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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-31 · Heft 35 (31.8.1869) · p. Seite 709

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 35 (31.8.1869)
Date
1869-08-31
Page
Seite 709 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -cs Zudcnthums. Feuilleton-Äeillige;u Nr. 35. Leipzig, den 31. August 1869. Statistische Notiz. Die, nicht eben judenfreundliche „National-Zeitung" in Berlin bringt Artikel „die Hauptstadt aus der Vogelschau, statistische Studien von H. S.", aus denen wir folgende Piece hervorheben. Die Confessionsverhältnisse geben in psychologischer Hinsicht zu den anregendsten Betrachtungen Beranlaffung. Uebergehen wir die geringe Zahl von 1026 Dissidenten und 197 Bekennern anderer Religionen, so leben in Berlin 630,271 oder 90 Prvcent Evangelische, 40,922 oder 6 Procent Katholiken nnd 27,565 oder 4 Procent Juden. Während sich die Katholiken beinahe gleichmäßig über die ganze Stadt verbreiten, concentriren sich die Juden beinahe ausschließlich auf die alte City, die vorherrschend handeltreibenden Stadttheile Berlins, Spandauer Revier, Friedrichs-Werder, Königsstadt, Dorotheenstadt, Alt- und Neu-Kölln. Berlin ist also zu 9/io eine evangelische Stadt, und wie sehr darin die Juden zurücktreten, ergiebt sich daraus, daß auf einen Juden 23 Evangelische und nahezu 2 Katholiken kommen. Dies wäre die quantitative Bertheilung der Confessionen, wie steht es um ihre Qualität, um ihre Leistungen in geistiger und materieller Beziehung? Statistisch ist diese Frage wenig faßbar, aber jeder, der mit offenen Augen in Berlin lebt, wird bestätigen, daß die Juden trotz ihrer geringen Zahl überall geistig und materiell in ebenso auffallender wie respektabler Weife zur Geltung kommen. Das Erste, was sie kennzeichnet, ist die Bedeutung, welche sie dem Unterricht, überhaupt dem Wiffen, der Kunst und Gelehrsamkeit beilegen. Diese Eigenschaft der Juden läßt sich auf die Zeit der babylonischen Gefangenschaft zurückdatiren, der Talmud sowohl wie die ältesten Volkssprüche sind von ihr durchweht. „Vor Allem lerne, heißt es im Talmud. Denn gar bald wirst du das Studium, aus welcher Rücksicht immer begonnen, um seiner selbst willen lieben." „Jerusalem war zerstört, sagt die Weisheit auf der Gaffe, weil der Unterricht der Jugend vernachlässigt wurde." „Die Welt wird durch den Athem der Schulkinder erhalten." „Verehre deinen Lehrer mehr als deinen Vater. Der letztere hat dich in diese Welt gebracht, der erstere zeigt dir den Weg in eine höhere." Sodann sind die Juden ein thätiges und rühriges Volk; von jeher sind Müßiggang und Ascese ihnen verhaßt gewesen. Frömmigkeit und Gelehrsamkeit selbst erhielten die gebührende Achtung nach dem Talmud nur dann, wenn sie mit rüstiger, körperlicher Arbeit verbunden waren. „Es ist gut deinen Studien ein Gewerbe zuzugesellen; so bleibst du von Sünden rein." „Der Arbeiter an seinem Werke braucht vor dem größten Gelehrten nicht aufzustehen." „Größer ist der, welcher seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, als der, welcher Gott fürchtet." Von diesen Anschauungen finden wir die heutigen Juden noch ebenso durchdrungen. Die Wahrheit, anerkannt im Gesetz oder von der Weisheit des Volkes, führt bei ihnen kein ideales Dasein, sondern sie ist da, damit man sie befolge und darnach lebe. Dies beweist die hohe Stufe, welche überall die jüdische Bevölkerung in Berlin auf der socialen Leiter einnimmt. 57 Procent jüdischer Knaben genießen höheren Unterricht, während im Durchschnitt blos 27 Procent der Knaben anderer Confessionen höheren Unterricht genießen; noch auffallender gestaltet sich das Verhältniß bei den Mädchen: von 100 Mädchen bei den Juden genießen 66 höheren Unterricht, dagegen blos 16 im Durchschnitt der übrigen Confessionen; es läßt sich hieraus mit Sicherheit einmal auf die günstigen Vermögensverhältnisse, sodann auf den Grad von Bildung und das Maß des Antheils an der allgemeinen Culturarbeit bei der Heranwachsenden Generation schließen. Auch der Unterricht im Hause wird relativ am stärksten von den Juden cultivirt. Wir haben in Berlin 358 Familien, welche sich Erziehungspersonal im Hause halten: davon kommen 243 auf die Evangelischen, 12 auf die Katholiken, 100 auf die Juden; würde man die Bertheilung nach der numerischen Stärke der Confessionen vornehmen, so würden blos 14 auf die Juden kommen. Es werden in Berlin 15 Procent uneheliche Kinder geboren, bei den Juden blos 2 Procent; die Todtgeborenen betragen 4 Procent aller Geburten, bei den Juden blos 1 Procent. Werfen wir einen Blick auf die Trauungen, so finden wir, daß die Juden beinahe alle im naturgemäßen Alter heirathen: der Mann nicht über 40, die Frau nicht über 30 Jahre alt. Solcher Ehen werden bei den Juden 85 Procent, im Durchschnitt der übrigen Bevölkerung blos 72 Pro-

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