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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-14 · Heft 37 (14.9.1869) · p. Seite 734

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 37 (14.9.1869)
Date
1869-09-14
Page
Seite 734 (sequence 2)
Language
German
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w fas Feschalle eine unabsehbare Menge in Ernst und Spiel sich erlustigte. Man weiß, was eine solche Gedächtnißfeier Joseph II. zu bedeuten hat. Daß Joseph II. eine solche Huldigung nur dargebracht werden durfte, war allein in einer Zeit völligen Umschwungs möglich; daß die Minister und ein Erzherzog zwar im Auftrag des Kaisers daran Theil nahmen, konnte nur geschehen, weil der ganze Staat in diesem Umschwünge begriffen ist, ja ihn bereits vollbracht hat. Kaum hatte Joseph II. nach einer kurzen, aber thatenreichen Regierung die Augen geschlossen, als die ultramontane und feudale Welt sich erhob, eines seiner Gesetze nach dem anderen beseitigte oder doch verkümmerte, seinen Geist aus dem Staate wieder hinausdrängte, den „Josephismus" zum Gegenstände der Verfolgung, der Anklage und Unterdrückung machte, und dies 70 Jahre hindurch bis 1856, wo das Conkordat jenes antijosephinische Gebäude krönte. Aber wie oft in der Geschichte, war dieser höchste Sieg der Gegenpartei nicht allein der letzte, sondern in Wahrheit auch die erste Niederlage. Die ultramontane Welt konnte nicht einmal ausrufen: „Noch einen solchen Sieg und ich bin verloren!" sie war es schon mit ihm selbst. Eine solche Fessel konnte das gegenwärtige Geschlecht nicht ertragen, und nach einer zehnjährigen Dauer wurde sie gesprengt. Mit diesem Augenblicke war Joseph II. rehabilitirt. Vielleicht haben seine Feinde, indem sie seinen Namen ächteten und seine Werke vernichteten, am meisten dazu beigetragen, daß sein Gedächtniß jetzt in erhabenem Glanze wieder erstanden. Also wiederum die hohe Feier eines Mannes, der keine Kriegslorbeeren gepflückt, der Gewissensfreiheit. Rechtsgleichheit, Bolksunterricht, Wissenschaft und Kunst, Industrie in allen ihren Zweigen auf die Fahne seiner Regierung geschrieben und sie zum Gegenstände seiner unermüdlichen Thätigkeit gemacht. Diejenigen, welche dem Kaise „Ueberstürzung" zuschreiben, sehen nicht ein, daß sie ihn dadurch erst recht glorifiziren, denn eine solche „Ueberstürzung" beweist erst recht, wie voll der Geist und das Herz dieses Mannes der höchsten Ideen und des energischesten Willens waren. Dieser Gedächtnißfeier Joseph II. haben auch wir Juden den Zoll der Huldigung hinzuzufügen. Bei Schiller müssen wir als Menschen und Deutsche unseren Antheil nehmen, als Juden ihn zu feiern haben wir nur die mittelbare Veranlassung, daß seine Schöpfungen ganz besonders auf den aufstrebenden Geist in der jüdischen Welt tief einwirkten. Das Andenken Napoleons bringt in uns eine gemischte Empfindung hervor. Vom religiösen Standpunkte des Judenthums aus müssen wir seine Herrscher- und Handlungsweise verurtheilen, als Menschen und Deutsche ihm geradezu feindlich gesinnt sein. Dennoch können wir nicht vergessen, daß er, ein Werkzeug in der Hand der göttlichen Vorsehung, sehr viel dazu beigetragen, die Ketten zu zerbrechen, die uns selbst in Deutschland noch umschlungen hielten, daß mit der französischen Herrschaft in Italien und in den deutschen Ländern, die ihr znfielen, sofort die Gleichberechtigung eintrat, daß auch in anderen Staaten eine Besserstellung, z^B. in Preußen das Edikt vom 11. März 1812 ein Ausfluß dieser Ereignisse war, daß also durch die napoleonische Herrschaft sehr viel beigetragen wurde,' um unsre gegenwärtigen Verhältnisse vorzubereiten. Allerdings wissen wir, daß alles dies weniger aus der persönlichen Gesinnung Napoleons hervorging, als vielmehr ein Ergebniß der französischen Revolution von 1789 war, daß Napoleon mit den französischen Waffen auch die französische Gesetzgebung weiter tragen mußte. Wir wissen, daß Napoleon selbst das Edikt von 1808 über die Juden des Elsaß und der Rheinprovinz verhängte, welches lähmend^ und kränkend auf diesen im Elsaß zehn, in der Rheinprovinz dreißig Jahre lastete. Aber die echte Dankbarkeit wird sich bei solchen Unterscheidungen nicht aufhalten, sondern zu würdigen sich gedrungen fühlen, was der Anerkennung würdig ist. Und dazu gehört in der That die Berufung des Sanhedrin nach Paris. Es -mag an dieser Berufung Manches zweideutiger Natur sein; immerhin liegt ihr der Gedanke zu Grunde, die Juden als gleichberechtigt zur offenen Aussprache ihrer religiös sozialen Grundsätze zu berufen, auch das Judenthum auf das Niveau der staatlichen Anerkennung und Würde zu erheben, und es als einen integrirenden Theil der gesellschaftlichen Ordnung zu erklären. Dies war eine Thal, welche zu jener Zeit von unermeßlicher Wirkung war, zu der sich jetzt noch viele Regierungen nicht erheben könnten, aber auck Gott sei Dank! nicht mehr zu erheben brauchen. Daß es Napoleon Ernst damit war, bewies die hierarchische Organisation, die er für den jüdischen Cultus in Frankreich, Italien, und im westphälischen Königreich herstellte, die wir allerdings, wie bekannt, nicht gutheißen, die aber als Akt der Regierung ein bis dahin unerhörtes Faktum der Gleichberechtigung war. So tritt uns das

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