Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1869)
- Date
- 1869-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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33. Jahrgang. Allgemeine M. 37. Zeitung des ZudenthumS. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner vr Ludwig Philipps«« in Bonn. Leipzig, den 14. September 1869. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einma l Dienstags, in 2 bis 2>/r Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2 Thlr. Vierteljährig 1 Thlr. Inserate werden mit! lj2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich das Königl. Sächs. Haupt-Zeitungs-Bureau unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel r Noch eine Säcular-Feier. — Das Zudenthum im Staate und in der Gesellschaft." I. — Die Auswanderung von Juden aus den westrussischen Provinzen VI. — Zeitungsnachrichten r Deutschland: Bonn, Breslau, Fürth. — Oeste rrei chischer Kaiserstaat: Pest, Cernowitz, Aus Böhmen, Aus dem Tokayergebirge. — Großbritannien: Belfast. — Serbien: London. — Rußland: Petersburg. — Spanien: Madrid. — Nordamerika: Bonn. Feuilleton-Beilage: Die jüdische Baukunst. — Eine jüdische Nonne. — Klopstock's Ode an Kaiser Joseph II. Leitende Artikel. Bonn, den 5. September. Noch eine Säcular-Feier. Wir haben in der vorigen Nr. die hundertjährige Geburtstagfeier eines Dichters und eines Kriegers neben einander gestellt, und in der Art, wie die Völker beide begingen, eine Signatur unserer Zeit gefunden. Jetzt hat sich eine dritte Säcularfeier hinzugesellt, die nicht minder ein Ausdruck dessen ist, was uns in jener Erscheinung frappirte. Es war am 29. August 17 69, daß Kaiser Joseph II. in dem mährischen Dorfe Slawikowitz an einen Bauer herantrat, deffen Pflug ergriff und mit eigener Hand einige Furchen zog, um selbst einmal zu beobachten, mit welchen Mühen das Brod aus der Erde hervorgebracht wird, welche Beschwerden jener Stand zu ertragen habe, der zu den nächsten Grundlagen der menschlichen Gesellschaft gehört. Diese Thatsache allein konnte immerhin eine augenblickliche Laune eines jugendlichen Herrschers sein, so unbedeutend an sich, wie das chinesische Gesetz, daß der Kaiser des himmlischen Reiches jedes Jahr eine Furche ziehen muß, durch die Gewohnheit und das Hofceremoniell — gleich dem Fußwaschen seitens der katholischen Fürsten — ohne weitere Einwirkung bleibt. Bei Joseph II. war aber jener Akt mehr: er offenbarte die Gedankenrichtung des Kaisers, der er sein Leben, seine Regierungsjahre widmete, ja opferte. Man faßte daher gerade mitten aus dem Volke das Andenken dieses Tages auf, und gestaltete ihn zu einem Säcularfeste, deffen Feier die tiefen Sympathien erwies, welche Joseph II. in den Herzen des Volkes hinterlassen hat. Viele Tausende der mährischen Bevölkerung strömten zu diesem Tage nach jenem Dorfe; die Nachkommen jenes Bauern wurden beschenkt und bewirthet; aber auch die höchsten Staatsbehörden, der Minister des Innern und der des Handels und der Landwirthschaft waren zugegen, die kaiserliche Familie durch einen Erzherzog vertreten und ein gesinnungsvoller Priester stand trotz vieler Droh- und Schmähbriefe, die er empfangen, nicht an, an dem auf dem Felde errichteten Altar eine Messe zu lesen. So fehlte dem Feste nichts an Glanz, aber auch nichts an der jubelnden Theilnahme des Volkes. Reden wurden gehalten, des erhabenen Kaisers würdig, ein Festmahl, an welchem Prinz und Minister begeisterte Toaste ausbrachten und das Volk stürmischen Beifall zollte, wie außerhalb der