Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1869)
- Date
- 1869-08-24
- Page
- Seite 681 (sequence 9)
- Language
- German
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681 Studium des Talmud sich das Judenthum gebildet, jeder Neuerung, und wenn sie selbst eine Wohlchat ist, sich erwehren und damit der Neuzeit wie etwaigen Bemühungen der russischen Regierung hartnäckig sich entgegenstemmen. Wie haben sie die armen Menschen versumpft! jedes Eindringen eines freundlichen Sonnenblicks der Außenwelt abgewehrt, damit nicht die Wünsche über die enge Sphäre hinausgehen. Da könnten die Herren aus Breslau lernen, die ja in ihrer letzten Zusammenkunft Gotteslehre und Talmud als Eins betrachtet haben wollen, was die Verwirklichung ihrer Ideen für Folgen in sich trage! Die Roth dieser Leute ist also ein Derhältniß, das aus ihrem ganzen Sein und Denken sich immer grausiger gestaltet hat. Die Unterstützung in der Zeit der Hungersnoth war dringend geboten, und Sie wissen selbst, wie ich zuerst in Ihrem Blatt auf selbige aufmerksam machte. Allein Allmosen kann nie für die Dauer etwas fruchten, nur von der Arbeit lebt der Mensch, nur diese kann ihn erheben. Wenn nun auch diese Grenzjuden versumpft sind, so sind sie doch nicht derartig verdummt, als daß sie nicht sich emporarbeiten könnten, wenn ihnen die Gelegenheit dazu geboten würde. Auswanderung, Kenntniß der Zustände andrer Länder muß ihnen geboten werden, und sie werden schnell sich emporarbeiten, viele der Ihrigen nach und nach veranlassen ihnen zu folgen. Nur keine Einwanderung in's Innere Rußlands! Die preußische Regierung warnt ja oft genug, daß Niemand sich verleiten lassen möchte, ins Innere Rußlands auszuwandern, und wie kommen die Leute daher zurück? Ich mag hier die Gründe nicht auseinander setzen, es kennt sie jeder, der mit den dortigen Verhältnissen bekannt ist. Mag die Regierung noch so human sein, das Reich ist zu groß, das Rechtsbewußtsein zu klein, die eignen Umgebungen behindern jedes Aufkommen. Also keine Auswanderung nach dem Innern, wo die Handwerker höchstens auf Erlaubniß sich für ein Jahr aufhalten dürfen, sondern nach Amerika, nach Australien, wo Freiheit der Bewegung vorhanden, der sie sich schon gelehrig anpaffen werden. Sie werden weniger in der Fremde untergehen, als ihnen dies zu Haus gewiß ist. Das Leben dieser Juden zu Haus muß man sehen, um all die Schönrednerei von gelehrten Gesprächen, die ihre Lebensfreude ausmachten rc. als Illusion zu erkennen. Schmutz, Krüppel an Körper und Geist, ohne Gefühl unv Kenntniß vom Recht, denn sie suchen nur Maaren zu borgen, um sie nie zu bezahlen, oder wiffen durch raffinirteste Bettelei die Herzen von Wohlthätern zu betrügen, mag ich ihnen die Verhältnisse nicht weiter schildern, wie mir sie ein höchst ehrenwerther streng orthodoxer jüdischer Freund darstellte, der wahrlich frommer ist, wie Herr Lehmann in Mainz und Genossen, aber deshalb nicht der Meinung ist, daß ein Jeder, der nach dem Talmud lebt, schon darum würdig ist in den Himmel gehoben zu werden. Auch er schilderte mir, wie sein Herz zwiefach beim Anblick dieser Leute bewegt wurde: zuerst ein Grausen von ihrem Thun und Denken, dann aber das tiefste Mitleid über ihr Elend und über ihre moralische und körperliche Schwäche. Sie leben in einem Lande, wo selbst die Vorgesetzten sie zwingen durch Bestechung und Trug ihr Dasein zu fristen, wo jeder Lichtblick der Bildung durch die verschiedensten äußern wie inner« Schranken von ihnen fern gehalten wird. Wenn nun aber dies ihren Untergang herbeiführen muß, je mehr sie ohne Kenntniß der Außenwelt sich in ihren engen Wohnbezirken vermehren, die Nahrungsquellen versiegen, die der Kleinhandel bisher gewährte, so kann nur die Auswanderung, die Nothwendigkeit sich etwas zu versuchen und andrer Länder Verhältnisse sich nutzbar zu gestalten, diesen Untergang verhindern. Die Armen! wie stehen sie so kläglich, stüpide, ängstlich vor den Thüren, um irgend ein Almosen oder einen Blick der Theilnahme zu ergattern! Kummer, Krankheit, Sorgen umdüstern ihr Antlitz, nur der Kampf mit dem Leben hat ihr freudenloses Dasein ausgemacht, sie aber auch vielfach bodenlos verderbt. Also Comitss in den Seestädten! die Juden müssen Mittel in den preußischen Grenzstädten finden, um dahin zu gelangen. Dann freie Ueberfahrt und etwas Unterstützung jenseits des Oceans, wo ebenfalls die Juden sich ihrer annehmen und Comites bilden müssen. Nur so kann ihnen geholfen werden. Zu einem solchen Fonds müssen Mittel gesammelt werden! Sind wir doch dadurch groß geworden, daß unsre Väter flüchtig von Erdtheil zu Erdtheil, von Land zu Land wanderten, um sich überall trotz aller Verfolgung eine Wohnstätte zu schaffen, warum sollte es nicht dieser gedrückten jüdischen Menschheit Rußlands im freien Amerika gelingen? 34