Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1869)
- Date
- 1869-09-14
- Page
- Seite 738 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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738 nichts beweisen die modernen Juden mehr, daß sie in ihrem innersten Wesen nicht aufhören, dem Judenthume anzugehören, als durch ihre politische Richtung. Warum sind sie keine Diener der feudalen Partei? Warum werfen sie sich nicht der Reaktion in die Arme, von der 1'ie persönliche Bortheile genug ziehen könnten? Warum zählt man unter den Demokraten von 1849, welche ihre Feder der Reaktion verkauft haben, keine Juden? Weil die Grundsätze des wahren Judenthums und die Geschichte der Juden sie zum Liberalismus von innen heraus uöthigen, weil Alles, was ihnen angeboren und anerzogen ist, sie unbedingt den Ideen des Rechts, der Gewissensfreiheit, der Gleichberechtigung zuweist. Nur der Jude hat das geschichtliche Band mit der Vergangenheit zerrissen und dem'Wesen des Judenthums Valet gesagt, welcher sich der feudalen reaktionären Partei anschließt. Wie daher die Emanzipation als Prinzip der Reaktion zuwiderläuft, so sind ihnen auch die emanzipirten Juden der für diese naturnothwendigen Richtung wegen verhaßt. Sie wollen nur Juden haben, die, der Welt fremd, sich um die Welt nicht kümmern und darum auch die feudal-reaktionäre Partei wirthschaften lassen, wie sie will; sie wollen Juden haben, welche keine Menschen, keine Deutsche, sondern nur „Orientalen" sind. Daß es ihnen um so mehr lästig ist, viele und geschickte Juden unter den Publizisten zu sehen, versteht sich von selbst, wobei sie nicht erwägen, daß sie selbst hieran am meisten schuld sind, weil sie den Juden jeden anderen Wirkungskreis verschlossen haben und halten. Höret hiermit auf, und ihr werdet bald nur wenige Juden mit der Publizistik beschäftigt sehen; denn in Deutschland ist diese bis jetzt nur ein dornenvoller Lebensberuf. Darum sind es auch nur Jacoby und Laster, nur Spinoza und Mendelssohn, die der Verf. zu nennen beliebt, gerade wie Richard Wagner Felix Mendelssohn und Meyerbeer, denn auch Spinoza und Moses Mendelssohn haben für Gewissensfreiheit und Gleichberechtigung gestritten. Was die übrigen Wissenschaften betrifft, so läßt es sich der Verf. gefallen, wenn die Juden in der Mathematik, in den Naturwissenschaften und in der Philologie sich auszeichnen, aber auch in letzterer nur, wo es sich um das „Formelle" handelt. Die Philosophie — vorsichtig spricht er nur von der „neueren" Philosophie — und selbst die Geschichtsforschung versagt er ihnen. Man sieht leicht, warum? Sie könnten in beiden zu Resultaten kommen, welche den „wirklichen Christen" unangenehm wären. Daß dies bereits mit den neueren Philosophen und echten Geschichtsforschern, die keine Juden sind, der Fall ist, daß unter den Männern, welche auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und als Folgerungen derselben den Materialismus predigen, kein Jude ist, verschweigt der Verf., denn dies bewiese gerade gegen ihn. Wenn der Verf. wirklich aufrichtig und wahrheitsliebend wäre, müßte er gestehen, daß es ihm sehr gleichgültig wäre, was die Juden treiben, wenn sie sich nur von der Politik und Publizistik, und nebenbei auch von der Philosophie und Geschichtsforschung fernhielten. Sie sind hier gerade wegen ihres Judenthums und ihrer Geschichte geborene Gegner der Reaktion und des Feudalismus, und das ist von vornherein ihr Verdammungsurtheil. Die Sache sieht also schon ganz anders aus, als wie sie der Verf. darstellt, oder vielmehr darstellen möchte, aber vermöge seiner Wünsche und Ziele nicht vermag. Gehen wir aber auf den Kern ein. Er unterscheidet zwischen „wirklichen und emanzipirten Juden," eigentlich sollte er sagen zwischen Juden und Emanzipirten, denn die letzteren sind ihm keine Juden mehr, sie haben aufgehört, Juden zu sein. Der gute Mann weiß von den Juden und dem Judenthume, was der Blinde von den Farben weiß. Auch der Blinde macht sich eine Vorstellung von den Farben, aber welche? Doch wir wollen nicht auch ungerecht sein: der Verf. weiß wahrscheinlich mehr, und ist durchaus nicht so blind, wie er sich giebt, er will es aber nicht wissen, weil sonst fein ganzes Systemchen in Dunst aufgeht. Er sucht sich einen alten Juden, wie er ihn freilich nur noch im Osten, nicht mehr in Deutschland, auch nicht unter den Anhängern von Hirsch in Frankfurt mehr findet, denn auch diese sind Politiker und Publizisten, und lassen sich die Emaneipation gut schmecken, und stellt ihn als „wirklichen Juden" zur Rechten, und dann sucht er einen extremen, der positiven Religion abholden Juden, solcher giebt es allerdings, und stellt ihn zur Linken, und nun ist er fertig — in seinem erhabenen Richteramte urtheilt er nun über die Böcke und die Lämmer. Aber gemach, mein Herr Richter! Wenn Sie nur sehen wollten, gewahrten Sie wohl, daß zwischen jenem und diesem Extrem eine große unabsehbare Menge dazwischen steht, und zwar solcher, welche sich allesammt der Cultur und der Emancipation freuen, und dennoch dem Judenthume mit ihrem Wesen und Charakter, mit ihrem Geiste und ihrem Herzen angehören, und es weder für die Confessionslosigkeit der einen, noch für das mittelalterliche Judenthum der anderen opfern möchten, das unsre Brüder in