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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-24 · Heft 34 (24.8.1869) · p. Seite 690

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 34 (24.8.1869)
Date
1869-08-24
Page
Seite 690 (sequence 18)
Language
German
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690 Frauen und vier Juden, welche wieder zum Glauben ihrer Väter zurückgekehrt waren. Die unglücklichen In-, den wurden vor ihrer Verbrennung, während der Vorlesung des Urtheiles, mit der Hand an den Galgen genagelt. Fünfzig „Ketzer" wurden erdrosselt und nach der Erdrosselung verbrannt. Wie man in Deutschland in den Jahren 1849 und 1850 die Freiheitsmärtyrer „zu Pulver und Blei begnadigte", so waren jene von , der heiligen Inquisition „zur Erdrosselung vor der $et*i brennung begnadigt" worden, weil sie ihre Jrrthümer abgeschworen hatten und es ihnen deshalb erlaubt wurde, als „gute Christen" zu sterben. Sehr viele arme Sünder — die Zahl derselben hat der Chronist nicht angegeben — waren von der Barmherzigkeit der Inquisition auch zur „Aussöhnung begnadigt". Die Aussöhnung bestand darin, daß sie für sich, ihre Kinder und Kindeskinder ehrlos gemacht wurden und die Inquisition ihr Hab und Gut confiscirte. Während des Opfertodes der Veruttheilten auf dem flammenden Scheiterhaufen mußten sie, mit dem Sanbenito bekleidet, barfuß, eine Kerze in der Hand, Buße thun. Der Sanbenito war eine drei Fuß hohe, mit Teufelsfratzen und Flammen bemalte Mütze aus Pappendeckel. In allen spanischen Städten, welche ich besucht habe, traf ich noch Abkömmlinge solcher für ewige Zeiten von der Inquisition ehrlos gemachter Opfer. In der großen Procession, welche um 8 Uhr Morgens aus dem Jnquisitions-Palaste trat und vor Beginn der Feierlichkeit langsamen Schrittes sich um den Quemadero — die Brandstätte — bewegte, folgten die Verurtheilten gleich hinter den Granden, welche sich den Titel von „Inquisitions-Vertrauten" erworben. Unter ihnen machten die zu leichtern Strafen Verurteilten, barfuß, auf dem Kopfe einen grünen Sanbenito, den Anfang; ihnen folgten die zur Auspeitschung, Galeere oder ewigem Kerker Verdammten, dann die zum Erdrosseln Begnadigten, endlich die „Rückfälligen", die „Verstockten", welche lebendig gebraten werden sollten. Auf ihren Sanbenitos züngelten die Flammen der Höllenfeuer nach aufwärts. Alle trugen ohne Unterschied brennende Wachskerzen in den Händen. Jeder wurde von zwei Mönchen und zwei Vertrauten bewacht. Die letzten Glieder in diesem entsetzlichen Zuge waren — die tobten Opfer der Jnquistion, die Gebeine und die Leichen der in den Kerkern auf der Folter gestorbenen Unglücklichen in hölzernen, mit Teufelsfratzen und aufwärts lodernden Flammen bemalten Kasten. Auch diese Gebeine und Leichen sollten den Flammen der Scheiterhaufen übergeben werden. Während die Procession um die Brandstätte schritt, läuteten alle Glocken der Kirchen und Klöster von Valladolid. Glockengelaute und Chorgesang der Mönche begleiteten die Akte der Erdrosselung und Verbrennung. Erst am Abend war die Feier zu Ende. „Drei Tage nach diesem königlichen Priesterfeste", fügt unser Chronist seiner Schilderung hinzu, „war der Himmel noch von Rauchwolken mnschleiert, und noch am dritten Tage roch die Umgebung des Campo Santo in Valladolid nach Harz, Menschenfleisch und verbräunten Gebeinen, Weihrauch zum Wohlgemch des Herrn!" Äehnliche Autodafes haben alle spanischen Städte während dreier Jahrhunderte gesehen. Noch im Jahre 1781 sind in Spanien Ketzer verbrannt, erdrosselt, gefoltert und für Kinder und Kindeskinder ehrlos gemacht worden. Erst Karl der Dritte, der philosophische und progressistische König, hat die Scheiterhaufen in Spanien ausgelöscht und die Folter unterdrückt, wenn er es auch nicht gewagt hat, „das heilige Amt" abzuschaffen. Wie viel Menschen während der drei Jahrhunderte auf den „Quemaderos" der Inquisition verbrannt und erdrosselt worden, läßt sich auch wohl nicht annähernd ermitteln. Der Ab bä de Montgaillard sagt im vierten Barche seiner Geschichte von Frankreich: „Welche Grausamkeiten auch die Jacobiner begangen haben, sie bleiben weit hinter denen der spanischen Inquisition zurück und die Palme des Justizmordes kommt mit Recht dieser heiligen Anstalt zu. Von 1481 bis 1781 wurden 81,920 Ketzer verdammt und verbrannt. 16,759 wurden im Bilde verbrannt; 291,450 wurden zu harten Strafen verurtheilt. Die Summe der Schlachtopfer mit Einziehung ihrer Güter beträgt 341,029. Diese Berechnung ist noch äußerst mäßig. In der Stadt Ciudad Real gaben die Autodafes folgende Summe: Im Jahre 1484 am 13. Februar wurden verbrannt 950, am 2. April 800, am 7. Mai 750, am 15. August 27, am 12. December 950. Also sind in einem einzigen Jahre in Einer spanischen Mittelstadt 3477 Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden." Welch entsetzliche Ziffer! „Aber, man übersehe nicht," sagt der spanische Schriftsteller Manuel de Cuendias, „daß die Autodafes nur gelegentliche öffentliche Probestückchen von der Gewalt der Inquisition waren, zugleich berechnet, das Gemüth des Volkes bis zum consequentesten Fanatismus abzuhärten und seine Phantasie mit heilsamen Bildern von der Allmacht des Santo Officio zu erfüllen. Ein pädagogisch-ästhetisch-politisches Theaterstück! Denn die Zahl der lebendig Verbrannten und vorher Erdrosselten war noch eine Kleinigkeit gegen die der heimlich Todtgefolterten, lebendig Begrabenen, Verkrüppelten, an den Bettelstab Gebrachten und ehrlos Gemachten, auf deren Enkel und Urenkel noch heute in vielen Städten Spaniens die Kinder auf der Gaffe mit Fingern zeigen, als auf Unehrliche oder Bescholtene! Was endlich sind die Leiden einzelner Taufende gegen die Unterwerfung einer ganzen Nation! Denn die Allmacht der Inquisition glich durch die Unzahl ihrer Vertrauten ihrer Allwissenheit; dadurch erhielt die gröbste Capuzinerkutte eine Unverletzbarkeit, wie man sie kaum dem Fürstenpurpur zugestand, und der Clerus übte auf diese Weise die uybedingte Herrschaft in kirchlichen, politischen und Familienangelegenheiten . . . ." Aber „das heilige Amt der Inquisition" war in Spanien so verhaßt geworden, daß selbst der niedertrach-

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