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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-21 · Heft 38 (21.9.1869) · p. Seite 763

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 38 (21.9.1869)
Date
1869-09-21
Page
Seite 763 (sequence 7)
Language
German
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763 in Ordnung gehalten. Zwischen bewohnten Häusern begegnet man oft vielen eingefallenen von ihren Bewohnern verlassenen, vielen mit beschädigten Dächern. Die aufeinanderfolgenden Mißerndten der letzten Jahre sind die Ursachen dieses traurigen Zustandes: die Colonisten verarmten und, von der Roth gezwungen, mußten sich zwei bis dreiFamilien in einer Wohnstube zusammendrängen; Andere sahen sich gezwungen, die Colonien ganz zu verlassen und in den benachbarten Städten sich und ihren Familien Brod zu suchen. Die Mißerndte vom vorigen Jahre war eine totale und hat den Wohlstand der Colonisten bedeutend zerstört, jedoch war man nicht genöthigt, zu außerordentlichen Unterstützungen seitens der Regierung zu greifen; die Colonisten ertrugen es mit eigenen Mitteln und war es ihnen noch möglich, ihre Felder für das Jahr 1869 zu besäen. Laut den letzten Nachrichten steht in diesem Jahre eine reiche Erndte bevor. Nach dem Zeugniß der Ortsbehörden bearbeiten die Juden ihre Felder, trotz den ungünstigen Verhältnissen, in die sie durch die aufeinander folgenden Mißerndten gerathen sind, sehr fleißig, obwohl sie nebenbei auch Kleinhandel und Handwerke zu treiben lieben. Fabriken giebt es in den Colonien nicht, dagegen haben sich in denselben viele Handwerker niedergelassen. Die Colonien haben ihre eigenen Tischler, Zimmerleute, Maurer, Zimmermaler, Stukkateurarbeiter u. s. w.; außerdem findet man viele Schuster, Schneider, Kürschner und andere Handwerker, die auch von den benachbarten Dörfern frequentirt werden und sich eines angemessenen Wohlstandes erfreuen. Die Jüdinnen sind sehr haushälterisch und ungeachtet ihrer großen Familien, helfen sie ihren Männern bei der Erndte und arbeiten in den Gärten. —- Die Juden heirathen sehr jung und darum sind ihre Familien sehr groß; die verheiratheten Söhne trennen sich bei erster Möglichkeit von ihren Vätern und legen neue Wirthschaften an. Die Colonien sind in 45 Sprengel getheilt, in denen i Synagogen, 45 Bethäuser und 13 Rabbinen sich befinden. Die jüdischen Colonisten stehen in geistiger Entwickelung ziemlich hoch und fangen an von vielen veralteten Vorurtheilen merklich abzulassen, indem sie in Lebensweise, Kleidung und Gewohnheiten sich den sie umgebenden russischen Bauern nähern. Der jüdische Jargon ist mit der kleinrussichen Mundart, mit der die Colonisten ganz vertraut sind, vermischt. — Die religiösen Gebräuche werden streng beobachtet; Fälle der Trunkenheit kommen fast niemals vor. Die gute Sittlichkeit der Colonisten wird durch die verhältnißmäßiH geringe Zahl von Verbrechern aus ihrer Mitte bezeugt. Bon den 11279 Seelen männl. und 10565 weibl. Geschl. der Chersoner Colonien kamen im Laufe des Jahres 1858 5 Männer für Criminalverbrechen und 68 Männer und 4 Frauen für kleinere Vergehen ohne Arrest vor Gericht, von den 6465 Seelen männl. und 5723 weibl. Geschl. der Jekaterinoslawer Colonien aber im Laufe desselben Jahres nur 1 Verbrecher und 6 ohne Arrest. Bis zum Jahre 1868 ging die Erziehung der Jugend in den Colonien durch die unwissenden Melamdim vor sich. In jenem Jahre aber äußerten einige Colonien den Wunsch, Schulen zu eröffnen, was auch gleich in Erfüllung ging. Es sind nun in vielen Colonien Schulen eröffnet, in welchen 10 Lehrer und 1 Melamed sich mit der Erziehung der Jugend beschäftigen, und die von 1384 Schülern besucht werden, ungefähr 1 Schüler auf 8 Steuerzahlende. In den Schulen wird russisch, hebräisch, Religionslehre und Arithmetik gelehrt. Die jüdischen Colonisten stehen in dieser Hinsicht nicht nur weit über den russischen Bauern, sondern auch über den bulgarischen Colonisten, bei welchen letzteren, trotz der Bemühung der Regierung, nur 1 Schulbesuchender auf 26 Steuerzahlende kommt. In den Colonien befinden sich 66 Verstümmelte, die sich nicht durch eigene Arbeit ernähren können und von ihren Verwandten gepflegt werden. Die Obdachlosen, 200 Seelen, werden von den Wohlhabenderen als Arbeiter gemiethet oder in die benachbarten Städte entlassen, um Arbeit zu suchen. Besondere Wohlthätigkeitsanstalten zur Verpflegung der Waisen und der zur Arbeit Untauglichen gibt es vorläufig in den Colonien nicht, aber seit 1854 ist den Colonisten, die nach den Städten zur Arbeit entlassen werden, eine kleine Steuer auferlegt worden, deren Ertrag zur Errichtung von Wohlthätigkeitsanstalten verwendet werden soll. Gegenwärtig befinden sich zu diesem Zwecke 11,215 Rubel in verschiedenen Werthpapieren. — Die Volksverpflegung ist einigermaßen durch die Vorrathskammern gesichert, deren es 26 gibt und in denen 12749 Tschetwert Getreide Platz finden. Um den erkrankten Colonisten ärztliche Hilfe zu gewähren, wohnt in der Colonie Groß-Nahartaw ein besonderer Arzt. Bei außerordentlichen Fällen werden auch der Coloniearzt aus Odessa und die Kreisärzte herbeigeholt. In obengenannter Colonie, die sich fast

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