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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-07 · Heft 36 (7.9.1869) · p. Seite 714

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 36 (7.9.1869)
Date
1869-09-07
Page
Seite 714 (sequence 2)
Language
German
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714 tcn Feldherren, Gesetzgeber, Herrscher gefeiert? Hatte er nicht seinen Fuß in das Nilthal, wie auf die Schneefelder Rußlands gesetzt? Hatte er nicht an den Ufern des Manzanares wie der Weichsel gesiegt? War sein Machtgebot nicht durch ganz Europa gegangen? Da mußten wohl alle die Völkerstämme Europas sich erheben, um wie eine Familie das Gedächtniß dieses Mannes dankbar zu erneuern, und den Himmel für den Segen seines Daseins zu preisen? Nichts von alledem. Aber die Nation, welche er groß gemacht, die er mit so vielen Siegen gekrönt, der alle seine Arbeit, dl’ sein Sinnen und Thun galt, diese wußte doch das Glück zu schätzen, einen solchen Führer und Helden besessen zu haben? Aber auch hier Alles still; keine feurige Rede eines begeisterten Sprechers, kein Lied eines enthusiastischen Dichters, keine Freudenfeuer und Volksversammlungen, Alles schweigsam, wie wenn es verabredet gewesen. Selbst die Hauptstadt, in welcher er so oft trinmphirend eing^-zogen, zu welcher Könige und Fürsten als seine Vasallen wallfahrteten, in deren Schoß er die Kunstschätze aller Völker niederlegte, die er zur Hauptstadt der Welt gemacht, auch diese nahm von dem hundertjährigen Ehrentage des Mannes keine Notiz, und selbst das Kriegsheer, das sich noch heute in dem Glanze seiner Waffenthaten sonnt und wiederum seine Adler trägt, stieß keinen Laut der Bewunderung aus. Das hatte man doch nicht erwartet; so tief muß die Abneigung sein, daß selbst das französische Staatsoberhaupt, der Neffe des großen Onkels, dem ein Heer von Faiseurs zu Gebote steht, jeden Versuch, ein Fest in Scene zu setzen, unterlassen hatte. Der Tag wurde nur durch den Erlaß einer Amnestie gefeiert, die, anerkennenswerth an sich, doch nur einen zweideutigen Charakter hat, weil die Vergehen, deren Strafe sie aufhob, zum großen Theile nur zweifelhafter Natur waren. Ob wohl Vielen diese Verschiedenheit in der Feier zweier Tage, an deren Zusammenstellung die Jahreszahlen erinnerten, aufgefallen ist? Uns erscheint sie von der höchsten Bedeutsamkeit und als eine wahrhafte Signatur unserer Zeit. Dort der Ehrentag eines einfachen Dichters, eines schlichten Mannes in einem kleinen Hause einer kleinen Residenz, hier der Säculartag eines Fürsten der Fürsten, eines Helden der Helden, eines Siegers in hundert Schlachten und Gefechten, der Throne gestürzt und Throne errichtet — das ist fürwahr nicht gleichgiltig. Jedermann, der seinen Blick auf diese Thatsache wirft, wird einsehen, daß hier ein Geisteszug sich ausgesprochen, der aus der Tiefe der ganzen Organisation unserer Zeit hervorgegangen und als solcher mit allem Nachdruck gekennzeichnet werden muß. Die Völker Europas wollen keinen Krieg mehr, sie verschmähen den Waffenruhm, sie mißachten die Erfolge blutiger Kämpfe, sie wollen den Frieden, sie wollen Recht und Duldung, sie wollen arbeiten, schaffen, sich entwickeln und genießen; sie ehren den Geist, der hieraus wirkt und hierfür ringt, und jeden anderen Genius übergeben sie der Vergessenheit. Dies ist der Gedanke, welcher dem oben geschilderten Faktum zu Grunde liegt, und der um so mehr gewürdigt werden muß, je unmittelbarer er aus dem Herzen der Völker sich hiermit kundgethan hat. Man hat oft genug über alle diejenigen gespottet, welche den allgemeinen Völkerfrieden nicht blos als ein Ideal, sondern als ein erreichbares Ziel, als das Ziel, wohin langsam aber sicher die Menschheit strebe und gelange, ansahen und verkündeten. Wir unsrerseits haben diesem Gedanken stets gedient, und ließen uns nicht zurückschrecken, wenn wir selbst in dem beschränkten Kreise, in welchem wir wirkten, einem ungläubigen, ja höhnenden Lächeln begegneten, wenn wir die alten Propheten als Zeugen und die Fortschritte der menschlichen Gesellschaft als Wegzeichen anriefen. Nicht daß wir jemals geglaubt, dieser Bölkerfrieden und die Ausgleichung aller Streitfragen auf friedlichem Wege seien durch Friedensapostel und Friedensliguen, seien mit einem Male und durch Verabredung zu erreichen. Nein, die Entwickelung des Menschengeistes allein, die Entfaltung der intellektuellen, sittlichen und materiellen Interessen kayn dahin führen, und muß es, und derselbe Kampf um das Dasein, welcher in rohen und halbentwickelten Zuständen die blutige Entzweiung der Völker hervorrief, muß schließlich der einflußreichste Faktor werden, um den Völkerfrieden herbeizuführen. Die Anfänge sind gemacht, die ersten Schritte sind geschehen, eine höhere Geifteskultur, eine Stärkung des Freiheitsgefühls und des Rechtsbewußtseins trifft mit einem mächtigen Aufschwung der Industrie und mit einem steigenden Jneinanderwachsen der materiellen Interessen aller Völker, mit einer immer umfassenderen Verbindung aller menschlichen Produktion und Consumtion zusammen, um die rohen Kämpfe mit den Waffen immer mißachteter und immer verderblicher zu machen. Früher zerstörte der Krieg eine Landschaft, einen Staat, jetzt stört und zerstört er in der ganzen Welt und gefährdet das Wohl der entlegensten Erd-

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