Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1869)
- Date
- 1869-09-14
- Page
- Seite 739 (sequence 7)
- Language
- German
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789 den russischen Provinzen zum Elend und Untergang gebracht, weil es in einer neuen Welt mittelalterlich bleiben wollte. Hätten Sie sich doch, werther Herr, bei Ihrer Liebe für das „wirkliche" Judenthum in der Synode zu Leipzig eingefunden, da hätten Sie ^wirkliche Vertreter des wirklichen Judenthums versammelt gesehen, die sich um keinen Preis ihr positives Judenthum nehmen lassen, nur daß sie es nicht in der Beschränkung und Fesselung finden, zu welcher Ihre Vorfahren, die Herren Feudalen, Raubritter und Zünftler, das Judenthum und die Judenheit verurtheilt halten, und in welcher sie diese mit Schwert und Brandfackel, mit Folter und Gesetz festhielten, ja Männer, welche die Wahrheit und das Licht des Judenthums mit der, von der göttlichen Vorsehung geleiteten weltgeschichtlichen Entwickelung nicht in Widerstreit, sondern in inniger Uebereinstimmung erkennen. Sie hätten da gewahren können, daß diese Donner von den größten und kleinsten Gemeinden als ihre Vertreter gesandt worden, von den Gemeinden in den Residenzen wie auf dem Lande. Und würden Sie sich dann in die Gemeinden selbst begeben, so könnten Sie dort gewahren, daß überall mit großen Opfern neue Synagogen, jüdische Hospitäler und Asyle errichtet werden, mit großen Opfern der jüdische Religionsunterricht, der Unterricht in der hebräischen Sprache gefördert und gestärkt zu werden erst recht im Begriffe steht, daß Männer, die sonst auch wohl Politik treiben, sich eifrig um das jüdische Gemeindeleben bemühen und so fort. Ist dies Religionslosigkeit? Ist dies selbst nur Confessionslosigkeit? Ist dies Verleugnung des Judenthums, ist dies eine Losreißung von den geschichtlichen Banden? Aber Sie müssen doch wohl eine Ahnung hiervon gehabt haben, denn Sie entwerfen nebenbei eine Vorstellung vom Judenthume, die Ihren Zwecken gemäß wäre. Ihr Judenthum soll lediglich ein „nationales" sein; es enthalte auch einige allgemeine Begriffe, die seien aber Nebensache und verstünden sich von selbst. Und was für ein nationales? Das eben die ganze Welt, die ganze andere Menschheit ignorirt, als niedrigere Geschöpfe unter sich sieht, nur Ballast auf dem Schiffe, dessen Mannschaft Ihre „wirklichen Juden" seien. Dies Ihr Judenthum als unechtes und gefälschtes zu beweisen, überheben Sie mich der Mühe. Ein solches besteht weder bei Moses noch bei den Propheten, noch bei den Talmudisten, höchstens bei einigen Fanatikern, die ebenso wenig wirkliche Juden, wie die Schergen der Inquisition „wirkliche" Christen sind. Aber mit diesen letzten Worten haben wir bereits den Speer umgedreht. Wir wollen das Thörichte Ihres Schlußsatzes nicht auseinandersetzen, Ihres Verlangens, daß die Juden entweder sin das geistige und leibliche Ghetto zurückkehren, oder „wirkliche Christen," wie Sie ein ander Mal sagen „mit Ueberzeugung" werden sollen. Wie? findet man die religiöse Ueberzeugung auf der Straße? Kann man sie sich aus irgend einem Magazine holen? Wahrscheinlich sagen Sie selbst: nein. Ja, Sie senden Prediger auf die Straße und halten in ihren Missionsgesellschaften Magazine für die Ueberzeugung. Aber Ihre Prediger überzeugen nicht, und die Maaren in Ihren Magazinen würden liegen bleiben, wenn Sie sie nicht jedem Vorübergehenden aufdrängten, Ueberzeugung schaffen sie nicht. Wie können Sie also eine solche Alternative stellen, ohne jedem Menschenverstände zu entsagen, was Sie vielleicht jedoch thun. Gehen wir vielmehr auf Ihre eigenen Gedanken ein. Durch Ihre letzten Worte geben Sie zu erkennen, daß Sie auch bei Ihren Glaubensgenossen zwischen „wirklichen" und — Sie geben keine Bezeichnung an — anderen Christen unterscheiden, wahrscheinlich meinen Sie wie bei den Juden religionslose, confessionslose. Aber Sie haben da Ihre Pflicht nur halb gelhan, denn Sie hätten ebenso wie bei den Juden schildern sollen, was Sie unter „wirklichen" und anderen Christen verstehen. Es war dies Ihre Pflicht, da Sie uns auffordern „wirkliche" Christen zu werden. Setzen Sie voraus, daß dies Jedermann wisse und mit Ihnen darüber einig sei? Was Sie uns von den wirklichen und nicht wirklichen Juden sagen, flößt uns Vertrauen weder zu Ihrer Sachkenntniß noch zu Ihrem Urtheil ein. Jndeß können wir nach der obigen Analogie und da die „Kreuzzeitung" ein evangelisches Blatt ist, voraussetzen, daß sie unter „wirklichen" Christen die unbedingten Anhänger und Gläubigen der Augsburger Confession, des lutherischen Katechismus verstehen. Nun, mein Herr, da gehen Sie einmal im protestantischen Deutschland einher und fragen Sie, wie viele „wirkliche" Christen sie da finden. Die Herren gestehen es ja mit bitteren Klagen selbst ein, daß die Zahl sehr gering sei und immer geringer werde. Ja, gehen Sie doch einmal an dem eben bevorstehenden Neujahrs- und Versöhnungsfeste in die Synagoge, in welche Sie wollen, und sehen Sie da die Menge der Besucher des Gottesdienstes an, und deren Verhältniß zur jüdischen Bevölkerung und vergleichen damit die Besucher der protestantischen Kirchen an Ihren hohen Festen