Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1869)
- Date
- 1869-09-28
- Page
- Seite 795 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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795 nicht, mich tobten gewollt zu haben, um berühmt zu werden; noch glaube, daß ich mich darüber verwundere. Die erhabensten Kaiser und die größten Könige haben fast alle mit keiner andern Kunst als mit der zu tödten, und zwar nicht nur einen Menschen, wie Du wolltest, sondern unzählige, und mit Verbrennen von Städten und Einäschern von Ländern ihre Reiche und dadurch ihren Ruhm erweitert. Deshalb, wenn Du mich allein tödten wolltest, um dadurch berühmter zu werden, so hast Du weder etwas Wunderbares, noch etwas Neues, sondern etwas sehr Gewöhnliches gethan." Mithridanes, der seine schnöde Absicht keineswegs entschuldigte, sondern nur die ehrenwerthe Entschuldigung lobte, die Nathan dafür gefunden hatte, kam im Gespräch mit ihm endlich darauf, zu sagen, wie er sich über die Maßen wundere, daß Nathan sich dazu habe entschließen und selbst noch Mittel und Rath dazu habe angeben können. Hierauf entgegnete Nathan: „Mithridanes , Du darfst Dich über meinen Rath und meinen Vorsatz nicht verwundern, weil, seitdem ich mein eigner Herr war und mich entschlossen hatte, dasselbe zu thun, was auch Du zu vollführen unternommen hast, niemals Jemand mein Haus betreten hat, den ich nicht aus allen Kräften in dem zu befriedigen gestrebt hätte, was er von mir fordern mochte. Du betratest es, nach meinem Leben verlangend; und da ich selbst Dich dies fordern hörte, entschloß ick mich schnell, damit Du nicht der Einzige wärest, der ohne Befriedigung seines Verlangens von hier schiede, es Dir zu geben. Damit Du es nun erhieltest, gab ich Dir den Rath, den ich Dir für nützlich hielt, nm mein Leben zu bekommen und das Deinige nicht zu verlieren, und eben darum wiederhole ich Dir und bitte Dich auch, daß Du es nehmest, wenn es Dir gefällt, und Dich dadurch selbst zufriedenstellfl; denn ich weiß nicht, wie ich es besser weggeben könnte. Ich habe es achtzig Jahre lang zu meinem Vergnügen und zu meinen Freuden gebraucht und weiß, daß dem Lauf der Natur gemäß, wie bei allen übrigen Menschen und überhaupt bei allen Dingen, es nur noch kurze Zeit mir gelassen werden kann; darum halte ich denn für besser, es ebenso wegzuschenken, wie ich immer meine Schätze verschenkt habe, als es so lange behalten zu wollen, bis es mir gegen meinen Willen von der Natur genommen werde. Hundert Jahre zu verschenken ist eine kleine Gabe, wie viel geringer ist es aber, deren sechs oder acht fortzugebeu, die ich etwa noch hier zu verweilen hätte. Nimm es daher, wenn es Dir gefällt, ich bitte Dich; denn so lange ich lebe, habe ich noch Niemanden gefunden, der es begehrt hätte, und weiß auch nicht, wenn ich einen Solchen finden könnte, wenn Du, der darnach verlangt, es nicht annehmen willst. Ja, fände ich auch einen Solchen, so weiß ich doch, daß, je länger ich es bewahre, desto geringer sein Werth wird, und darum nimm es, ehe es noch werthloser wird, ich bitte Dich darum." Mithridanes, tief beschämt, entgegnete: „Verhüte Gott, daß ich etwas so Köstliches, als Euer Leben ist, geschweige es Euch zu nehmen, indem ich Euch von ihm trennte, auch nur begehrte, wie ich noch vor Kurzem that; nein, weit entfernt, die Jahre desselben zu verringern, möchte ich ihm gerne von den meinigen noch zusetzen." Schnell entgegnete Nathan hierauf: „Und wenn Du nun kannst, willst Du mir deren wirklich zusetzen? Willst Du machen, daß ich gegen Dich thue, was ich nie gegen irgend wen sonst gethan habe, daß ich nämlich von dem Deinen nehme, der ich niemals fremdes Gut genommen?" „Ja," erwiderte Mithridanes rasch. „Nun, so thue denn," sagte Nathan, „was ich Dir sagen werde. Jung, wie Du bist, wirst Du hier in meinem Hause bleiben und Nathan heißen; ich aber will in Dein Haus gehen und mich sofort Mithridanes nennen lasten." „Wenn ich," antwortete Mithridanes hierauf, „so edel zu handeln verstünde, als Ihr versteht und längst verstanden habt, so würde ich ohne lange Ueberlegung annehmen, was Ihr mir anbietet; aber da es mir nur zu gewiß scheint, daß meine Thaten eine Verminderung des Ruhmes Nathans sein würden, und ich nicht die Absicht habe, einen Andern um das zu bringen, was ich selbst nicht erreichen kann, so kann ich es nicht annehmen." Während diese und andere freundliche Gespräche zwischen Nathan und Mithridanes gewechselt wurden, kehrten sie, wie es dem Nathan gefiel, nach dem Schlosse zurück, wo dieser noch mehrere Tage lang den Mithridanes auf das Ehrenvollste bewirthetc und ihn nach Misten und Vermögen in seinem edlen Vorsatz bestärkte. Als jedoch Mithridanes endlich mit seiner Begleitung nach Hause zurückkehren wollte, entließ ihn Nathan, nachdem er ihn gar wohl überzeugt hatte, daß er in der Freigebigkeit ihn niemals würde übertreffen können. Die Falascha's oder abyssinischeil Jude». Die öffentliche Aufmerksamkeit ist seit einiger Zeit auf diesen bisher so unbekannten Stamm gelenkt, und er tritt allmälig aus dem Dunkel heraus, das ihn bis jetzt verhüllte. Es liegen uns in diesem Augenblicke zwei Schriftchen über dieselben vor, die den Vorzug haben, ganz und gar auS persönlichen Beobachtungen geflossen zu sein. Die Verfaffer beider haben von einander nichts gewußt; der eine ist ein christlicher Missionär, der andere ein von dem Eifer, die Falascha's, ihre Zustände und Sitten kennen zu lernen, beseelter Jude. Dies genügt, um beide Schriften als zur gegenseitigen Controle geeignet anzusehen. Glücklicherweise stimmen beide Reisende in den allermeisten Punkten zusammen, und nur in wenigen haben sie verschiedene Angaben. Der Titel der einen lautet: Excursion che/, les Falacha, en Abyssinie, par Joseph Halivy. Exlrait du bulletin de la Soeiete de Gdographie (mars-avril 1869). Paris, imprimerie de