Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1869)
- Date
- 1869-10-05
- Page
- Seite 798 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226731--27640-3263229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
798 nutzbringend, das Gedächtniß großer, in ihrer Wirksamkeit vorzugsweise verdienstvoller Männer wieder;u erneuern, und hierzu die Veranlassung von ihrem Geburts- oder Sterbetage nach einem oder mehreren Jahrhunderten zu nehmen. Man wird sich hierzu besonders betreffs der Männer gedrungen fühlen, welche in der Verbindung großer Eigenschaften und mächtiger Kraftanstrengung die Impuls gebenden gewesen sind, also nicht blos irgend ein bedeutendes Werk geschaffen, sondern auch einer langen Zeitperiode die Bahn eröffnet, das Ziel gesteckt, die Richtung gegeben haben Mit Vorliebe wird man bei denen verweilen, die unsrer Zeit noch am nächsten stehen, deren Wirksamkeit also noch ganz frisch in die Gegenwart hineinreicht. Zeichnet sich hierin unsere Jetztzeit am dankbarsten aus, so ist auch nicht zu verkennen, daß das vorige Jahrhundert an solchen Impuls gebenden Geistern besonders reich war. Wir haben daher zu unseren Lebzeiten viele solcher Säcularfeste gehabt, von dem Lessing's und Mendelssohns (1829) an bis zur jüngsten Zeit, wo Goetbe's Mozart's, Schillert, Fichte's, Schleiermacher's, Napoleon's, Joseph II. und endlich Humboldts (am 14. September d. I.) hundertjähriger Geburtstag mehr oder weniger, in weiteren und engeren Kreisen, mit festlicher Erinnerung begangen wurde, wie denn das nächste Jahr (1870) dieselbe Feier für den größten und genialsten Componisten, für Beethoven, bringen wird. Alexander von Humboldt — wir brauchen es wahrlich nicht zu rechtfertigen', wenn wir auch in diesen Bl. seinem Angedenken einige Spalten widmen.*) War er doch der letzte Repräsentant jener großen Schule der Humanität, welche in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in allen Ländern der civilisirten Welt entstand, der alle classischen Geister Deutschlands angehörten, bis sie nach den Freiheitskriegen ebenso durch die damalige stupide Reaktion wie von der närrischen Deutschthümelei jener Zeit zuerst bekämpft, dann durch die darauf folgenden langen Stürme verdrängt wurde, einer *) In Aachen wurde am Versöhnungstage bei der Seelengedächtnißfeier auch Humboldt's mit würdigender Anerkennung gedacht, und setzen wir voraus, daß dies auch in anderen Synagogen geschehen. Herr Lehrer Louis Weyl hielt im Handwerkerverein zu Frankfurt a. d. Oder am Abend des 13. September eine Gedächtnisrede auf Humboldt, in welcher er besonders feine Beziehungen zu Juden und Judenthum hervorhob. Schule, deren Erhabenheit, deren Bedeutung für die ganze Menschheit spätere Geschlechter erst recht erkennen werden. Wir wollen hier aber däs Leben Humboldts nicht beschreiben, wir wollen ihn weder als Mensch in seiner edlen Gesinnung, in seiner humanen, freundlichen, und überallhin wohlthuenden Handlungsweise, noch als den großen Genius der Wissenschaft charakterisiren. Es ist dies in den jüngsten Tagen in den mannigfaltigsten Zeitblättern genugsam geschehen. Wir wollen nicht einmal näher in sein vertrautes Verhältniß ^während seiner Jugendjahre (besonders 1786—88) zu gebildeten Juden und Jüdinnen eingehen, wie er selbst die jüdische Kurrentschrift erlernte, und in dieser Schrift einen Briefwechsel führte, von welchem noch einige Reste im Besitze eines jüdischen Gelehrten in Berlin sind; auch nicht aufmerksam machen auf seine allbekannte Darstellung der Naturanschauung bei den alten Hebräern. Vielmehr ist es unsere Absicht, Humboldt von einer Seite zu skizziren, die selten genugsam gewürdigt wird, und welche doch an einem Manne von seiner Stellung und Einwirkung höchst wichtig ist. Wir meinen die politischen Ansichten Humboldt's. Nicht zwar, inwiefern er einen thätigen Antheil an den politischen Ereignissen seiner Zeit genommen, und dann und wann selbst politische Missionen vollführt hat, sondern wir wollen vielmehr seine politische Denkweise nach den allgemeinen Gesichtspunkten, soweit sie sich durch wörtliche Auslassungen dokumentirt haben, zu zeichnen versuchen. Daß uns gerade dieses Moment in dem Leben Humboldts besonders interessiren muß, wird man leicht einsehen, denn dieser politischen Entwickelung, wie sie bei Humboldt zum Ausdruck kommt, haben auch die Juden ihre soziale und staatsbürgerliche Stellung zu verdanken. Humboldt war zwanzig Jahre alt, als die französische Revolution ausbrach, und hat demnach mit vollem Bewußtsein die ganze Reihe der Umwälzungen, ihrer Anfangs- und Endpunkte, ihrer Mittelstadien und Intervalle durchgemacht, zur meisten Zeit den eigentlichen Mittelpunkten und Herden, den bestimmenden und entscheidenden Kreisen nahe. Bon welcher Einwirkung mußte das auf einen Geist wie Humboldt's sein! Wie unschätzbar würde es sein, wenn wir von ihm fortlaufende Aufzeichnungen über den politischen Weltgang besäßen, während wir jetzt auf gelegentliche Aeußerungen beschränkt sind! Und auch diese letzteren verdanken wir nur der Veröffentlichung seines Briefwechsels mit Varnhagen von Ense (von 1825 an), der nach dem Tode