem talentvollen Schriftsteller ausgedrückt zu sehen! An Raum und Zeit ist dieser Kastengeist nickt gebunden. Gespensterartig wird er sich drohend einst wieder zeigen, wenn ich nicht mehr sein werde. Ich frage mich oft, ob unter den Bekreuzten, die (wie die Homerischen Helden) ausgestreckt im Wollmarkte auf ihren Säcken der Ruhe pflegen, Adam Müller nicht wieder Unterschriften sammeln könnte? Benjamin Constant hat diesen unbeweglichen Erbtheil der Gesinnung sehr hübsch in der Parabel des Schiffbruchs ausgedrückt: „Orand Dieu, je ne suis pas assez indiscret pour vous prier de nous sauver tous, Sauvez moi tout seul." („Großer 40*