Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1869)
- Date
- 1869-08-24
- Page
- Seite 691 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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691 tigste und! schändlichste Bourbon, der auf dem-spanischen throne gesessen hat — ich meine Ferdinand VII., den Eastelar in seiner berühmten Rede für die Gewissensfreiheit mit Recht einen „elenden Gesellen" und einen „niederträchtigen Burschen" nannte — es nicht wagte, dasselbe wiederherzustellen, obschon er im Jahre 1823 von den Ultras dazu gedrängt wurde und obschon es immer der leitende Gedanke seiner Regierung war, die Liberalen zum Falle zu bringen und den Einfluß der Inquisitoren und Mönche zu steigern. Die öffentliche Meinung ist seit dem Anfänge dieses Jahrhunderts in Spanien eine Macht geworden, der sich dort selbst die Despoten und die Moderados beugen mußten. Während die von den Cortes im Jahre 1812 unter dem Donner der feindlichen Kanonen in Cadix proclamirte Verfassung — die freieste Verfassung, welche jemals ein Volk in Europa besessen hat — noch die Ausübung jedes anderen Cultus in Spanien neben der katholisch-apostolisch-römischen Religion ausschloß, finden wir in der von den Moderados im conservativen Sinne reformirten Verfassung von 1837 den Ausdruck: „mit Ausschluß jedes anderen Cultus" nicht mehr vor. Selbst die reaktionären Reformatoren von 1845, denen die cvnservative Verfassung von 1837 «och lange nicht reaktionär genug war, wagten nicht in den die Religion betreffenden Abschnitten eine Aenderung vorzunehmen, und das von den geschicktesten conservativen Ränkemachern im Jahre 1851 zusammengestellte neue spanische Strafgesetzbuch, welches an die Stelle der barbarischen Gesetze des Mittelalters trat, kennt nur ein „öffentliches" Vergehen gegen die Religion, wüches in Gegenwart von mehr als zehn Personen verübt werden muß. Nur in diesem Falle war das Bekenntniß irgend einer anderen Religion als der katholischen ein Vergehen, welches mit Vertreibung aus dem Königreiche bestraft wurde. Die Revolution von 1854 führt die religiöse Frage in Spanien von neuem in die politische Arena. *j Wenn die Religionsfreiheit aus der berühmten Cortes-Versammlung desselben Jahres auch noch nicht siegreich hervvrging, so machte sie in derselben doch einen ganz bedeutenden Fortschritt. 159 Stimmen wiesen in derselben die Verfolgung derer zurück, die sich nicht zum Katholicismus bekennen. Die Toleranz der übrigen Religionsbekenntnisse wurde mit nur 103 Stimmen gegen 99 verworfen. Der die religiöse Frage behandelnde Paragraph der neuen Verfassung lautete: „Die katholische Religion ist Staatsreligion; aber Niemand kann wegen seiner religiösen Ansichten verfolgt werden." Damit war der Paragraph des Strafgesetzbuches von 1851 von dem „öffentlichen Vergehen gegen die Religion" gefallen. — Gegen Ende sagt der Verfasser: Spanien, einst das Land des krassesten Fanatismus, das Land der Inquisition und der Scheiterhaufen, ist heute nicht mehr ka- *> Zu der Erneuerung der Cultusfrage in den Cortes dieses Jahres gab besonders unsere bekannte damalige Petition die Veranlassung. Die Redaktion d. A. Z. d. I. tholisch. Eine dreihundertjährige Pfaffen- und Mönchsherrschaft hat es glücklich dahingebracht, daß die große Mehrheit des spanischen Volkes gegen die Göttesverehrung ganz gleichgiltig geworden und daß die Macht und der Einfluß der Geistlichkeit vollständig gebrochen sind. Die Spanier sind Deisten oder Ungläubige, und die Ersteren, wenn sie auch ein höchstes Wesen ohne bestimmte Vorstellung anerkennen, glauben trotzdem weder an die Wunder, noch an die Jungfrau Maria, noch an die anderen Mysterien der katholischen Lehre. In Spanien ist der Glaube todt. Anhänger findet die spanische Geistlichkeit nur noch in der Heuchelei der Reichen oder in der Bigotterie des Pöbels, obgleich auch diese Anhänger nur sehr sporadisch sind. Das unterirdische Jerusalem. Von Karl Blind. «Schluß.) Steinkugeln, wohl die Geschosse aus den römischen Wurfgeschützen bei der Belagerung von Jerusalem, kann man hier auch sehen. Sie sind von verschiedener Größe und wiegen von fünf bis fünfzehn Pfund. Augenscheinlich hatte man sie aus dem Kalkstein in der Umgegend von Jerusalem gehauen, um die Stadt damit zu beschießen .... gleichwie der Adler zu Tode getroffen wird von dem Pfeil, der mit Federn aus seinem eigenen Leibe beschwingt war. — „Der weiße Bolzen kommt!" riefen die Wächter auf den Mauern, wenn sie eines dieser Geschosse heranfliegen sahen. Achtzehnhundert Jahre sind seitdem verflossen. Die Juden sind in alle Welt verstreut. Von der Zinn- Insel aber, welche sich damals erst aus barbarischer Nacht emporhob, sind die Männer ausgegangen, die aus Jerusalems Trümmerhaufen diese Werkzeuge der Zerschmetterung wieder hervorgruben. Nach diesem Anblick mögen wir kaum mehr die anderen Gegenstände — allerhand silbernen Schmuckkram Musischer Weiber, arabische Gürtel u. s. w. — besichtigen, die man etwas geschmackloserweise mit dieser Ausstellung verbunden hat. Ein paar vertrocknete Rosen von Jericho; einiges Unkraut, zwischen dem Weizen in Palästina gesammelt; verschrumpfte taübe Früchte von den Ufern des Todten Meeres sprechen schon mehr zur Phantasie. An den Wänden hängen zahlreiche Lichtbilder, 349 an Zahl. Sie enthalten die Ansichten von Tempel- und Synagogen - Ruinen, von Landschaften um Jerusalem, Hebron und Damaskus herum. Trümmer bei Kapernaum, Chorazin, Gerasa, Kedesch, Samaria, treten uns im grellen, scharfen Lichte des Orientes vor die Augen. Der Blick weilt gern träumerisch über diesem steinigen, felsigen Boden — auf diesen Widnissen Judas — auf diesen prangenden Gärten, diesen gluthübergossenen Weinbergen, diesen zur Rühe ladenden Hai-