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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-31 · Heft 35 (31.8.1869) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 35 (31.8.1869)
Date
1869-08-31
Page
Seite 710 (sequence 18)
Language
German
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710 cent geschlossen. Sogenannte Protogame, wo Mann und Frau zum ersten Male heirathen, haben die Juden 90 Procent, die übrigen Confessionen blos 89 Procent. Die Kindersterblichkeit (vom ersten bis vollendeten fünften Jahre) beträgt bei den Juden blos 17 Procent, bei den übrigen Confessionen 38 Procent; auch scheint bei den Juden ein viel höherer Procentsatz sich zu verheirathen. Meine Untersuchungen darüber sind noch nicht zu Ende, anführen läßt sich aber vorläufig, daß unter den Gestorbenen bei den Inden ein viel höherer Procentsatz von Verheiratheten und Verwittweten ist als bei den übrigen Confessionen: es starben 31 Procent Verheirathete bei den Juden gegen 18 Procent bei den übrigen Confessionen und 10 Procent Verwittwete gegen 8 Procent bei der übrigen Bevölkerung. Diese Zahlen in ihrer Gesammtheit eröffnen eilte1 weite Perspective. Sie gleichen einer Quelle, die von einem furchtbaren und bedeutsamen Hinterland gespeist wird. Auf diesem Hinterland werden eifrig Durchdringung des Lebens mit humanen Ideen, materieller Besitz, Bildung, eine Reihe echt menschlicher Eigenschaften gepflegt, die dieser Bevölkerungsgrnppe zu hoher Ehre gereichen. Polnische Juden im Bade. Niemand ist um seine Gesundheit so besorgt als der polnische Jude. Sein leibliches Wohlergehen ist für ihn das werthe Objekt der ängstlichsten Beobachtung und gründlichsten Prüfung; er ist immer auf der Lauer nach einer sich entwickelnden Krankheit, ununterbrochen auf der Jagd nach einer etwa beginnenden Unpäßlichkeit, stets besorgt um seine Person. Einerlei! Möge er nun im fettglänzenden Kaftan mit der langen Pfeife im Munde und den Schmachtlocken an der Stirne einherbochern, und höchstens „in alten Hosen-Stellagen oder Kannefaß-Parapluie-Conjunkturen" machen, oder bereits von der Civilisation beleckt, sogar in Paris leben, Verwaltungsrath und selbst spanischer Consul sein — sein besseres unverfälschtes Ich bleibt polnischer Jude mit der steten Sorge um seine Gesundheit. Das Badewesen übt auf den polnischen Juden einen eigenthümlichen Reiz. Sobald sich nur die geringste Baisse in Winterhosen zeigt — das untrüglichste Zeichen des Frühlings-Anfanges — fühlt er Wanderlust. Weder Salben noch Pillen, weder Pulver noch Schröpfköpfe können sein Leiden dann beheben. Er muß ins Bad, sei es wegen „Gebiß in die Füß", oder „Geraiß im Gedärm", oder „Gedrück im Geschling", oder wie sie immer heißen die von ihm benamsten und diagnosticirten Leiden. In eine» Badeort seiner Heimath geht der polnische Jude nie. Er muß in ein Weltbad nach Karlsbad oder Wiesbaden, nach Franzensbad oder Kissingen. Mit der Sorge um seine Gesundheit hält das Mißtrauen gegen die Aerzte gleichen Schritt. Einer genügt ihm niemals. Er spekulirt, Zwei müffen mehr wissen wie Einer und so schreitet er in gerader Progression fort: von Frerichs zu Romberg, von Wunderlich zu Lebert, von Scoda zu Oppolzer, ohne Einem von dem Andern zu sagen. Jeder muß ihm schwarz auf weiß seine Krankheit geben und seinen Rath und das Bad, das für ihn angezeigt. Und so kommt es, daß er mit einem schier vollständigen Verzeichniß beinahe aller berühmten Bäder versehen ist. Nun wäre dies gewiß für jeden Andern verwirrend, und er würde sich erst recht nicht auskennen, bei dem polnischen Juden ist das nicht der Fall. Möge ihm wer immer gerathen haben, sobald er sich einmal durch vergleichende Studien an seinen Genoffen überzeugt hält, er hat „Geraiß im Gedärm", geht er nur nach Karlsbad und hätte ihm ein Eoncilium sämmtlicher europäischer medicinischer Fakultäten welch' Bad immer vorgeschlagen. Der polnische Jude reist gewöhnlich ohne Bädecker, aber er findet sich doch zurecht und läuft nie Gefahr, von den Badewirthen geprellt zu werden, im Gegentheil danken sie Gott, wenn sie selbst mit heiler Haut davon kommen. Er besucht im Bade alle functionirenden Aerzte — und behelligt sie mit seiner Leidensgeschichte. Zu dem £ hat er mehr Vertrauen, weil er Sanitätsrath ist, zu dem A, weil er Assistent im Spital war; zu dem F, weil er im Winter nicht im Bade müßig auf der Haut liegt, sondern wieder die großen Spitäler besucht; zu dem L, weil er stets hier und dadurch familiär mit den Quellen ist; zu dem O, weil er im Herbste koscher ist, und zu dem U, weil er ihm auch nicht schaden wird. Er will immer viel trinken, und sein steeer Refrain ist: „Jach hob e' Gewaltnatur", und allen Versicherungen gegenüber, daß er nur mäßig trinken darf, setzt er sein stereotypes: „Werden Se mir lassen trinken noch a Becher" entgegen und hält' ihm auch der Arzt das Dutzend bereits schon voll gemacht. Bon einem polnischen Juden kommt auch das Witzwort her: „Werd' ich trinken den zweiten Becher zuerst." Einem polnischen Sohne Israels hatte ein Karlsbader Arzt nach langem Quälen und Drängen endlich gestattet, einen Becher Sprudel zu trinken. „Doktorleben," ruft der Kranke, „wos schod's, sagen mer zwei." Unmöglich, replicirt der Arzt, den ersten werden Sie noch vertragen, aber zwei sind zu viel. „Zu viel? i was a Sach ist, werd' ich trinken den zweiten Becher zuerst." Der polnische Jude weiß sich an den Brunnen so zu postiren, daß er wenigstens vor den Baron Rothschild oder hinter den Prinzen von Preußen zu gehen kommt. Er macht alle Vergnügungen des Bades mit, die gratis sind. Selbst den Tanzsaal verschmäht er nicht. In den meisten Bädern wird das Publikum ersucht, bei den Reunionen in der Promenade-Toilette zu erscheinen. Eine Aufforderung, die ganz natürlich, weil Wenige nur Balltoilette ins Bad mitschleppen und so auf diese Vereinigung verzichten müßten. Sobald aber ein gekröntes Haupt sein Zelt in einem Bade aufschlägt, nimmt das Publikum einverständlich von dieser Aufforderung Um-

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