Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1869)
- Date
- 1869-09-21
- Page
- Seite 759 (sequence 3)
- Language
- German
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759 sich durch die Emanzipation von ihrer Nationalität losgerissen, sind sie überhaupt antiuational, und da das Judenchum nur national sei und sie sich von diesem getrennt, seien sie Nihilisten. Es wird Niemanden Mühe kosten, dieses Raisonnement als ein Truggewebe aus falschen Voraussetzungen und falschen Folgerungen zu erkennen und aufzulösen. Wir trauen dem Vers, selbst zu, daß er dies gewußt. Sein eigentliches Motiv ist das gerade Gegentheil von dem, was er sagt. Wie es ihm zuwider ist, daß sich Juden mit der Politik und Publizistik beschäftigen, so ist es ihm noch widerwärtiger, Juden zu sehen, welche von wahrem nationalem Patriotismus beseelt sind und in diesem Geiste wirken, noch widerwärtiger, d^ß in dem gegenwärtigen Judenthume das Streben nach Klärung und Vertiefung seines Lehrinhalts, seiner Geschichte und seiner weltgeschichtlichen Stellung und Hinwegräumung alles Veralteten in seiner formalen Erscheinung vorhanden und erfolgreich ist. Darum schlankweg Alles dies hinweggeleuguet und die Juden für Feinde des Deutschthums und des Christentums, für Antinationale und Nihilisten erklärt. Der Berf. verräth sich bei dieser Operation selbst. Denn er kann die Zeit nicht erwarten, die beiden hervorragenden Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses Johann Jakoby und Laster zu nennen, den einen als einen offenbaren, den andern als einen verkappten Gegner der Nationalität zu bezeichnen; der letztere stelle sich, um Preußen zu bekämpfen, als ein Deutsch-Nationaler, und würde, wenn erst Deutschland geeinigt sei, bald seinen Schlangenbalg abstreifen. Es kommt uns nicht zu, diese beiden Männer gegen den Anonymus in Schutz zu uehmeu; wir führten dies nur an, um den eigentlichen Zweck und den wahren Kernpunkt des Verfassers zu kennzeichnen. Es ist kein glücklicher Griff des Kreuzzeitlers gewesen, Nationalität und Christenthum als Angriffspunkte der Juden zusammenzustellen, denn diese beiden stehen sich im Grunde gegenüber. Gerade das Christenthum nimmt die Universalität in Anspruch, und man rühmt stets von ihn:, daß es schon im Beginne die jüdisHe Nationalität beseitigt, und alle Völker und Racen vereinigt, jedes nationale Moment entfernt habe. Die katholische Kirche hat sich gerade aus diesem Motive ihren Namen beigelegt und will noch heute die Herrschaft über alle 'Nationen beanspruchen und erobern, sie alle einer einzigen antinationalen Organisation unterwerfen: eine jede. National-Kirche sieht sie als ihren Gegner, als ketzerisch an. Aehnlich ist die Tendenz der griechisch-katholischen Kirche, die die Völker des Orients umfaßt. Aber auch die anderen christlichen Kirchen sind antinational. Sie haben die Nationen in sich gespalten, zu den blutigsten Bruderkämpfen entflammt, und lange Zeit jedes nationale Gefühl erdrückt. Der dreißigjährige Krieg, die englische Revolution, die Hugenottenkriege waren die Frucht der Reformation. Deutschland trug in nationaler Beziehung die schlimmsten Folgen davon und hat sie noch heute nicht ganz überwunden. Daß die nationalen Gefühle wieder erwachten, ist gerade daraus entsprungen, daß der kirchliche Sinn sich abgeschwächt. Auch der Protestantismus vermochte keine Nationalkirche hervorzubringen, und der Versuch, eine preußische Kirchenunion zu Stande zu bringen, producirte nur eine dritte protestantische Kirche in Preußen. Wären also die Juden Feinde der Nationalität, so müßten sie Partisane des Christenthmns sein, während sie als Gegner des Christenthums Partisane der Nationalität sein müßten. Schon hieraus ergiebt sich die tendenziöse Willkür des Kreuzzeitungs - Schreibers. Er ruft jene beiden großen Strebungen nur zugleich an, um die Anhänger jeder derselben gegen die Juden zu erbittern. Wollten wir die nationale Gesinnung des Verfassers und der ganzen Kreuzzeitungspartei genauer untersuchen, so würden wir sehr bald finden, daß diese an ihr gerade die schwächste Seite ist. Die Kreuzzeitung ist wahrhaft antiuational. Sie hat kein Hehl, daß sie den allpreußischen Standpunkt einnimmt, daß sie widerwillig in die Annexionen sich gefügt, daß sie den norddeutschen Bund nur mit scheelen Augen ansieht, und daß ihr die Einigung Deutschlands selbst unter preußischer Führung widerwärtig wäre, weil hierdurch mehr oder weniger, früher oder später das Aufgehen Preußens in Deutschland bewirkt würde. Preußen war und ist aber keine Nationalität, sondern ein Staat; der preußische Patriotismus ist vollberechtigt, aber er ist kein nationaler, sondern ein staatlicher. Was im preußischen Staate national ist, das ist, was die übrigen deutschen Volksstämme zu den, dem preußischen Staate angehörigeu deutschen Volksstämmen anzieht, ist aber im Grunde antipreußisch. Dies bedarf keiner Beweisführung, denn der preußische Staat schließt sich nicht an einen einzigen deutschen Volksstamm, und befaßt auch Bruchtheile der polnischen und der dänischen Nationalität. Wie will aber im Gegentheil der Verf. die Antinationalität der Juden beweisen? Von Thatsacheu vermag er auch nicht 38*