Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1869)
- Date
- 1869-09-28
- Page
- Seite 796 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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796 E. Martiiiet nie migaon, 2. 1869; der Titel der anderen Schrift: „Kurze Schilderung der bisher fast unbekannten abyssinischen Juden (Falascha) von Martin Flad, Verfasser des Büchleins: „Zwölf Jahre in Abyssinien". l Basel, bei Spittler 1869.) Was die Form betrifft, so unterscheiden sich beide Schriften wesentlich, die des jüdischen Autors ist streng wissenschaftlich und objectiv gehalten, während die des christlichen Missionärs von dem gewöhnlichen Schwall, den süßlichen Redensarten, eitirten Schriftstellen u. s. w. überfließt. Jndeß tritt dies der Wahrhaftigkeit der Beobachtungen nicht zu nahe, was schon aus der Unparteilichkeit der Bergleichungen mit den abyssinischen Christen hervorgeht. Wir werden uns in der folgenden Darstellung an die Reihenfolge der Bemerkungen Hal6vy's halten, und die Schilderungen Flad's einschieben. Der Erstere bemerkt: „Beim ersten Anblick unterscheidet die Falascha Nichts von den abyssinischen Christen. Sie kleiden sich wie diese, ihre Priester tragen einen Turban wie die christlichen Priester, sie bauen ihre Häuser auf dieselbe Weise, sie verwenden dieselben Gerätschaften, und sprechen das Amharische mit derselben Reinheit und Leichtigkeit wie jene; aber eine genaue Prüfung überzeugt uns, daß sie sich in Vielem von ihnen unterscheiden. Die Falascha sind im Allgemeinen corpulenter und dunkler als die Amhara's; ihre Haare sind kürzer, und oft kraus, ihre Augen sind weniger groß, stehen weniger auseinander, ihr Gesicht weniger lang. Als ich sie sah, erinnerte ich mich an manche Züge der Bogos, der Abkömmlinge einer Colonie der Agaus von Lasta, und als ich die Bekanntschaft der Aemmantes, einer deistischen Völkerschaft agauischen Ursprungs, welche von Wahni bis Djanfankara wohnen, machte, überraschte mich die Aehnlichkeit, welche zwischen ihnen und den Falascha hinsichtlich der Physiognomie und des Dialektes besteht. Denn diese Falascha sprechen in der Familie einen Dialekt des agauischen Idioms; er ist ihnen so eigenthümlich, daß man ihn in dem Lande mit dem Namen Falaschina oder Kailina bezeichnet; oie Sprache in Kuara hat eine besondere Aussprache. Da die Falascha in diesem Dialekt in ihrer Familie ihren Kindern die Bibel übersetzen und sogar die Gebete im Tempel sprechen, so ist anzunehmen, daß diese Sprache, wenn sie nicht ihre ursprüngliche Sprache ist, ihnen doch länger bekannt ist als das Amharische. In meinem „Essai“ über die Falascha habe ich festzustellen versucht, daß die Agauische Sprache eine Stelle unter den Sprachen des Nordosten Afrikas einnimmt, von denen das Berberische und das Galla die äußersten, bis jetzt bekannten Grenzen bilden, und welche man in Zukunft unter dem Namen „Hamito-Semitische" zusammenfassen müßte." Späterhin bemerkt er, daß die Falascha die hebräische Sprache durchaus nicht kennen und auch wohl niemals den hebräischen Text der Bibel gekannt haben. Sie besitzen die Bibel nur in der äthiopischen Uebersetzung und nehmen nur die Schriften als autorisirt an, welche in dieser enthalten sind. Halsvy sucht über den Ursprung der Falascha eine wissenschaftlich geschichtliche Meinung zu erlangen. Er schreibt hierüber: „Ein den Falascha's eigentümlicher Ritus in Betreff der Beschneidung scheint mir ein Helles Licht auf ihren Ursprung zu werfen. Die Falascha nehmen, im Unterschiede von den übrigen Juden, diese Operation am siebenten Tage anstatt des achten vor und an beiden Geschlechtern. Nun erklärt sich der erste Umstand durch eine Variante des Geez-Textes, aber wie will man den zweiten erklären, welcher nicht im Pentateuch vorgeschrieben ist, wenn nicht dieser Gebrauch schon bei den Falasch's bestand, bevor sie das Judenthum annahmen, was uns zu der Annahme führt, daß sie Abkömmlinge der agauischen Race sind, die zu unbekannter Zeit und durch unbekannte Personen zum Gesetz Moses bekehrt wurden. Durch die Erwägungen, welche ich in meiner vollständigen Arbeit auseinandergesetzt habe, neige ich zu der Vermutung, daß das Judenthum in Aethiopien durch die Himjariten von Jemen eingeführt wurde, bei welchen der mosaische Glaube in den ersten Jahrhunderten der christlichen Aera sehr verbreitet war, und daß das jüdische Element besonders von den Himjariten stammt, welche als Gefangene nach Abyssinien durch den gewöhnlich Kaleb genannten König, Sieger von Du Nuas, ihren letzten König, kamen. Die Himjariten, welche in den Bergen jenseits des Takkazi Zuflucht suchten, um nach ihrer Religion leben zu können, haben einen Theil der Agau, der ursprünglichen Bewohner dieser Gegenden, bekehrt, und indem sie sich mit ihnen vermischten, haben sie den Falascha-Typus erzeugt, dessen Verwandtschaft mit dem der agauischen Race unbestreitbar ist." Flad erzählt uns dagegen die abyssinischen Legenden, nach denen die Falascha von einem Sohne Salomo's mit der arabischen Königin Menelek abstammen, der mit einer großen Anzahl Juden in Aethiopien eingewandert; oder die sie auch als Flüchtlinge von der assyrischen und babylonischen Gefangenschaft, oder gar nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer bezeichnen. Jndeß giebt auch er zu, daß Juden über Arabien und das rothe Meer nach Abyssinien gekommen. Flad weiß auch von der Beschneidung beiderlei Geschlechts sowohl bei den Falascha als bei den abyssinischen Christen, giebt aber an, daß sie am achten Tage geschehe, und wenn dieser auf einen Sonnabend falle, am neunten Tage, und werde sie von drei alten Frauen ohne alle Ceremonie vollzogen. Jndeß hierin hat wohl der jüdische Beobachter größere Glaubwürdigkeit zu beanspruchen. l Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. 23. Hrrschfeld. Verantwortlicher Redakteur fr*. H. Lotze.