Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1869)
- Date
- 1869-09-14
- Page
- Seite 740 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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740 und deren Verhaltniß zur protestantischen Bevölkerung, und Sie werden zugestehen müssen, daß es noch ungleich und überwältigend mehr wirkliche, von ihrer Religion nicht losgelöste Juden, als Christen giebt. Sie werden dabei nicht so engherzig auf Ihre wirklichen Juden bestehen , denn wir wollen ja nicht selbst bei den Kirchenbesuchern streng untersuchen, wie viele davon „wirkliche" Christen nach Ihrer Idee seien. Nun, warum wenden Sie sich denn nicht zunächst an die Christen, daß sie „wirkliche" Christen werden? Diese können dies doch jedenfalls leichter zu Stande bringen, als die Juden. Und wenn Sie eigentlich meinen, alle liberalen Christen seien keine „wirklichen," weil sie nicht reaktionär sind, weil sie sogar „das Herrenhaus anzutasten" wagen, warum wenden Sie sich nicht zuerst an diese reaktionair zu werden? Gehen wir zuletzt auf den Grund, so sind doch die Juden erst durch die Christen liberal geworden, die Juden wurden emanzipirt, weil die Christen sie eman-- zipirt haben; giebt es confessionslose Juden, so wurden sie es durch den Einfluß und das Beispiel der Christen, Sie müssen also Ihre Aufforderung zunächst an die Christen adressiren, deren Beispiel und Lehren vermöchten auch die Juden zur Umkehr zu bringen. Diese Schlüsse sind so einfach und logisch, daß selbst Sie ihnen nicht widersprechen werden. Und Sie thun es schon jetzt nicht, denn Sie verrathen an einer Stelle Ihres Aufsatzes, daß die Juden bei ihrem Eintritt in das Culturleben bei den Christen eine religiöse, philosophische und politische Gesinnung und Richtung vorfanden, welche sie dahin bringen mußte, wohin sie nach Ihrer Ansicht gebracht worden sind. Also, mein Herr, schaffen Sie erst die Umkehr der nicht-„wirklichen" Christen d. h. der jetzt ziemlich allgemein civilisirten Welt, und die Juden werden schon folgen. Aber das paßt eben nicht in Ihren Kraul, die Juden sollen die eigentlichen Führer gegen Staat und Gesellschaft sein und Sie und Ihre Gesinnungsgenossen möchten der Welt weißmachen, daß alles Uebel von der Welt nur von den Juden herrühre, daß diese Hand voll Juden nicht „das Salz der Erde," wie doch das Neue Testament lehrt, sondern ^das heimlich wühlende Feuer sei, welches die Erde nächstens zerstören werde, wogegen man mit List und Gewalt einschreiten müsse. So wenig wir sonst Ihrem Beispiele zu folgen geneigt sind, erlauben wir uns dennoch, was wir noch zu sagen haben, unter eine Nr. II zu bringen. Die Auswanderung von Anden ans den westrussischen Provinzen. V. Wir erhalten fernere Zuschriften: Ew. Wohlgeboren beehre ich mich die vorläufige ergebene Mittheilung zu machen, daß ich im Einvernehmen mit Herrn B. Holländer in Leobschütz und Ih'. Woblner in Gleiwitz, Veranstaltungen getroffen, um ein Subcomitö für Schlesien aus einflußreichen Männern dieser Provinz ins Leben zu rufen, durch welches die Thätigkeit für die Auswanderungsangelegenheit der westrussischm Juden centralisirt werden soll. Ich habe so eben die Einladungen erlassen und behalte mir vor Ihnen über die Constituirung, und die weiteren Schritte des Subcomites alsbaldigen Bericht zu erstatten. Breslau, den 2. September 1869. Dr. Honigmann. In Dresden ist folgender Aufruf erlassen worden: Die Hungersnoth, unter welcher die Juden in Westrußland seufzen, erheischt dringend nachhaltige Abhilfe. Es gilt nicht nur dem augenblicklich drängenden Bedürfnisse, sondern und vor allem auch der Zukunft, um durch organisirte Auswanderung der Nothleidenden den Quell des Nebels zu unterbinden. Auf Anregung des deutsch-israelitischen Gemeindetages und nach dem Vorgänge anderer Schwestergemeinden hat der Unterzeichnete Gemeinderath sich als Subcomitö zum Besten der nothleidenden Juden in Westrußland constituirt und richtet derselbe an alle Menschenfreunde, insbesondere aber zur herannahenden Festzeit an die Glaubensgenossen die Bitte um Verwilligung einmaliger oder periodisch wiederkehrenoer Beiträge, zu deren Annahme die Herren: Oberrabbiner Dr. Landau, Reuegasse Nr. 9, I., Banquier Joseph Bondi, Landhausstraße Nr. 10 part., Lotterie-Collecteur Adolph Fischer, an der Frauenkirche Nr. 3 Part., Particulier Markus Lehmann, Prager Straße Nr. 32 part., Färbermeister Simon Levi, Weißegasse Nr. 5 part., Banquier S- Mattersdorff, Seestraße Nr. 14 part., Hauptcollecteur Anton Wallerste-in, an der