Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1869)
- Date
- 1869-08-31
- Page
- Seite 698 (sequence 6)
- Language
- German
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698 diese Männer samt und sonders, allen Berufskreisen und allen Confessionen angehörig, mit kaum nennenswerthen Ausnahmen, auf das „wohlverstandene" Interesse der Breslauer Bevölkerung für ihre Ansicht berufen. Aber sie haben eben das wohlverstandene Interesse der Bevölkerung nicht verstanden. Sie leben zwar in Breslau selbst; sie haben tagtäglich Gelegenheit, in aller Weise die Ansichten und Interessen der Bevölkerung kennen zu lernen — jedoch was hilft das alles? Der Herr Unterrichtsminister — denn dessen Ansichten sind nur durch den Erlaß des Provinzialschulkollegiums vcrdollmetscht — kennt die „wohlverstandenen" Interessen Breslau's besser; er hält selbst Simultanschulen dem wohlverstandenen Interesse der Bevölkerung „für keineswegs entsprechend," um wie viel weniger confessivnslose Schulen. Darin liegt also der Fortschritt nicht; denn Herr Minister von Rochow hat vor 25 Jahren fast genau dieselbe Antwort an den Magistrat von Elbing erlassen. Nein, der Fortschritt liegt wo anders; der Herr Unterrichtsminister v. Mühler begnügt sich nicht mit dem, was Herr v. Rochow geschrieben; er geht weiter; er nennt es „ein leeres Spiel mit Worten" und zwar „zum Mindesten" (ums Himmelswillen, was denn noch!?- ein leeres Spiel mit Worten, „welches dem Ernst des zur Verhandlung stehenden Gegenstandes keineswegs entspricht." Das ist nicht ein Angriff auf die Intelligenz — derartige Angriffe sind wir leider gewohnt — das ist ein Angriff auf den Charakter. Und darin, wir möchten das Wort „Berdächtigung" nicht gern gebrauchen, in diesem Angriff auf den Charakter der städtischen Behörden Breslaus liegt das für uns einzig und allein Ueberraschende. „Ein leeres Spiel mit Worten! Wer Zeuge gewesen ist, mit welcher peniblen Gewissenhaftigkeit der Magistrat die betreffende Vorlage an die Stadtverordnetenversammlung vorbereitet hat; wer da weiß, mit welchem Ernst die Stadtverordneten selbst an die Berathung gegangen, wie die einzelnen Stadtverordneten Tage lang mit ihrem Votum zu Rathe gegangen sind-und er findet dann in einem officiellen Actenstücke den Ausdruck ein „leeres Spiel mit Worten," und zwar „zum Mindesten"?? Nun, jeder mag sich selbst darauf antworten. Und was soll denn eigentlich zum mindesten ein leeres Spiel mit Worten sein? „Eine Anstalt, an welcher beliebig Evangelische, Katholische, Juden und Dissidenten angestellt werden, eine christliche zu nennen." Es existirt hier eine höhere Unterrichtsanstalt, an welcher beliebig, d. h. doch wohl, nachdem ihre pädagogische Tüchtigkeit und ihr sittlicher Charakter jede Prüfung bestanden, Evangelische, und zwar Alt- Lutheraner, Unirte, Reformirte, Katholiken, Dissidenten an gestellt würden. Und hat sie weniger segensreich gewirkt als andere? Oder ist sie weniger im wohlverstandenen Interesse der Bevölkerung errichtet worden? Mit Nichten. Und würde diese Anstalt ihren christlichen Charakter verlieren, wenn auch jüdische Lehrer angestellt würden? Wir denken, mit der Sache sind die städtischen Behörden nach dem Rescript vom 8. Aug. fertig und es dürfte die Ansicht vollkommen gerechtfertigt sein, mit dem jetzigen Unterrichtsministerium in dieser Angelegenheit überhaupt nicht mehr zu verhandeln. Der Ausdruck, „zum mindesten ein leeres Spiel mit Worten" sollte jedoch unseres Erachtens — das verlangt die Ehre der städtischen Behörden — mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. — Das Resultat ist: die Bevölkerung Breslaus entbehrt noch länger zwei höhere Bildungsstätten. Das ist traurig und im „wohlverstandenen Interesse" der Bevölkerung außerordentlich zu beklagen, aber es muß ertragen werden. Noch nie haben wir etwas mit vollerer Ueberzeugung niedergeschrieben, als daß Breslau im Verlaufe weniger Jahre diese höheren Bildungsstätten und zwar vollständig im Sinne der Beschlüsse der jetzigen städtischen Behörden erhalten wird. Wir haben dafür keinen andern Beweis, als die fortschreitende Bildung der Zeit, aber dieser Beweis genügt für alle übrigen. Breslau, im Aug. Die Herren 0r. Z. Frankel und vr. B. Zuckermann haben im Namen des jüdisch-theologischen Vereins folgende Petition an den Kultusminister von Wühler gerichtet. Ew. Excellenz erlauben sich die Unterzeichneten nachstehendes Gesuch zu unterbreiten. Seit langer Zeit sind die Verhältnisse des jüdischen Religionsunterrichtes in den höheren Lehranstalten des preußischen Staates Gegenstand, wir glauben gerechter Klagen. Während den Bekennern der christlichen