Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1869)
- Date
- 1869-09-21
- Page
- Seite 761 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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761 fett, der Mißachtung gegen .Christenthum und Christen beseele. Es ist dies abermals em Fehlschluß. Die Juden früherer Zeiten waren viel zu sehr in ihren eigenen Kreis eingeschloffen, und schaueten zu wenig auf die Dinge außerhalb des letzteren, um sich anders als zur eigenen Vertheidigung über das Christenthum auszulassen. Wenn dies geschah, waltete mit sehr geringen Ausnahmen der ruhige Geist der Forschung und Untersuchung vor, und wenn selbstverständlich dabei die Lichtseiten des Judenthums ebenso wie die Schattenseiten der christlichen Lehre stärker hervorgehoben wurden, so war es die eigene Ueberzeugung, nicht aber Feindseligkeit, welche das Wort führte. Der Kusari von Juda Halevy steht hierfür an der Pforte aller späteren Diskussionen und ist ein rühmliches Zeugniß für die jüdischen Meister. Man wird sagen, daß die Furcht vor Strafen die Juden abhielt, sich maßlos über das Christenthum zu äußern und ihren inneren Aerger auszusprechen. Es mag dies immerhin ein Motiv gewesen sein. Aber abgesehen, daß sich Wege genug finden lasten, um ungestraft seiner leidenschaftlichen Bewegung Luft zu schaffen, so steht als Faktum fest, daß die Juden die gegen ihre Religion tausendfach geübte Feindschaft in keinem erheblichen Maße erwidert haben, und daß es daher nichts als Lug und Trug ist, wenn man ihnen eine feindselige Stellung gegen das Christenthum insinuirt. Wie sollten nun die gegenwärtigen Juden dazu kommen, in einer Zeit, wo schließlich ein Jeder nach seiner Fa?on leben kann, wo nur aus den Winkeln des ultramontanen und pietistischen Lagers sich bisweilen noch die alten Stimmen gegen das Judenthum hören lassen, dagegen eine achtungsvolle Anerkennung der großen Wahrheiten und Tendenzen des Judenthums sich immer mehr Bahn bricht, in einer Zeit, wo Licht und Wind zwischen den Kämpfenden billig vertheilt sind, und gegen jeden Angriff auch die Vertheidigung frei steht, wie kämen wir jetzt dazu, eine feindselige Stimmung gegen das Christenthum zu hegen und auf gehässige Weise zum Ausdruck zu bringen. Es versteht sich von selbst, daß im Äudenthume selbst, in seiner Existenz und seinen Lehren eine Opposition gegen die christlichen Dogmen liegt, und daß diese Opposition in den Lehrbüchern, in wissenschaftlichen und populären Abhandlungen sich darlegt. Aber ist der Ausspruch eines Gegensatzes eine Feindschaft? Braucht sie irgendwie den Charakter der Gehässigkeit anzunehmen? Wenn die eigene Ueberzeugung sich darlegt, und maßvoll ihren Charakter behauptet, liegt darin ein Moment der Feindseligkeit, der Gegnerschaft? Was aber die Kritik des Christenthums, seiner Kirchen und heiligen Schriften betrifft, so vermögen Juden kein Wort mehr zu sagen, als christliche Autoren schon gesagt haben, und unter denen, welche in dieser Weise scharf gegen das Christenthum losgingen, befinden sich sehr wenige Juden und diese gerade haben den ruhigen Pfad der Untersuchung am wenigsten verlassen. Uebrigens haben dieselben Kritiker sich nicht minder gegen die Urgeschichte und Urkunden des Judenthums gewandt als gegen die des Christenthums. Ueberhaupt ist es nicht zu übersehen, daß die eigentlichen Feinde des Christenthums in gleicher Weise auch Feinde des Judenthums sind, denn sie richten ihr Schwerdt gegen alle positive Religion, also zunächst gegen die Mutter derselben, das Judenthum. So lange die Juden nur die Gleichberechtigung fordern, finden sie diese auf ihrer Seite. Aber wenn die Juden nur das geringste Gelüste zeigen, ihre Religion zu erhalten und zu festigen, ihrer Glaubensgenossenschaft als solcher einen Bestand zu sichern, so machen jene Front gegen die Juden und ergehen sich fanatisch in Schmähungen des Judenthums, wie es nur je klerikale Fanatiker gethan haben. So liegen die Dinge, unparteiisch betrachtet. Aber der Kreuzrittler will das gar nicht; die Juden sollen Feinde des Christenthums, Unterwühler desselben sein und um sie dafür auszugeben, erklärt er sie allesammt für Nihilisten. Er verdreht dabei die Augen, und ruft aus: „Wem Gott nicht heilig, dem ist nichts heilig!" Wir drehen den Satz um und sagen: „Wem nichts heilig ist, wem Wahrheit und Gerechtigkeit in Wort und Thal nicht heilig sind, dem ist auch Gott nicht heilig!" der besitzt keine Gottesfurcht, der ist ein Heuchler. Wir geben zu, daß es unter den gegenwärtigen Juden auch Nihilisten giebt und haben dies auch selbst oft ausgesprochen. Aber ihre Zahl ist gering gegen die Legion von christlichen Nihilisten. Und wenn wir nun ebenso folgern wollten, weil es christliche Nihilisten giebt, sind alle Christen Nihilisten, und keinem Christen ist Gott heilig: wie würde man uns steinigen wollen. Aber wir bedanken uns für diese Logik der „Kreuzzeitung" und des Verfassers. Wir sagen, die freie Bewegung des Geistes ist das Leben des Geistes; Gott selbst hat den Menschengeist so geschaffen, daß ihm die freie Bewegung die Lebenslust, jede Unterdrückung derselben Verdumpfung, Erstarrung, Tod ist. Aber die freie Bewegung des Geistes bringt es mit sich, daß alle Stufen