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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-21 · Heft 38 (21.9.1869) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 38 (21.9.1869)
Date
1869-09-21
Page
Seite 758 (sequence 2)
Language
German
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758 Juden. Wir haben allerdings eine psychologische Erklärung für dieselbe. Was lange gedrückt worden, schnellt, wenn es frei wird, um so mehr auf. Die immer noch ausschließliche gesellschaftliche Stellung, die der Christ dem Juden zu geben sucht, bringt diesen dazu auf anderem Wege hervortreten und sich geltend machen zu wollen. Und aus diesem Grunde glauben wir auch, daß sich mit der Zeit dieser jetzt vorherrschende Zug verlieren wird. Trifft so die negative Skizzirung des Vers, auf die gegenwärtigen Juden nicht zu, so ist seine positive Bezeichnung des in ihnen waltenden Geistes ebenso ungenügend. Es ist die Melodie, die seit langer Zeit über die Juden angestimmt wird. Man schreibt ihnen eine zersetzende Kritik zu, und spricht ihnen die Produktivität ab; man concedirt ihnen große Gewandtheit in der Verarbeitung fremder Ideen, läßt sie gute Mathematiker und Philologen, aber keine Dichter, bildende Künstler, Geschichtsforscher und Philosophen sein. Es ist dies sehr bequem, weil man doch nicht alle Thatsachen leugnen kann, man erklärt damit diejenige Wirksamkeit, die den Gegnern am verhaßtesten ist, in der Politik und Publizistik, und spricht ihnen dabei alle höheren Gaben ves Geistes ab. Nun, diese Maske der Gerechtigkeit muß herunter gerissen werden; diese Grimasse eines maßvollen und billigen Urtheils verdeckt doch nichts weiter als die gründlich eingegrabenen Züge des Hasses unv der Bosheit. Es ist ein einfach abgenutzter und verlebter psychologischer Schematismus, der auf die Juden angewendet wird, und welchem der Menschengeist in Wahrheit nicht unterzogen ist. Ob ein Einzelner, ob Mehrere theils durch die ganze Strömung einer Zeit, Lheils durch ihre persönliche Richtung und Beschäftigung sich mehr einem kritischen Studium oder einer sg. produktiven Thätigkeit zuwenden, entscheidet nicht einmal für dieser Männer ganze Geistesanlage, noch würde es für die ganze Zeit oder für eine Nation entscheidend sein. Die Geisteskräfte trennen sich in der menschlichen Seele nicht so ab, wie es veraltete Philosophen aufgestellt haben. Neuere Psychologen bemerken z. B., daß zu einem bedeutenden Mathematiker ein sehr hoher Grad von Einbildungskraft gehört, die bei seiner Thätigkeit in Anspruch genommen wird. Aber die Thatsachen selbst zeugen gegen diese, seit einigen Jahrzehenden hergebrachte Psychologie der Juden. Wenn die Juden, wie diese Herren zugeben und bejammern, selbst in ihrer großen Masse während eines halben Jahrhunderts fähig waren, sich die ganze Cultur der Welt anzueignen, so ist dies ein faktischer Beweis für eine Produktivität, die so groß kein anderer Volksstamm jemals erwiesen hat. Denn selbst die Aneignung fremder Ideen, was ist sie anders als eine Reproduktivität, als die Fähigkeit, etwas, das von Außen kam, in sich aufzunehmen, zu gestalten, zu einem eigenen inneren Produkt zu machen. Wer etwas auswendig lernt, der eignet es sich blos an; wer es aber erfaßt, um- und neugestaltet, mit eigenem Geiste befruchtet, daraus neue Combinationen bildet, es in neue Formen gießt, der eignet sich nicht blos an, sondern er produzirt in energischer Weise. Nun verlangt man, daß dieses Häuflein Juden zugleich während dieses halben Jahrhunderts Geister hervorbringen solle, welche, jeder auf seinem Gebiete, einen weltbeherrschenden Einfluß üben, und verlangt dies auf allen geistigen Gebieten zugleich! Man verlangt dies zu einer Zeit, die nicht auf allen, aber auf den meisten Gebieten epigonenhaft ist. Was die Juden leisten, wird dabei herabgesetzt. Und dann tritt man auf und spricht den Juden die Produktivität ab. Das ist keine Gerechtigkeit, das ist Entstellung und Haß. Wir sind zufrieden, wenn die Juden in der gedachten kurzen Zeit auf vielen Gebieten Geister hervorgebracht, welche für ihre Zeit Bedeutung haben, und nicht unwesentlich an der großen Arbeit des Menscheugeistes ihren Antheil nehmen. Die Philosophie unserer Zeit ist von keiner weltgeschichtlichen Bedeutung; wir sind zufrieden, wenn Juden wie Salomon Maimon, Lazarus, A. Franck u. A. Tüchtiges in ihr leisten. Die Musik hat ihre klassische Periode hinter sich; wir sind zufrieden, daß Mendelssohn, Meyerbeer, Moscheles, Rubinstein und viele Andere hervorragend gewirkt haben. Wir sind zufrieden, daß Dichter wie Heine, Bekk, Auerbach, selbst Mosenthal u. A. ans unseren Reihen hervorgingen. Doch wir wollen hier auf eine weitere Aufzählung uns nicht einlassen; für uns hat es eine viel größere Bedeutung und erscheint uns von unendlichem Werthe, daß die große Masse der Juden in der geistigen Cultur sich reproduzirt hat, daß in ihr, besonders für ihre Jugend, das Streben nach höherer Bildung ein allgemeines ist, wie die Statistik der höheren Lehranstalten so glänzend nachgewiesen hat. Gehen wir vielmehr auf das eigentliche Ziel des Mitarbeiters der „Kreuzzeitung" ein. Dies besteht in der Behauptung: die Juden seien die Feinde der Nationalität und des Christenthums, dies sei ihre Stellung und ihre Wirksamkeit im Staat und in der Gesellschaft. Das Raisonnement des Vers, ist kurz: weil die Judep

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