Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1869)
- Date
- 1869-09-21
- Page
- Seite 775 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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775 sehr bemerkenswerthe Ereigniß hinweggehen kann. Es waren bei der Neuheit der Idee nur etwa 90 Gemeinden in Leipzig vertreten, aber unter den geistlichen und weltlichen Mitgliedern befand sich eine glänzende Reihe von hervorragenden wissenschaftlichen und rednerischen Capacitäten aus allen Parteiungen des fortschrittlichen Judenthums. Wir nennen nur die Namen Philippson, Geiger, Adler, Goldschmidt, Herxheimer, Prof. Fürst, Prof. Lazarus, Astruc aus Brüssel u. s. w. Auch.aus England und Amerika hatten sich Theilnehmer eingefunden. Schon der äußere Anblick der Versammlung gewährte bei der Eröffnungsfeier, wie bei allen weiteren, stets von einem sehr zahlreichen Publikum besuchten Sitzungen, ein in besonderem Grade eindrucksreiches, ja imponirendes Bild durch den würde- und stimmungsvollen Ernst der Haltung, durch die geistige Noblesse und den leuchtenden Ausdruck edler Bildung und Intelligenz in der Fülle der interessanten Gestalten und charakteristischen Köpfe. Es war ein zugleich malerisches und elegantes Gepräge, das sich hier zu einem ganz eigenthümlich fesselnden Eindrücke vereinigt hatte. Auch mit Bezug auf die Sache überzeugte sich der nicht mit Befangenheit hereingetretene Beobachter von vornherein, daß er es nicht mit einer Angelegenheit zu thun habe, welche der Zeitgeist vornehm von sich zu weisen, sondern die er mit Freuden zu begrüßen und mit Beseitigung jedes schnöden Vorurtheils in den Kreis seiner Gesammtbestrebungen für Verwirklichung des großen Humanitäts- und Freiheitsgedankens auzunehmen hat. Denn hier war nichts von hierarchischer Anmaßung, von pfäffischem Dünkel, von geistlicher Bevormundungssncht und offener oder verschämter Unduldsamkeit gegen Andersdenkende. In einer Weise, wie wir es nicht erwartet hatten, sahen wir vielmehr auf diesem Boden, innerhalb der Grenzen einer bestimmten Confession und ihrer überkommenen Formen, den innersten Kern des modernen Bewußtseins, die Abwendung von allem Tobten, Abgestorbenen und Inhumanen, das arbeitsame Ringen nach freier und lebendiger Fortentwickelung bereits zu reifer und kräftiger Saat gezeitigt." Kleine Mittheilungen. Was ist denn der Ursprung der Sage vom „ewigen Juden"? wird sich wohl schon mancher der geehrten Leser dieser Blätter gefragt haben. Diese dunkle, unheimliche Sage, die aus finsterem Mittelalter stammt und an die der Judenhaß Gewicht um Gewicht hing, hat ihren fast unglaublich kleinen Ursprung aus den Worten des Evangeliums Johannis (21, 22 ff.) genommen, wo Jesus von Johannes sagt: „So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht es Dich an? Folge Du mir nach. Da ging eine Rede aus unter den Brüdern: „„Dieser Jünger stirbt nicht."" Matthäus Parisiensis ist der erste, der die im 11. Jahrhundert entstandene Sage erzählt, in der sich eine Hindeutung auf das jüdische Volk birgt, das durch alle Welt zerstreut nirgends sich eine Heimath gründen darf. Die Sage läßt jenen „ewigen Juden", der nicht sterben kann, einen Schuhmacher Namens Ahasverus in Jerusalem sein, der Christus von seiner Schwelle wies, als er auf dem Wege nach Golgatha vor seinem Hause auSruhen wollte. Die Sage ist überall heimisch geworden; das Volk hat sich in Liedern, in Erzählungen ihrer bemächtigt und auf den Jahrmärkten lag die Geschichte vom ewigen Juden neben Genovefa und dem gehörnten Siegfried und fand vielleicht noch mehr Glauben als „biefe, weil sie den Judenhaß nährte unv ihm eine Folie gerechter Rache, das Vergehen am Heiland, lieh. Der Volksglaube ließ ihn von Zeit zu Zeit in den Dörfern erscheinen, ein Glaube, der so festgewurzelt war, daß das Volkslied der verschiedensten Nationen mit gleicher Einhelligkeit die Gestalt des unbekannten Greises schildert, der vor der Thüre der Schenke erscheint, um sich auszuruhen und zu laben, aber von der Neugierde der rohen Bauern verfolgt und bedrängt, ungelabt von dannen getrieben wird — ruhelos — ruhelos. Epische Behandlung hat die Sage vielfach gefunden; wir erwähnen nur A. W. v. Schlegel, Mosen, Lenau, Zedlitz, Pfitzer, Smets, v. Schenk u. A. —Iq.— Richard Wagner und Meyerbeer. Meyerbeer gehört bekanntlich zu denjenigen Componisten, welche Richard Wagner in seinen Schriften, wie „Oper und Drama", und „Das Judenthum in der Musik" auf das Heftigste angreift und auf das Tiefste herabwürdigt. Ob Wagner in seiner Berurtheilung des Künstlers Meyerbeer Recht hat, wollen wir nicht untersuchen; die Welt hat bereits ihr Urtheil gefällt. Eine kürzlich erschienene Biographie Meyerbeer's wirft auf die Art und Weise der Berurtheilung ein Licht, das für Wagner als Menschen zum Mindesten nicht schmeichelhaft ist. Mendel erzählt S. 90 und 91: „Der Spätsommer und Herbst sah den unermüdlichen Turisten (Meyerbeer) wieder in Berlin, wo er für den Geburtstag des Königs, 15. Oktober, die von ihm vorgeschlagene Festoper „Rienzi" von R. Wagner mit gewohnter Sorgfalt selbst einstudirte, damit der zur Direction seines Werks besonders eingeladene Componist Alles würdig vorbereitet fände. Hier ist der Ort, über den Verkehr Meyerbeer's mit jenem Wagner ein Wort zu reden, welches allerdings nur für das edle, wohlwollende Künstlerherz des Ersteren ehrenvoll ist. Im Jahre 1840 hatten sich beide in Frankreich, wohin Wagner zu bitterer Enttäuschung großartiger Hoffnungen verschlagen worden war, kennen gelernt, und Meyer-