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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-28 · Heft 39 (28.9.1869) · p. Seite 778

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 39 (28.9.1869)
Date
1869-09-28
Page
Seite 778 (sequence 2)
Language
German
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778 haben wir bisher nicht einmal einen offiziellen Bericht in Händen, sondern mußten uns mit den Relationen der Zeitungen begnügen, und wie diese vielfach entstellt sind, kann Niemandem entgehen, der z. B. die englischen Journale darüber gelesen. Die stenographischen Berichte werden dies nicht nachholen, weil sie gewiß zu umfänglich sein werden, um in die Hände des größeren Publikums gelangen zu können. Sie werden mich nicht mißverstehen; ich will mit meinen Worten keinen Tadel über irgend Jemanden ausgesprochen haben, kenne auch die wirkliche Lage der Dinge nicht; ich wollte nur ausdrücken, wie dem Theilnehmenden aus der Mitte des Publikums die Sache erscheint, und was ich für wünschenswert gehalten hätte. Frage ich mich aber, was wohl für Schwierigkeiten den praktischen Erfolgen der Synodal-Beschlüsse entgegenstehen, so erscheinen sie mir allerdings sehr groß, so daß nur ein großer Aufwand von Kraftanstrengung sie zu überwinden vermöchte. Daß dies an den Beschlüssen selbst nicht liege, beweist der Umstand, daß, so viele Angriffe und Verdächtigungen vor dem Eintritt der Synode gegen diese geschleudert wurden, eine erhebliche Antikritik nach ihr nicht verlautbar wurde. Die erste Schwierigkeit entsteht durch die Opposition der Stabilen, unter denen ich von der Lehmaiiii'schen unb Hirsch'schen Clique absehe, da diese wirklich ohne Bedeutung ist. Sie unterhält durch ihre Schimpfereien, Verketzerungen, Lugen und Uebertreibungen eine gewisse Klasse von Lesern. Würden sie wirklich die Oberhand gewinnen, so ließe sich überhaupt nichts weiter thun, der Verfall würde seinen ungehinderten Fortschritt nehmen, bis er sich durch sich selbst erdrückt hätte. Diese Leute sind die wahren Verwüster alles Lebens im Judenthume, die Laufkäfer, welche alle frische Saat abfressen, und nur ein todtes Feld verdorrter Halme hinter sich lassen. Das zweite Hinderniß bilden die Anhänger des Breslauer Seminar- Vereines, von denen nicht wenige in Stellen fungiren, wo sie der Weiterentwickelung entgegen ihr bestimmendes Votum nachdrücklich geltend machen. Gerade der Synode gegenüber haben sie, noch ehe jene ein Wort gesprochen, sick so engagirt, und namentlick gegen Herstellung eines edleren Gottesdienstes sich in einer Weise ausgesprochen, welche einer Partei, die stets die Wissenschaft im Munde führt, am wenigsten zukommt. Die Früchte ernten sie jetzt. Bon der einen Seite mit gerechtem Mißtrauen angesehen, werden sie jetzt zur Zielscheibe für die Geschosse der Lehmanns und Hirsch's. Diese in ihrem Instinkte sehen in ihnen, zwar nicht ihre Gegner, aber diejenigen, die ihnen am meisten Schaden thun, indem sie durch ihre Halborthodoxen denjenigen Theil des jüdischen Publikums an sich ziehen, welchen jene noch allenfalls zu capern gedachten. Aber das dritte und größte Hinderniß ist der Jndifferentismus und die Trägheit derer, welche die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit der Synodalbeschlüsse anerkennen und zugestehen, aber viel zu indolent sind, um für eine Ausführung derselben eine Hand zu rühren. Damit ich ganz offen sei, will ich sagen, daß ich mich nicht der Meinung entschlagen kann, viele der Mitglieder der Synode selbst, sowohl von den Rabbinen als von den sg. Laien, gehören hierher. In der Versammlung selbst gaben sie ihr Votum ab, begeisterten sich auch, wurden von den dort gehaltenen Reden entflammt und entflammten sich zu eigenen Reden. Nach Hause zurückgekehrt, sind sie abgekühlt, und sind vielleicht froh, wenn man sie nicht wieder daran erinnert. Aber haben vielleicht die in der Synode anwesenden Rabbinen Berichte und Aufforderungen an ihre Gemeinden gerichtet? Haben die Vertreter der Gemeinden, die gewählt und abgeschickt worden, dies gethan? Ich bescheide mich, daß ich es nicht weiß — aber warum macht man nicht, daß man es wissen könne? Warum theilt man es nicht öffentlich mit? Wer eine Mission übernimmt, sei es aus eigenem Antriebe, sei es im Aufträge Anderer, der hat die Verpflichtung, sie durchzuführen, und dies geschieht nicht, wenn man sie fallen läßt, und wie von einer verzehrten Schiiffel fortgeht, ohne weiter daran zu denken.- Wenn ich durch diese freimüthige Auslassung einige Anregung gegeben hätte, einen Anstoß zu Weiterem, so würde mich dies sehr freuen. Allein der eigentliche Zweck meines Briefes ist dies nicht. Vielmehr wollte ich gerade hierdurch der Frage entgegentreten, welche schon jetzt auf den Lippen Vieler schwebt, und bald noch öfter wiederholt werden wird — freilich ohne daß der Frager daran denkt, daß er selbst die Mitschuld trägt — der Frage: wozu nützt also die Synode? Die Antwort-lautet einfach: Gut Ding will Weile haben; gerade dadurch, daß die praktischen Erfolge der ersten Synode bis jetzt unerkennbar sind, bedarf es der zweiten, dritten und fol> genden um so mehr. Die Indolenz muß aufgerüttelt, der Sinn immer mehr geweckt und die Thatkraft angefeuert werden. Den Gegnern, welche ich oben geschildert, gegenüber muß die Synode die Fahne werden, um welche sich die Wohlgesinnten, die Strebenden, alle die-

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