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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-07 · Heft 36 (7.9.1869) · p. Seite 715

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 36 (7.9.1869)
Date
1869-09-07
Page
Seite 715 (sequence 3)
Language
German
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715 theile. Früher wurde der Triumph des Stärkeren über den Schwächeren gefeiert, jetzt der Widerstand und Sieg des Schwächeren gegen den Stärkeren, der Sieger wird von aller Welt geschmäht und gehaßt. Da konnte in der That kein Raum für eine hundertjährige Napoleonsfeier sein, aber dem großen Sänger wurde der Kranz der Huldigung von Millionen Händen unter dem Zuruf des ganzen Menschengeschlechtes auf das einfache Grabmal gelegt. Bilden wir uns nicht ein, daß der Menschheit alle Kämpfe der Zukunft erspart sein werden. So gut, wie man vor drei Jahrzehenden schon voraussehen konnte und voraussah, daß die Zustände z. B. im Orient, in Italien, in Deutschland und Nordamerika furchtbare Brände, gewaltige Zusammenstöße herrvorrufen würden, so fehlt es auch heute nicht an derartigen Momenten, welche Kausalmomente großer Krisen werden können. Aber so wie Ursachen zu solchen Befürchtungen noch vorhanden sind, so dürfen wir auch nicht die lautsprechenden Symptome einer großen Wendung in der Menschengeschichte übersehen, welche jenen Besorgnissen mit nicht zu unterschätzender Kraft edle Hoffnungen entgegenstellt. Die Völker sprechen auch, und ihre Worte haben angefangen, als schwere Gewichtsteine in den Wagschalen der Völkergeschicke zu wiegen. Auch ist nicht zu übersehen, daß über den örtlichen, persönlichen und nationalen Tendenzen immer auch eine allgemeine Richtung existirt, und daß diese letztere, wenn auch lange Zeit von Staatsmännern und Kriegsfürsten übersehen und mißachtet, zuletzt doch immer die Herrschaft über jene erlangt und sie beseitigt. Mögen unsere Enkel als Thalsachen begrüßen, was wir immer noch nur als Aussichten aufzustellen vermögen! Das Conzil in Rom. Daß wir heute und vielleicht öfter uns mit dem im Dezember zu Rom sich versammelnden Conzil beschäftigen wollen, bedarf wohl kaum der Rechtfertigung. Würde das Conzil die Aussicht geben, daß es allein interna, d. h. die katholische Kirche in ihren inneren Verhältnissen und Angelegenheiten behandeln werde, so wären wir die Letzten, welche ein Wort darüber aussprächen. Die Freiheit, unsere inneren Fragen selbstständig zu beantworten und zu lösen, steht jedem Anderen in gleichem Maße zu, ist das unveräußerliche Recht einer jeden Confession. Würde z. B. jene Versammlung von Kirchenfürsten sich nur mit Dogmen wie 'die körperliche Himmelfahrt Mariä, die ihr als Dogma unterbreitet werden soll, beschäftigen, wer hätte die Anmaßung, darein reden zu wollen. Wenn aber schon jetzt eine Abtheilung für das Conzil eingesetzt worden, welche die kirchlich-politischen Fragen vorzubereiten hat, und hierzu die päpstlichen Verkündigungen, die unter den Namen Eucyclica und Syllabus bekannt sind, zur Vorlage dienen, so ist Jedermann berechtigt, sich darüber auszulassen, ja sogar verpflichtet, denn es betrifft Verhältnisse, welche jedweden Bürger eines Staates berühren, es gibt unveräußerliche Rechte, die Niemand antasten lassen darf. Daß das Judenthum aus dem entgegengesetzten Standpunkte als die katholische Kirche steht, wenn letztere die Grundsätze des Syllabus als die ihrigen uud als kirchliche Dogmen anerkennt, haben die Erklärungen der ersten jüdischen Synode offenkundig gemacht. Diese Erklärungen sind von allen Gliedern der Judenheit mit Zustimmung und Beifall angenommen worden, und sie sind so unzweideutig das Gegentheil von jenem Syllabus, der allerdings bis jetzt nur Ausfluß der päpstlichen Curie war, daß kein Wort mehr darüber hinzugefügt zu werden braucht. Spricht aber nun das Conzil die Unfehlbarkeit des Papstes, „sobald er ex eatlmllra spricht," so sind auch jene Prinzipien und Vorschriften des Syllabus als unfehlbar gestempelt, und kommt die ausdrückliche Zustimmung des Conzils hinzu: so steht fortan die katholische Kirche, so stehen alle unbedingt ihr Zugehörigen den Grundsätzen und Gesetzen aller jetzigen civilisirten Staaten — den Kirchenstaat ausgenommen — gegenüber; jeder „gute" Katholik muß fortan der geborene Gegner der ganzen modernen Staatsgesetzgebung sein, seine Gegnerschaft kann nur ruhen, so lange er keine Macht hat, sie zu verletzen und zu unterdrücken. Jeder Katholik, der dies nicht thun oder gar dem Staate in der Ausführung dieser Gesetze dienen würde, wäre kein echter Katholik mehr. Man sagt von der anderen Seite, der Staat hätte solche Erlasse des Concils nicht zu fürchten; sie würden ebenso wie jener Syllabus nichts als Worte bleiben, und sollte ein Versuch gemacht werden, ihnen irgend eine thatsächliche Folge zu geben, so hätte der Staat die Mittel abzuwehren und zu bestrafen. 36*

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