Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-14 · Heft 37 (14.9.1869) · p. Seite 755

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 37 (14.9.1869)
Date
1869-09-14
Page
Seite 755 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226728--27594-3263180
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

755 Lebensalter von 119 Jahren. Die Frau hieß Lea Breit, hatte weder Kinder noch Anverwandte und stand in israelitischen Kreisen im Rufe einer Weissagenden. In der Wohnung der Alten sah es sehr einfach, aber auch sehr reinlich aus, und obwohl nicht bekannt war, ob dieselbe einige Mittel besitze, so lebte sie doch stets anständig und unterstützte die Dürftigen, die sich an sie wandten. Es war den Nachbarn nicht entgangen, daß von Zeit zu Zeit ein Hoflakai in der Wohnung der Frau erschien, und man erzählte sich, daß dieser der Ueberbringer von Geldunterstützungen sei, welche der Monarch der Frau, kraft einer Verfügung des Kaiser Josef II., spenden ließ. Die Sage vergrößerte das Gerücht, doch Niemand konnte das eigentlich Wahre an der Sache erfahren. Da war's in der Zeit der ersten Choleraepidemie, daß auch Lea Breit von der Seuche hingerafst wurde. Das Sterben war in jener Zeit so groß, daß man sich um einen Todten mehr nicht viel kümmerte; so wurde denn auch Lea gleich vielen Anderen ohne Aufsehen begraben. Es fiel jedoch auf, daß hinter dem Sarge des armen jüdischen Weibes ein hoher k. k. Offizier im Staatskleide einherschritt, das Trauerabzeichen trug und sich von dem Grabe nicht eher entfernt haben soll, bis er die Scholle in daffelbe geworfen. Wenige Tage nach Lea's Tode wurden die Sachen der Lea Breit veräußert, es fand sich ein deutsch geschriebenes Testament vor, demgemäß auch der Erlös vertheilt wurde. Unter den Papieren befand sich ein vergilbtes Manuscript in Hebräischer Sprache, welches, da man aus dem Titelblatte entnahm, daß es die Aufzeichnungen der Verstorbenen seien, keine Beachtung fand. Ein jüdischer Gänsehändler, Namens Reach, der zugleich die Ehre hatte, jüdischer Gerichtsdolmetsch zu sein, erklärte, das Manuscript enthalte „Maisses und Schmuhes" (Geschichten und Schnurren), daher die Behörde keine Notiz von demselben nahm. Ein Student kaufte das Manuscript von dem Gänsehändler um einige „Scheinkreuzer". Dieser, jetzt ein geachteter Gelehrter, gestattete uns einen Einblick in daffelbe, und was wir darin gelesen, dürste in diesem Momente Vielen von Interesse sein. Eine Schriftstellerin war die arme Lea nicht, obwohl ihr Vater in Kollin ein angesehener Mann gewesen. Der Vater unterrichtete die Tochter in der heiligen Schrift und im Talmud und kaum 12 Jahre alt, war sie so gelehrt wie ein Bachur. Eines Tages, es war zur Zeit der frommen Regierung der Kaiserin Maria Theresia, ging das Kind in den Wald nächst Kollin, es war zur Zeit des Laubhüttenfestes, sie wollte Hagebutten pflücken, um damit die Laubhütte zu schmücken. Das Kind verirrte sich im Walde, bis es endlich ermüdet unter einem Baume einschlief. In der Nähe des Waldes befand sich ein Kloster der Kapuziner. Als es Abend geworden war, gingen zwei Mönche spazieren und waren überrascht das schöne schlummernde Kind zu finden. In Pater Erasmus regte sich ein zartes menschliches Gefühl, er beschloß das Kind zu wecken und es seinen Eltern zurückzuführen. Pater Zacharias hingegen meinte, was ein Mönch finde, gehöre der Kirche. Beide haben das Kind gefunden, sie müffen es daher derselben auch übergeben. Das Mädchen hatte rabenschwarzes Lockenhaar, sein Typus war ein ausgeprägter orientalischer, und als es die schwarzen glänzenden Augen beim Erwachen aufschlug und über ihre Lippen die ersten Laute ertönten, da rief Pater Zacharias ganz entzückt: „Ich hab's, ich hab's, das Kind gehört der Kirche, es ist ein Judenkind!" Pater Erasmus mußte sich fügen und so trugen sie Beide das Kind ins Kloster. Der Prior war über das gefundene Kind hoch erfreut, und trotzdem das arme Mädchen nach seinen Eltern rief, blieben die Frommen starr; sein Geschick war beschlossen. Die Eltern, welche das Kind vermißten, mußten nach Jahren sich trösten; sie starben im Grame. Lea hingegen wurde in einem Nonnenkloster in Prag erzogen, entwickelte sich zu einer blühenden Jungfrau, die nun bald der Welt für immer entsagen sollte, um in dem großen Grabe eines Klosters zu verwelken. Es war am Tage, da Lea, welche mit dem Klosternamen Magdalena hieß, den Schleier für immer anlegen sollte; in den Kapellen waren die Schwestern versammelt, an ihrer Spitze die alte strenge Priorin Ursula; der greise Bischof Magnus hielt an Magdalena eine strenge Ansprache, wies sie auf die himmlische Gnade hin, die es gestattet, daß ihr unreines Blut den Heiligen sich vermähle; doch Magdalena hörte nicht, sie wollte nicht der Jungfrau geloben, sie beging den Frevel, den Schleier zu zerreißen und das heilige Kreuz, das ihr zum Kusse gereicht wurde, mit einem entsetzlichen Fluche zur Erde zu werfen, daß es zerbrach. Wehe! wehe! rief der Bischof, weherufende Patres und die Schwestern schlugen sich auf die Brust. Von der Orgel ertönte das Miserere, ein Grabgeläute folgte, die Nonne ward mit einem schwarzen Grabtuche bedeckt und fortgeführt. Die Arme! sie sollte lebendig begraben werden, denn keine gelindere Strafe ist auf solchen Frevel gesetzt. Doch nicht sogleich sollte der Tod erfolgen, zuerst sollte das Opfer für das bessere Jenseits durch Martern, Fasten, Torturen, Gebete und Litaneien vorbereitet werden, bis sie würdig befunden würde, ins beffere Jenseits einzugehen. Schrecklich und fürchterlich, waren die Leiden der Armen, die in einem Kellergrabe lag, bei Tag und Nacht. Doch „in der Noch ist Gott am nächsten." Pater Erasmus, der Kapuziner, hatte von der Sache erfahren und das Leid der Unglücklichen ging ihm zu Herzen. Er faßte sich Muth und erbat sich von seinem Prior

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.