Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1869)
- Date
- 1869-09-28
- Page
- Seite 793 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Au-cnthums. Feuilleton-Geilage ju Ur. 39. Leipzigs den 28. September 1869. Zwei kleine Novellen von Boccaccio. ii. Unzweifelhaft ist es, wenn wir anders den Berichten einiger Genuesen und anderer Leute trauen können, welche in jenen Gegenden waren, daß in dem Catai einst ein Mann von edlem Stamme und so reich, daß Niemand mit ihm sich vergleichen konnte, lebte und Nathan hieß. Dieser besaß ein Landgut nahe an der Heerstraße, auf der fast nothwendig Jeder vorüberziehen mußte, der aus dem Westen nach dem Osten oder aus Osten nach Westen reisen wollte, und da er von großer und freigebiger Gemüthsart war und darnach verlangte durch seine Handlungsweise bekannt zu werden, so ließ er hier in kurzer Zeit von vielen Meistern, die er im Dienste hatte, einen der schönsten, größten und reichsten Paläste, welche jemals gesehen waren, Herrichten und diesen mit allen den Dingen, welche zur Aufnahme und Bewirthung edler Männer geziemend waren, auf das Beste ausstatten. Im Besitz einer großen und schönen Dienerschaft, ließ er einen Jeden, der hin- und wiederwanderte, hier auf das Gefälligste mit freundlichem Willkommen empfangen und bewirthen. Und so lange beharrte er in diesem löblichen Gebrauch, daß nicht der Osten blos, sondern auch fast der ganze Westen ihn dem Rufe nach kannte. Als er nun mit Jahren schon beladen, doch immer noch seiner gastlichen Freigebigkeit nicht überdrüssig war, begab es sich, daß sein Ruf auch zu den Ohren eines jungen Mannes, Namens Mithridanes, aus einem Lande nicht fern von dem seinigen, gelangte. Dieser, der sich bewußt war, nicht weniger reich als Nathan zu sein, und der auf dessen Ruf, wie auf dessen Tugend neidisch geworden war, beschloß bei sich, durch noch größere Freigebigkeit die des Nathan zu vernichten oder zu verdunkeln. Nachdem er einen Palast, dem des Nathan ähnlich, hatte erbauen lassen, sing er an die ungemessensten Höflichkeiten, welche man je erwiesen hatten Jedem, der dort vorüber ging oder kam, zu erweisen, und ohne Zweifel wurde auch er in kurzer Zeit berühmt genug. Nun geschah es aber eines Tages, daß, während der Jüngling ganz allein in dem Hofe seines Schlosses weilte, ein armes Weib, die durch eine der Thüren desselben eingetreten war, ihn um ein Almosen bat und dies erhielt; dann durch eine zweite Thür zu ihm zurückgekehrt, dies noch einmal empfing, und sofort, bis zum zwölften Mal. Als sie jedoch zum dreizehnten Mal wiederkehrte, sagte Mithridanes zu ihr: „Gute Frau, Du bist gar eifrig in diesem Deinem Bitten." Nichtsdestoweniger gab er ihr ein Almosen. Als die Alte diese Worte hörte, rief sie: „O Freigebigkeit des Nathan, wie bist Du bewundernswürdig! Denn durch zweiunddreißig Thore, die sein Palast hat, gleich diesem, trat ich ein und bat ihn um Almosen, und nie wurde ich von ihm, so daß er es hätte merken lassen, erkannt, und immer erhielt ich die Gabe, und hier, wo ich nur zum dreizehnten Male erscheine, werde ich erkannt und verspottet." Und so sprechend schied sie, ohne wieder zurückzukehren. Als Mithridanes diese Worte der Alten vernahm, erachtete er, was er von dem Ruhme des Nathan hörte, für eine Beeinträchtigung des seinigen und ward von wüthendem Zorn ergriffen, so daß er ausrief: „Ich Unglücklicher, wann werde ich die Freigebigkeit des Nathan in großen Dingen erreichen, geschweige denn sie übertreffen, wie ich mich bestrebe, wenn ich selbst in den kleinsten ihr nicht nahe zu kommen im Stande bin? Fürwahr, ich bemühe mich umsonst, wenn ich ihn nicht aus der Welt schaffe, und das will ich, da das Alter ihn nicht wegräumt, ohne Aufschub mit meinen eigenen Händen verrichten." Mit diesem Ungestüm sprang er auf, und ohne seinen Entschluß Jemandem mitzutheilen, stieg er mit geringer Begleitung zu Pferde und gelangte am dritten Tage dahin, wo Nathan wohnte. Nachdem er hier seinen Begleitern befohlen, daß sie thun sollten, als gehörten sie nicht zu ihm und kennten ihn gar nicht, und bis auf weitere Nachricht für ihr Unterkommen Sorge tragen möchten, langte er gegen Abend dort an, und wie er nun allein war, traf er, nicht weit von dem schönen Palaste, auf Nathan, welcher ganz allein und ohne alle Pracht im Anzuge dort lustwandelte. Er kannte ihn nicht und fragte ihn daher, ob er ihm sagen könnte, wo Nathan weile. Freundlich antwortete ihm dieser: „Mein Sohn, Niemand ist in dieser Gegend, der Dir das besser Nachweisen könnte, als ich, und darum will ich Dich zu