Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1869)
- Date
- 1869-09-21
- Page
- Seite 760 (sequence 4)
- Language
- German
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760 die geringste anzuführen. Wir vermöchten das Gegentheil in Menge. Er begnügt sich mit einer doktrinären Behauptung, die äußerst schwach ist. Die menschliche Natur läßt sich nicht wie eine leere Düte umstülpen. Wenn das Judenthum in seinem Bestände von fast vier Jahrtausenden die Nationalität zu seinem eigentlichen Kernpunkt gehabt, wie der Berf. behauptet, wenn die Juden während dieser ganzen Zeit die zäheste Nationalität bethätigt haben, so ist damit erwiesen, daß ihre innerste Geistesexistenz, ihr ganzes geistiges Wesen in dem Gefühle der Nationalität, in der dichtesten nationalen Lebenslust beruhet. Daran kann ein Wechsel äußerlicher Verhältnisse und gewisser Geistesformen mit Einem Schlage nichts ändern, vielmehr müßte es die Consequenz der Natur sein, daß ein solcher Geist, wenn er sein altes Objekt verliert, sich sofort auf ein anderes gleichartiges wirft, und darin seine Gefühls- und Gedankenwelt eoncentrirt, mit einem Worte, die Juden müßten ihr Nationalgefühl von dem erträumten Palästina, im Augenblicke wo ihnen dieses schwindet, auf die deutsche, französische, brittische u. s. w. Nationalität werfen. Der Verfasser thut aber, als ob dieses innerste Wesen und Leben der Juden, wie Staub vom Haupte abgeschütlelt, das viertausendjährige Nationalwesen in ihnen mit Einem Male in den Kosmopolitismus, und zwar zugleich in die feindseligste Gegnerschaft des Nationalwesens umgewandelt worden wäre. Fürwahr, solche Behauptungen bezeugen nichts als die leichtfertigste Oberflächlichkeit des eigenen Gefühls, den äußersten Mangel an allem eigenen Nationalgefühl. Entweder die Juden waren stets Kosmopoliten, oder sie sind es noch heute nicht, sogar wenn sie selbst sich so gerirten, denn der Mensch täuscht sich auch über sich selbst; oder sie waren stets national, und sind es noch heute. Sie hängen ihr Herz an ein Vaterland, an eine konkrete nationale Erscheinung, und wenn ihnen die Ueberzeugung geworden, daß die Rückkehr nach Palästina nach den gegebenen Verhältnissen undenklich ist , und nur als ein mysteriöser Akt der göttlichen Vorsehung in einer unerkennbaren Zeitferne angeschaut werden kann, so schließen sie sich um so inniger an die Nationalität an, die sie jetzt unbedingt in ihren Schoß ausgenommen hat. Wir würden dies weiter ausführen und noch mehr dokumentiren, wenn wir voraussetzen könnten, daß der Vers, jenes Artikels nur eine Ahnung von dem psychologischen Leben des Menschen, von den inneren Prozessen seiner Natur hätte. Die Wirklichkeit zeigt uns, daß es unter den Juden ganz ebenso wie unter den Christen alle Schattirungen der politischen Ueberzeugung und des politischen Charakters giebt; sie lehrt uns, daß Kosmopolitismus und Nationalität an sich durchaus keine Gegensätze sind, noch dazu, da jener mehr ein Produkt der Vernunft, diese mehr ein Element des Gefühls ist, ja, daß so gut wie Familienliebe, Strebsamkeit für die Ortsgemeinde, mit Patriotismus und Begeisterung für den Staat wohl vertraglich sind und eines in das andere sich einordnet, so auch der für seine Nation Begeisterte doch auch ein Herz für alle allgemeinen menschengeschlechtlichen Beziehungen haben kann. Nur kleinliche, engherzige Seelen schließen sich in einen kleinen und engen Kreis ein, und betrachten Alles, was darüber liegt, als feindlich. Die Juden haben stets unter den doktrinären Voraussetzungen und Folgerungen viel gelitten. Weil man sie verfolgte und bedrückte, zog man den Schluß, daß sie hassen und sich rächen wollen müssen. Aber in der That weiß man seitens der Juden weder für Haß noch für Rache thatsächliche Beweise anzuführen. Selbst die mittelalterlichen Juden haben eine feindselige Gesinnung auch in der Zeit, wo man sie am blutigsten mißhandelte, nicht dokumentirt, keine Handlung begangen, die für ihren Rachedurst zeugen könnte. Man sage nicht, daß sie keine Macht dazu gehabt hätten. Gelegenheit zu Verrath und Tücke hätte sich in den unaufhörlichen Kriegen der großen und kleinen Herren, der Städte und Fürsten gewiß genug geboten, und sie würden sich öfter die Gunst des Einen , durch die Mitwirkurg bei dem Fall des andern erkauft haben. Wohnten doch die Juden in den berannten Städten und in den Flecken am Fuße der zu erstürmenden Burgen; wanderten sie doch genugsam durch die Lande, um zu Spionen und Unterhändlern dienen zu können. Aber die Chroniken und Geschichtsbücher wissen nichts davon zu berichten, vielmehr einige Male vom Gegentheile. So schlägt die Wirklichkeit die doktrinären Voraussetzungen in's Gesicht. — So verhält es sich auch mit ihrer Stellung zum Christenthume. Die Feindseligkeit und Ausschließungssucht, welche das Christenthum von der Zeit an, wo es sich consolidirt hatte, gegen das Judenthum bethätigte, die Verachtung und Verdächtigung, welche gegen dasselbe von zahllosen christlichen Schriftstellern, und zwar im Namen des Christenthums zu aller Zeit ausgesprochen wurden, veranlassen viele Skribenten zu der Folgerung, daß, wenn nicht das Judenthuw, doch die Juden einen gleichen Geist des Hasses, der Unduldsam-