Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-21 · Heft 38 (21.9.1869) · p. Seite 762

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 38 (21.9.1869)
Date
1869-09-21
Page
Seite 762 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226729--27602-3263189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

762 und Phasen, vom innigsten und kindlichsten Gottglauben bis zum Nihilismus und Atheismus zum Vorschein kommen. Das hat nun aber wahrlich nichts zu sagen. Der Gottglauben liegt so tief in der menschlichen Natur und hat ebensosehr jede Klarheit der vernunftgemäßen Anschauung wie die tiefsten Regungen des menschlichen Herzens und das ganze Ahnungs- und Gestaltungsvermögen der menschlichen Einbildungskraft für sich, daß er den Nihilismus nicht zu fürchten hat, und aus solchen Kämpfen nur geklärt und gestärkt hervorgeht. Dies ist unsre Ueberzeugung; die des Verfassers ist eine andere: sie findet Gott nur hinter verknöcherten Formen einer mittelalterlichen kirchlichen Gestaltung. Wo diese Formen aufhöreu, hört ihm das Judenthum, Hort ihm das Christenthum auf. Das Judenthum aber ist der Gottglauben, und die Formen, in der dieser zur Erscheinung kam, waren im Mosaismus, im Prophetismus, im Talmudismus und Rabbiuismus andere und zwar sehr verschiedene, die sich zwar aus einander entwickelten, einander aber nicht verleugneten und inuner die Träger desselben Gottglaubens waren. Getrost und seiner selbst bewußt trat das Judenthum, immer derselbe, unveränderliche Gottglauben, mit der erwachenden freien Geistesbewegung in eine neue Entwickeluugsphase seiner Formen, und fürchtet weder den Kampf mit Nihilisten, aus welchem Lager sie hervorgehen, noch mit Pietisten und Reaktionären, die ihm den Nihilismus mit Augenverdrehen und Händefalten vorwerfen wollen. Geht Ihr nur Eures Weges, wir gehen den unsrigen. Menschen können nicht zerstören, was Gott in einer viertausendjährigen Gescheckte gebaut hat. dürr aber gebet nicht für Gotteswerk aus, was zeitliche Menschen zusannnengezimmert, wohl segensreich für ihre, aber nicht für alle Zeit. Die Auswanderung von Juden aus den westrussischen Provinzen. VII. In dem Bestreben, die obschwebenden Fragen über die Auswanderung immer mehr zur Klärung zu bringen, geben wir folgende, uns aus Wladislawow, Gouvernement Suwalki, zugekommeue Correspondenz. Obschon wir in derselben einige Widersprüche finden, da der Zustand der jüdischen Kolonien anfangs mit Zügen des Verfalls, dann aber mit anerkennenswerten Resultaten geschildert, die Auswanderung aus Rußland als schwerlich zu erzielen, aber auch die Einwanderung in das Innere von großen Hindernissen umgeben dargestellt wird: so liegen doch den meisten Angaben nicht zu bezweifelnde statistische Notizen zu Grunde. Die jüdischen Colonien in den neurussischen Gouvernements. In der Zeit, wo die Auswanderung unserer so stark heimgesuchten westrussischen Glaubensgenossen so viele Edle unserer ausländischen Brüder beschäftigt und man über das Wohin? noch nicht einig werden kann, wird es vielleicht von practischem Nutzen sein, den Zustand der jüdischen Colonien im Innern Rußlands genau kennen zu lernen. Einen interessanten Bericht über die Colonien liefert uns Herr Schmakoff in Nr. 9, 10, 11, der seit dem 16. Mai zu Odessa in russischer Sprache erscheinenden jüdischen Zeitnng Djen (Tag). Wir entnehmen jenem Berichte Folgendes: Die jüdischen Colonien, 43 an der Zahl, sind über die öden Steppen der Kreise Cherson und Bobriuez, im Gouv. Cherson, und Jekaterinoslaw und Werchnedneprowsk im Gonv. Jekaterinoslaw zerstreut. Der den jüd. Colonisten zugefallene Boden ist ein ziemlich fruchtbarer, doch nicht der beste jener Gegenden; größlentheils sind es erhöhte wasserarme Steppen mit tiefen Schluchten, die nördlich in den Dnepr münden. Die Besitzungen der Colonien fangen am Dnepr, nahe der Stadt Berislaw an und ziehen sich, von Krön- und Privatbesitzungen unterbrochen, in gerader Linie nach Süden hin, der Strömung der Jngulez und Saksagani aufwärts folgend. Die Colonien zählen jetzt 2857 Familien oder 17744 Seelen männl. und 16288 Seelen weibl. Geschl. und nehmen 206,062 Defätine 895 Sashen Boden ein; davon sind an die Colonisten vertheilt 128,880 Defätine, das übrige Land wird verpachtet und die Einnahme wird zur Vermehrung des jüdischen Uebersiedelungscapitales verwendet, das gegenwärtig aus 7140 Rubel 86^2 Kop. baar und 20818 Rubel 82 Kop. in Schulden besteht. Die Colonien, obwohl nach bestimmten, von der Regierung vorgezeichneten Plänen angelegt, zeichnen sich nicht durch ihren schönen Anblick aus; es findet sich in denselben wenig Grün und die Häuserreihen sind selten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.