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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-31 · Heft 35 (31.8.1869) · p. Seite 711

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 35 (31.8.1869)
Date
1869-08-31
Page
Seite 711 (sequence 19)
Language
German
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711 gang. So war es auch der Fall, als der König von Preußen noch in Karlsbad zur Kur weilte. Auf der ersten Reunion waren trotz der früher gedachten Aufforderung alle Herren in Balltoillette erschienen, und die Damen waren glänzend geschmückt. Da traten zum Erstaunen und Schrecken der Gäste und des Kurkommiffärs zwei polnische Juden in ihren Kaftans herein, jeder ein rothes Kannefaß-Parapluie in der Hand und die Pfeifen guckten aus den Röcken. Man denke sich das Erstaunen, die Verwunderung, den lähmenden Schrecken der Behörden, die bei dieser Gelegenheit auch als mgllre de plaisir fungiren. Der Kurkommissär eilt zu den Zweien und herrscht sie an, augenblicklich den Saal zu verlassen. „Worüm," fragt der Aeltere, „ich Hab' mer gekaft a Kart um a Gulden, ich geb' mei Entrö nicht für fünf Gulden Herl" „Hier erscheinen nur anständig gekleidete Gäste," herrscht sie der Kurkommiffär an. „Wie heißt anständig?" ruft der Andere, „haben Sie nicht geschrieben, mer werd' ersucht, in Promenade-Toilette zu erscheinen, soll ich leben, daß ich nischt gemacht erst Toilette; wie ich von der Promenad komm, bin ich gegangen herein." Es hatte sich indeffen ein Kreis gebildet um die Zwei, die auch schon die Aufmerksamkeit des Königs erregt hatten, der jetzt näher trat und, von dem Vorfall unterrichtet, aufforderte, die Herren Polen zu belasten. Triumphirend blickten die Beiden jetzt ringsum; kaum hatte sich aber der König entfernt, so naheten sie sich dem Kommissär: „Was werden Sie sich ärgern, Herr Kommistär, werden wir nachgeben, wollen Sie geben zwei Gulden für die Kart?" — „Was mir aber die größte Freud' ist," sagte ein anderer Pole, „daß Einer von unsere Leut' den Sprudel entdeckt hat; wie heißt Karl IV.? war es doch ä Hersch!" („Sprudel".) Aus einer kleinstädtischen Gemeinde. Jedes existirende Wesen hat sein eigenthümliches Dasein. Eine jüdische Gemeinde in einem kleinen, dem Weltverkehr entlegenen Theile einer Provinz hat dessen sogar ein bedeutendes Theil. Dennoch muß man sich nicht einbilden, als ob eine solche aus dem Leben der Gesammtheit ganz ausgeschieden und von ihm unberührt geblieben sei. Es dauert gewöhnlich etwas lange Zeit, bis der Wellenschlag seine Kreise auch bis dahin gezogen, aber er gelangt auch dorthin. Oft kommt er plötzlich zum Vorschein; die alten Mächte glauben noch an ihre Herrschaft, während ihre Stützen völlig unterwühlt sind; ein Stoß, und sie sinkt in die Tiefe nieder. — Einer der Rabbinen, welche die Synode zu Leipzig besuchen wollten, hat in seinem Sprengel eine Zahl größerer und kleinerer Landgemeinden. Als man in einer derselben erfuhr, daß er nach Leipzig gehen werde, stieß man in die Allarmtrompete. Unter „man" sind einige sogen. Lamdonim zu verstehen, die in ihrer Jugend ein Blättchen Gemara gelernt, und dies unter dem Handel mit Hasenfellen und alten Kleidern während eines langen Lebens nicht ganz vergessen haben, oder doch nicht ganz vergessen zu haben vorgeben, die „Frommen" der Gemeinde bilden und diese nach ihrem Willen zu beherrschen suchen, gemeinhin auch beherrschen. Man wollte von diesem Landstädtchen aus, da dessen Gemeinde wegen ziemlichen Umfangs von Bedeutung ist, dem Rabbiner verbieten, zur Synode zu reisen. Man schrieb einen Protest auf, auf die deutsche Grammatik kam es dabei nicht an, und colportirte ihn in der Gemeinde. Erste Täuschung: von etwa 130 stimmberechtigten Gemeindemitgliedern ließen sich, wie man zu sagen Pflegt, mit Ach und Krach nur 33 zur Unterschrift bewegen. Man berief daher feierlich eine allgemeine Gemeindeversammlung. Es fand sich ein, was zu kommen nur irgend das Recht hatte. Die Versammlung wurde eröffnet. Der Protest wurde verlesen. Einer der Großen des Reichs, ein reicher Lamden, erhob sich und hielt eine fulminante Rede zur Unterstützung des Protestes; es fehlte darin nicht an Schimpfworten und Flüchen, an Beschwörungen und Drohungen. Was hätten Demosthenes und Cicero darum gegeben, bei diesem Redner in die Schule gehen zu können. Bekanntlich gehört zur Beredsamkeit als ein nothwendiges Element auch eine große Portion Selbstvertrauen, wenn nicht Selbstüberschätzung, denn man will ja seine eigene Meinung als die allein richtige geltend machen. Auch hieran hatte der alte Redner einen großen Ueberfluß, und meinte, daß jedes seiner Worte mindestens wie aus dem Munde Mosis gekommen zu sein erachtet werden müßte. Er schloß daher mit der Zuversicht, daß Keiner in dieser Versammlung ihm zu widersprechen wagen oder von dem Proteste sich auszuschließen die Gottlosigkeit haben würde. Zweite Täuschung: ein junger kräftiger Mann erhob sich dennoch und unternahm das Wagniß, dem frommen Manne zu widersprechen. Erstens habe der Protest gelogen, denn man berufe sich in ihm auf ein, die Synode verurtheilendes Schreiben eines angesehenen Rabbinen, und hier sei ein Schreiben desselben Rabbinen, worin dieser erklärte, ein solches Schreiben niemals erlassen zu haben; zweitens seien die meisten Unterschriften erkauft und erzwungen, und zum Beweise dessen werden einige Pröbchen erzählt; drittens habe man gar nicht das Recht, dem Rabbinen zu verbieten, seinen regelrecht erlangten Urlaub nach seinem Belieben zu verwenden, und viertens komme das Verbot zu spät, denn der Rabbiner sei schon abgereist. (Allgemeines Gelächter.) Nun wird der junge Redner ernst, schildert die verkommenen Zustände der Gemeinde, zeigt, daß die ganze Frömmelei in der Gemeinde nichts als Heuchelei sei, da die wirkliche Gesinnung der meisten Mitglieder eine ganz andere sei, und sich nur des beliebten Friedens willen unter die Herrschaft der alten Gemeinderegenten beuge, daß es aber nun endlich Zeit sei, Gemeinde, Schule und Synagoge aus ihrem Scheinleben zu erwecken und aus

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