Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1869)
- Date
- 1869-09-28
- Page
- Seite 794 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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794 ihm führen. sobald es Dir gefällt." — Der Jüngling erwiderte, daß ihm dies zwar sehr erwünscht sein würde, daß er aber, wenn es möglich wäre, von Nathan weder gesehen, noch erkannt sein möchte. „Auch dies," erwiderte ihm Nathan, „will ich machen, da es Dir so gefällt." Nachdem nun Mithridanes abgestiegen war, begab er sich mit Nathan, der ihn bald genug in angenehme Gespräche verflocht, zu dessen schönem Palaste. Hier ließ Nathan durch einen seiner Diener das Pferd des Jünglings abnehmen und befahl demselben (indem er ihm leise ins Ohr flüsterte», daß er sogleich alle Hausbewohner anweisen solle, dem Jünglinge nicht zu sagen, er selbst sei Nathan, und so geschah es denn auch. Sobald sie im Palaste waren, wies Nathan den Mithridanes in ein prächtiges Zimmer, in welchem Niemand anders ihn sah, als die, welche er zu seiner Bedienung angeordnet hatte, und während er ihn auf das Herrlichste bewirthen ließ, leistete er ihm selbst Gesellschaft. Obwohl nun Mithridanes ihn bei längerm Umgänge wie einen Vater zu verehren anfing, fragte er ihn doch, wer er sei. Nathan antwortete ihm: „Ich bin ein geringer Diener des Nathan, von Kindheit an mit ihm aufgewachsen und mit ihm alt geworden, und nie hat er mich zu etwas Anderem, als Du siehst, erhoben; weshalb denn, obwohl Jeder sonst ihn lobt, ich ihn eben nicht sehr zu preisen weiß." Diese Worte gaben dem Mithridanes einige Hoffnung, nun mit besserem Rath und größerer Sicherheit seinem schnöden Vorsatz Erfolg geben zu können. Höflich fragte Nathan auch ihn, wer er sei und welches Geschäft ihn hierher führe, indem er ihm zugleich seinen Rath und seine Hülfe in Allem, was er für ihn zu thun vermöchte, anbot. Mithridanes zögerte etwas mit seiner Anwort, endlich aber beschloß er, sich ihm anzuvertrauen , und als er ihn nach einem langen Umschweif von Worten erst um seine Verschwiegenheit und daun um seinen Rath und seine Hülfe gebeten, entdeckte er ihm vollständig, wer er sei und warum und von welchem Antriebe bewogen, er hier angekommen sei. Als Nathan diese Erzählung und das grausame Vorhaben des Mithridanes hörte, entsetzte er sich zwar innerlich, allein ohne lange zu zögern, antwortete er ihm starken Muthes und mit festem Antlitze: „Mithridanes, Dein Vater war ein edler Mann, und Du willst nicht von ihm abarten, da Du ein so hohes Unternehmen beschlosten hast, wie das ist, gegen Jedermann freigebig zu sein; daher lobe ich denn auch den Neid, den Du gegen Nathan's Tugend empfindest, denn wäre dieser Neid häufig, so würde die Welt, welche so elend ist, bald besser daran sein. Das Vorhaben, das Du mir entdeckt hast, soll ohne Zweifel verborgen bleiben, doch kann ich Dir dazu mehr guten Rath als Beistand leihen, und dieser Rath ist folgender: Du kannst von hier, vielleicht eine halbe Miglie entfernt, ein kleines Gehölz erblicken, nach welchem Nathan fast jeden Morgen ganz allein geht und lange genug dort lustwandelt. Hier wird es Dir leicht sein, ihn anzutreffen und ihm nach Deinem Wunsche zu thun. Hast Du ihn dann getödtet, so nimm, damit Du ohne Hinderniß in Deine Heimath zurückkehren könnest, nicht etwa den Weg, auf welchem Du hierher kamst, sondern verlaß das Gehölz auf dem Pfade, den Du zur Linken hinausführen siehst; denn er ist, wiewohl ein wenig wild, doch Deiner Heimath näher und für Dich sicherer." Nachdem Mithridanes diese Anweisungen empfangen hatte und Nathan von ihm geschieden war, that er seinen Begleitern, welche gleichfalls dort in der Gegend waren, vorsichtig zu wissen, wo sie ihn den folgenden Tag erwarten sollten. Als der neue Tag erschienen war, ging Nathan, dessen Entschluß von dem Rathe, den er dem Mithridanes gegeben, durchaus nicht verschieden war, und der diesen seitdem auf keine Weise geändert hatte, ganz allein nach dem Gehölz, in welchem er schon von fern den Nathan ganz allein lustwandeln sah. Entschlossen, ihn, ehe er ihn angriffe, zu sehen und ihn reden zu hören, eilte er auf ihn zu, ergriff ihn bei der Stirnbinde, die er auf dem Kopfe trug, und rief: „Alter, Du bist des Todes!" Hierauf entgegnete Nathan nichts weiter, als: „So habe ich es also verdient!" Wie Mithridanes die Stimme hörte und ihm in's Gesicht blickte, erkannte er ihn sogleich als den wieder, der ihn so wohlwollend aufgenommen, ihm so treulich Gesellschaft geleistet und so treu gerathen hatte. Augenblicklich verschwand nun seine Wuth und sein Zorn verwandelte sich in Scham. Schnell warf er daher das Schwert, welches er schon zum Todesstreich entblößt hatte, weg, stieg vom Pfade ab, eilte mit Thränen zu Nathan's Füßen und rief: „Jetzt, theuerster Vater, erkenne ich deutlich Eure unerreichbare Freigebigkeit, wenn ich betrachte, mit welcher Vorsicht Ihr hierher gekommen seid, um mir Euer Leben selbst zu geben, nachdem ich mich ohne allen Grund gegen Euch selbst verlangend zeigte. Doch Gott, der um meine Schuldigkeit besorgter war, als ich selbst, hat mir in dem Augenblicke, wo es mir am nöthigsten war, die Augen des Verstandes geöffnet, welche ein elender Neid mir geschlossen hatte. Deshalb erkenne ich mich in demselben Maße, wie Ihr bereit gewesen seid mir zu willfahren, zur Buße meines Jrrthums verpflichtet; nehmt daher an mir die Rache, die Ihr meiner Schuld für entsprechend achtet." Nathan hieß den Mithridanes sich erheben, umarmte und küßte ihn zärtlich und sprach zu ihm: „Mein Sohn, Dein Beginnen, ob Du es nun böse oder anders nennen wollest, bedarf weder der Bitte um Vergebung, noch der Bewilligung derselben, da Du nicht aus Haß, sondern blos, um für besser gelten zu können, ihm gefolgt bist. Sei also von meinetwegen sicher und sei gewiß, daß kein Anderer lebt, der Dich so liebt wie ich, da ich die Größe Deiner Seele anschlage, welche nicht, wie der Geiz thut, Geld aufzuhäufen, sondern das Gesammelte freigebig zu verwenden, Dich antrieb. Und schäme Dich