Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1869)
- Date
- 1869-08-24
- Page
- Seite 689 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthnms. Fenillcton-öeilage M Rr. 34. Leipzig, den 24. August 1869. Inquisition und Cultusfreiheit in Spanien. Der jetzt auch in Spanien verfassungsmäßigen Cultusfreiheit gegenüber, taucht aus einer noch gar nicht langen Vergangenheit dieses Staates das schreckenerregende Bild der spanischen Inquisition aus der Erinnerung um so mehr auf und regt an, das Gedächtniß an dieselbe aufzufrischen, um uns zum Bewußtsein zu bringen, welche Kluft zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit besteht, und wie glücklich wir uns schätzen können, über diesen Abgrund hinweggekommen zu sein. Wir benutzen daher ein Feuilleton der „N. fr. Pr." unter der obigen Aufschrift von Gustav Rasch, einige Stellen desselben hier wiederzugeben, und bemerken ausdrücklich, daß die Angaben des Verfassers aus einer, der Inquisition eher günstigen als feindlichen Quelle geflossen, da andere, und zwar spanische Schriftsteller viel höhere Angaben der Schlachtopfer dieses scheußlichen Institutes bringen. Aber wir möchten sagen, es komme hier weniger auf die Höhe der Zahlen an. Wie bei den Entfernungen der Gestirne, die uns die Astronomie angiebt, die Größe der Zahlen uns den Begriff und die Vorstellung dieser Fernen nimmt und nur das Staunen über die Unermeßlichkeit des Raumes läßt: so ergeht es uns auch bei dem Wüthen dieser im Dunkel handelnden und dann wieder mit gräßlicher Offenheit an's Tageslicht tretenden „Heilsanstalt der spanischen Kirche" — die Zahl der Opfer ist so groß, daß es auf mehr oder weniger nicht ankommt, und nur der tiefste Abscheu über diese Geißel und die lange Dauer ihrer Herrschaft zurückbleibt. Der Aufsatz beginnt: Im verflossenen Frühjahre wurde in Madrid in der Nähe der Bilbaobrücke bei Gelegenheit eines Durchstiches einer von den Plätzen entdeckt, wo die Inquisition ihre entsetzlichen Autodafes gefeiert hat. Breite Streifen Asche, mit halbverbrannten Menschenknochen untermischt, durch Sandlager von einander geschieden, legten Zeugniß für die Stellen ab, wo drei Jahrhunderte hindurch die Scheiterhaufen gelodert haben. Die Asche fühlt sich stearinfettig an und ist so mit Ueberbleibseln von Menschenknochen versetzt, daß man nur mit der Hand hineiuzugreifen braucht, um letztere in großer Anzahl hervvrzuziehen; die Dicke dieser Asche wechselt von vier Zoll bis zu einem Fuß und darüber; an manchen Stellen haben diese Streifen eine Breite von sechzig bis achtzig Schritt. Breite und Dicke der Aschenstreifen sprechen hier für den größeren oder geringeren Glanz der barbarischen Feste despotischen oder pfäffischen Fanatismus am spanischen Hose. Am 12. Mai fand auf diesem entsetzlichen „Quemadero" eine Maffendemonstration für die Cultusfreiheit statt. Ueber vierzigtausend Menschen waren anwesend. Es war eine wirklich erhebende Feier. Ein Priester, welcher sich unterfing, das Wort zur Bertheidigung der hier geschehenen fürchterlichen Dinge zu nehmen, war nahe daran von der empörten Menge zerrissen zu werden. Diesen Platz soll künftig ein Monument zur Erinnerung an die von den Cortes gewährleistete Cultusfreiheit zieren. Welche Coutraste zwischen dieser am 12. Mai auf dem Quemadero an der Bilbaobrücke gehaltenen Feier und der Schilderung eines Autodafes auf dem Campo Santo in Valladolid, welches dort an einem schönen warmen Maitage im Jahre 1556 stattgefunden hat! Ein spanischer Chronikenschreiber hat uns die entsetzlichen Einzelheiten dieses fürchterlichen Festes aufbewahrt. Der Prinz Don Carlos — derselbe Don Carlos, welcher Gegenstand des Schiller'schen Trauerspieles gleichen Namens ist — und die Prinzessin Juana wohnten als Stellvertreter König Philipp's II. dem Feste bei. Auf der Ostseite des Platzes, welcher damals von nicht weniger als sechzig Mönchsklöstern und zwanzig Nonnenklöstern umgeben war, stand ein für die Granden und Inquisitoren errichtetetes fünfzig Fuß langes Gerüst; rechts von diesem Amphitheater erhob sich ein zweites ähnliches für die Staats- und anderen Räche, welches fünfundzwanzig mit kostbaren Teppichen bedeckte Abstufungen hatte. Hoch über allen diesen Abstufungen und weit höher als der königliche Balkon stand der Thronstuhl des Groß- Jnquisitors unter einem Baldachin von schwarzem Sammt mit Silberfransen. Links vom königlichen Balkon befand sich das Schaffst. Auf diesem Schaffst wurden an diesem schönen und sonnigen Maitage vierzehn Menschen lebendig verbrannt. Die Geschichte hat uns die Namen dieser Märtyrer aufbewahrt. Unter ihnen befanden sich mehrere^ Pfarrer, Priester, Mönche, Advokaten, drei