Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1869)
- Date
- 1869-09-21
- Page
- Seite 776 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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776 beer hatte sich, seinem Charakter gemäß, des physisch wie moralisch gedemüthigten und niedergedrückten Kunstcollegen und Landsmanns angenommen und ihm, um ihn zunächst von materieller Noth zu befreien, literarische und musikalische Beschäftigung bei dem Verleger M. Schlesinger in Paris verschafft. Ueber den weiteren Verkehr beider schrieb der gut unterrichtete, wagnerfreundliche C. Gaillard in seiner „Berliner Musikzeitung" (Jahrgang 1844, Nr. 7): „In Boulogne machte er (R. Wagner) Meyerbeer's Bekanntschaft, der ihn mit dem liebenswürdigen und hochherzigen Wohlwollen gegen jüngere Kunstgenossen begegnete, das eine so schöne Seite in dem Charakter des großen Componisten bildet. Wagner ging nach Paris. Meyerbeer war leider nicht immer in Paris, wenn er aber dort weilte, waren sein Eifer und seine Bemühungen jedesmal Sterne in der Drangzeit Wagner's. Mit den berühmtester Pariser Componisten wurde er gleichfalls bekannt, aber er fand bei keinem das deutsche Herz. Eine schon eingeleitete Aufführung des „Liebesverbots" in französischer Sprache scheiterte an dem Bankerotte des Renaissance- Theaters. Er componirte darauf eine Ouvertüre zu Goethe's „Faust", einige französische Lieder und den „Rienzi". Meyerbeer, der indessen wieder in Paris angekonnnen, brachte ihn mit dem Director der großen Oper zusammen. Die Unterredung ließ den Entwurf zum „Fliegenden Holländer" zur Reife gedeihen. Meyerbeer reiste ab, und der Herr Director wurde vergeßlich..... Nun begann die traurigste Zeit für Wagner, seine babylonische Gefangenschaft. Dieser Geist, zum Schaffen geboren, mußte, um für sich und sein Weib die nothwendigsten Lebensbedürfnisse zu gewinnen, die allererbärmlichsten Arrangements übernehmen, sogar für Cornei ä piston. Im Frühjahr 1541 zog er nach Meudon und componirte dort nach seiner eigenen Dichtung in sieben Wochen den „Fliegenden Holländer". Er schickte die Partitur nach Leizig und München; sie kam zurück. Er schrieb wieder an Meyerbeer, und dieser bewirkte die Annahme des „Fliegenden Holländers" in Berlin." — Soweit jener Berichterstatter. Sobald Wagner in eine unabhängigere Stellung gelangt war, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als Meyerbeer seine Dankbarkeit zu beweisen, und zwar that er dies in der Weise, daß er ohne denkbare äußere Veranlassung seinen Wohlthäter zur Zielscheibe erbitterter öffentlicher Angriffe machte. — L — Ein eigentümlicher Proceß schwebt gegenwärtig in Samt er. Die evangelische Gemeinde hatte das sogenannte Kantorlaud, welches unmittelbar hinter beut evangelischen Kirchhofe belegen ist, mit der Bedingung an die jüdische Corporation verkauft, daß dem evangelischen Prediger der über jenes Land hinweg auf sein Land führende Fußsteg zur Benutzung bleiben und zu diesem Behufe in der neuen Hinteren Umwährung von der letzteren eine verschließbare Pforte angebracht werden solle, deren Schlüssel dem evangelischen Prediger zu übergeben sei. Die Pforte ward hergestellt, aber sofort wieder mit starken Drahtnägeln vernagelt. Auf Antrag des evangelischen Predigers erhielt nun der Kirchendiener vom Kirchenrathe den Auftrag, die Pforte abzulösen und bei Seite zu stellen. Diesem Aufträge nachkommend, bemerkt er auf dem Fußwege, unmittelbar vor der Pforte, einen Erdhügel, führt aber demungeachtet seinen Auftrag aus. Nunmehr läßt die Corporation die Pforte durch zwei eiserne Stangen und große Nägel von Neuem vernageln, weil ihrer Angabe nach auf dem Fußstege eine Leiche begraben ist. Der Herr Bürgermeister, endlich von dem Vorfälle in Kenntniß gesetzt, fordert die Corporation auf, die Pforte zu öffnen und mit Schloß und Riegel zu versehen, jene Leiche aber auf anderem Platze zu bestatten. Der ersten Aufforderung kam die Corporation schließlich nach, weigert sich jedoch in Betreff der letzteren entschieden, weil das Umsetzen von Leichen wider jüdischen Ritus sei. Beide Gemeinden haben gegenseitig wegen Besitzstörung geklagt und man ist auf den Ausgang sehr gespannt. Curlosum. Aus Posen schreibt man: Der Kaufmann Elkeles, welcher vor mehreren Jahren bei einem Brande in Californien sein ganzes Hab und Gut eingebüßt, hatte gleichzeitig vor Schrecken Gehör und Sprache verloren. Seitdem lebte der Mann hier bei Verwandten, und vermochte sich mit seinen Umgebung nur durch Gesten, als er vor zwei Jahren erkrankte, mit dem behandelnden Arzte, Medicinal - Assessor Dr. Kohrr, nur durch Schreiben zu verständigen. Am Sonnabend, mitten im inbrünstigen Gebet in der hiesigen Synagoge, hat er durch einen jähen Hellen Aufschrei seine ganze Umgebung in staunende und freudige Ueberraschung versetzt, und seitdem hört und spricht er wie ein Gesunder. Verlag von Baumgartners Buchhandlung iu Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur LZ«'. H. Lotze«