Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1869)
- Date
- 1869-09-14
- Page
- Seite 754 (sequence 22)
- Language
- German
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754 wurf eS war. Wir können schon im Princip?gar nicht diese herrlichen Dekorativen in Gips und Cement zulassen, welche nur für den Himmel Spaniens taugen und bei den ersten Stürmen des Nordens matt und dunkel werden würden. Doch selbst angenommen, daß ein erhabener Bauplan dieses Flittergold, diesen Sinnesbetrug der Architektur durch ernstere Materialien zu ersetzen erlaubte, paßt denn die Kunst der Kalifen wirklich so gut zur Religion der Propheten? Wir fragen uns, woher es kommt, daß die Baumeister der Synagogen in Frankreich sowohl als in Deutschland, bisher es verschmäht haben, sich ganz sachgemäß an den alten Traditionen der jüdischen Kunst zu begeistern. Denn es giebt ja eine jüdische Kunst, heut zu Tage den Künstlern wohl bekannt, Dank einigen trefflichen Arbeiten der zeitgenössischen Archäologie, wie denen des Herrn de Sauley und des Grafen Melchior de Vogu6 und man braucht nach dem Typus einer Synagoge nur bei anderen ganz verschiedenen und der Entstehung nach viel jüngeren Künsten zu forschen. Die Reste des Tempels von Jerusalem geben sehr genaue Anweisungen für diese besondere Art der Architektur; die Berichte der Bibel sind auch noch da. Man weiß, daß der Tempel, nach einem ägyptischen Plane von phönizischen Arbeitern ausgeführt, mit abgedachten Mauern, terrassenförmigem Dache u. s. w., doch sich von den Gebäuden der Aegypter und Phönizier durch eine Menge sehr wichtiger dekorativer Elemente unterschied; man weiß, daß die z. B. am Eingang der ägyptischen Tempel errichteten Obelisken hier durch bronzene Säulen, welche eine Halle trugen, ersetzt waren; man kennt die besondere Form der Kapitäler, welche in ihrem unteren Theile mit einer netzförmigen Verzierung zwischen zwei Reihen Granaten bedeckt waren, man kennt selbst die Verzierung des Heiligthums, wo Bas-reliefs, auf Getäfel aus Eedernholz eingeschnitzt, Coloquinten und aufgeblühte Blumen darstellten, und die des Allerheiligsten, wo Palmen und Cherubim sich unter Blumen mischten u. s. w. Wir brauchen hier nicht alle die von den jetzigen Archäologen an's Licht gebrachten Einzelheiten vorzuführen. Aber vielleicht hat schon mit diesen wenigen Angaben und mit Hülfe seiner Phantasie ein Künstler etwas' gewonnen, um damit eine Architektur zu begründen, die zugleich origineller, einfacher und grandioser ist, als wenn er die Arabesken des Hofes der Donzella in Sevilla oder des Saales der Abencerragen in Granada nachahmt. Jedenfalls wird eine aus diesen Elementen gebildete Synagoge wenigstens den Vorzug haben, weder christlich noch mohammedanisch, sondern jüdisch zu sein, was die erste Bedingung für eine Synagoge ist. Es versteht sich wohl von selbst, daß es sich nicht darum handeln könnte, auch nur im Kleinen den Tempel von Jerusalem nachzubilden. Man würde uns gewiß seine märchenhafte Pracht entgegenhalten, den schimmernden Marmor seiner Vorderseite, die Goldplatten, welche sein Dach, die Goldblätter, welche sein Holzwerk bedeckten. Man würde unS bemerken, daß diese Pracht durchaus unvereinbar ist mit dem Bauanschlag von 220 oder 250,000 Fr., welche für's Erste zu der neuen Synagoge angewiesen sind. Man wird uns mit eben so viel Recht zu verstehen geben, daß ihre zukünftige Lage in der ll'ue cku Marais- Meyboom gar nicht geeignet ist, ihr den weithin ragenden und die Landschaft beherrschenden Anblick des Tempels Salomo's zu geben, welcher sich wie die griechischen Tempel auf einer Art Akropolis erhob und zum Gipfel aus einer Reihe über einander gesetzter Terrassen emporstieg, die seine vier Vorhöse bildetev, der Hof der Heiden, der Hof der Frauen, der Hof der Israeliten und der Hof der Priester. Man wird uns endlich bitten, nicht aus den Augen zu verlieren, daß die Bedürfnisse der modernen Israeliten nicht die der Zeitgenoffen des Königs Salomo's sind, daß Sitten und Gebräuche Veränderungen unterlegen haben, daß die verschiedenen Klimata verschiedene Formen verlangen rc. rc. Dies sind unbestreitbare Wahrheiten, die anzugreifen sich nie Jemand einfallen lassen wird. Wer wir bilden uns ein, daß es sich bei Festhaltung eines Stiles nicht um Materialien und Bauplatz handelt und daß man eine hebräische Architektur ohne Goldplatten und ohne Akropolis schaffen kann. Wir glauben ferner, daß diese Architektur ihren antiken Charakter sehr wohl bewahren kann, auch wenn sie sich neuen Bedürfnissen anschließt, ebenso wie unsere gothischen Kirchen Gasbeleuchtung haben annehmen und sich mit Kanzeln und Beichtstühle» schmücken können, ohne deshalb irgend eine Regel der ursprünglichen Kunst zu verletzen. Alles, woran wir erinnern wollten, weil man es durchaus nicht zu beachten scheint, ist, daß es eine jüdische Kunst giebt, welche zugleich den primitiven Anblick und den orientalischen Charakter zeigt, den man von einem Gebäude verlangen kann, wo sich der israelitische Gottesdienst'vollzieht. Auch ist unserer Meinung nach gewiß, daß dieser antike Stil zugleich den originellsten, am besten charakterisirten und am wenigsten theuren Bau auszuführen gestatten wird, d. h. einen Bau, welcher in allen Punkten dem Programm des Consistoriums am meisten enspricht. Wir rathen es seinem Baumeister sehr, es mit dieser nationalen Tradition zu versuchen, an Stelle der romanischen, maurischen, sarazenischen, byzantinischen rc. Nachahmungen, an die wir gewöhnt sind. Eine jüdische Nonne.*) In den Dreißigerjahren starb in der Leopoldstadt, in der großen Schiffgaffe, eine jüdische Frau in einem *» Aus einem Wiener Tagesblatte.