Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1869)
- Date
- 1869-08-31
- Page
- Seite 699 (sequence 7)
- Language
- German
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699 Confessionen bis in die höchsten Klassen der Gymnasien und Realschulen hinauf iu den Räumen der Lehranstalten und während der gesetzmäßigen Besuchszeit Religionsunterricht ertheilt wird, während derselbe für sie streng obligatorisch ist und daher eine den andern Disciplinen gleiche, ja diesen übergeordnete Stellung auf den Schulplänen und in den Zeugnissen aller Lehranstalten einnimmt, wird jüdischer Religionsunterricht in denselben nicht ertheilt und findet auf Lehrplänen und Schulzeugnissen keinen Platz. Nur in den untern Klassen wird in einigen Lehranstalten darauf gehalten, daß eine Bescheinigung über den Genuß irgend welchen Religionsunterrichtes beigebracht werde. In welcher Weise dieser ertheilt wird, das entzieht sich gänzlich der Kenntnißnahme der Schuldirectoren. In vielen Schulen und in den oberen Klassen aller höheren Lehranstalten wird von dieser wenig wirksamen Form gänzlich abgesehen. Welche Schädigung das religiöse Leben der jüdischen Staatsbürger durch diese Vernachlässigung, ja durch den fast gänzlichen Mangel des Religionsunterrichtes erleidet, kann Ew. Excellenz ebensowenig entgehen, als es eines Nachweises bedürfen wird, wie hierdurch zugleich das Staatsinteresse mittelbar geschädigt wird. Ew. Excellenz haben oft nnd mit Entschiedenheit .erklärt, daß eine tüchtige Schulbildung nur auf dem Grunde des religiösen ja des streng confessionellen Unterrichtes gedacht werden könne, daß die Schule weder ihre didaktischen noch ihre pädagogischen Ziele ohne Religionsunterricht zu erreichen vermöge. Die Juden bilden einen geringen, aber doch nicht ganz verschwindenden oder von der Regierung zu ignorirenden Bruchtheil der Bevölkerung; sie bilden einen sehr erheblichen Procentsatz gerade in den höheren Lehranstalten; der Einfluß der Juden auf die Entwickelung des geistigen Lebens in Deutschland ist ohne Zweifel oft überschätzt worden, aber er darf auch nicht ganz außer Acht gelassen werden: daher kann es für die höheren Gesichtspunkte der Staatsleitung nicht gleichgiltig sein, wenn die jüdische Jugend gerade der gebildeteren Stände, welche die höheren Lehranstalten vorzugsweise besucht, in der Schule und durch die Schule selbst dazu angeleitet wird, den Religionsunterricht (und damit nur zu oft die Religion selbst) als Nebensache anzusehen und allen Fleiß und alle Aufmerksamkeit anderen Lehrgegenständen zuzuwenden, von denen Lob, Aufsteigen und Versetzungen allein abhängt. Ew. Excellenz um Abhilfe zu bitten, berechtigt uns die Verfassung des preußischen Staates. Es scheint uns mit der gesetzlich anerkannten bürgerlichen Gleichstellung der Juden nicht verträglich, daß der jüdische Religionsunterricht zum Schaden der jüdischen Staatsbürger in so herabwürdigender Weise hintangesetzt werde. Soll die jüdische Religion keine bloß „geduldete" sein, soll die Gleichstellung der Juden mit ihren christlichen Mitbürgern auch in diesem Punkte eine Wahrheit werden, so dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, Ew. Excellenz Gerechtigkeitssinn werde unser Gesuch als ein wohl begründetes anerkennen und demgemäß verfügen, daß, wie in den höheren Schulen vieler anderen deutschen Staaten und Oesterreichs, so auch in denen Preußens der jüdische Religionsunterricht unter die Zahl der für die jüdischen Schüler obligatorischen Lehrgegenstände ausgenommen werde. In Erwartung eines günstigen Bescheides verharren wir u. s. w. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 18. August. (Privatmitlh). In Gmünden tagte in voriger Woche die 17. Diöcesan-Versammlung der katholischen Vereine Oberösterreichs, welcher aus allen Schichten des Volkes, besonders auch aus dem hohen Adel und dem Clerus viele Mitglieder beiwohnten. Die drei Sitzungen wurden mit den wüthendsten Reden gegen alle Nicht-Ultramontanen gefüllt. Auch hier kam die gewohnte Praktik der katholischen und evangelischen Ultramontanen zum Vorschein, die Juden als die Hauptträger des Liberalismus, als die eigentlichen Faiseurs aller antiklerikalen Bestrebungen zu beschuldigen und besonders die liberale Presse als „Judenpresse" zu bezeichnen. Man erhob sich bis zu Audeutungen über die Ersprießlichkeiten einer Judenhetze. Der Pfarrer Mann aus St. Pölten sprach dies sehr verständlich aus. Nun, wessen daS Herz voll ist, fließt der Mund über — aber nicht Jedermanns Herzenswünsche werden auf dieser Erde erfüllt. Man beschuldigte besonders die Juden, die Urheber der Namen „Römerlinge". „Finsterlinge" u. s. w. zu sein. Die Leute waren gewiß, daß ihre Zuhörer nicht wußten, wie diese Ausdrücke schon Jahrhunderte alt sind, namentlich von den Humanisten im 16.