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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-17 · Heft 33 (17.8.1869) · p. Seite 671

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 33 (17.8.1869)
Date
1869-08-17
Page
Seite 671 (sequence 19)
Language
German
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671 10. Daheim. Unser Pole hatte viel zu thun, bevor er aus Jacob herausbrachte, was bei Friedemann Bach mit ihm vorgegangen, und auch so mußte er erst aus Bruchstücken sich das Ganze combiniren. In sich gekehrt, wie abwesenden Geistes, stumm saß der junge Mann in einer Ecke des Zimmers und mußte wiederholt aufgefordert werden, um nur die gewöhnlichen Dinge des Lebens zu verrichten. Zuerst sank freilich Jacob durch diese Geschichte in seiner Achtung gar sehr. Aber der bewegliche Geist des Jassyer wußte die Lücke bald wieder auszufüllen. Das Mitgefühl ist ein erfindungsreicher Tröster, indem es stets die Schuld von dem Gekränkten auf den Kränker wälzt, und absichtliches oder absichtsloses Verkennen, Neid, Befürchtung, von dem Betroffenen später verdunkelt zu werden, als Ursache der Zurücksetzung vorschiebt. „Laß es gut sein, Jacob, sprach er bald, warum hast Du dich auch zu den Gojim und zu ihren Künsten gewendet? Da befindet sich das Judenkind immer schlecht. Du bist und bleibst ein großer Klesmor; sing' und spiele, wie es bei uns Brauch ist. Was giebt es Schöneres als den Gesang eines guten Chasan und das Spiel eines guten Klesmor? Ich bin ein großer Freund von Musik und laß mir die andere auch gern gefallen, wenn ich es nicht besser haben kann. Aber mein Herz ist doch nur bei einem guten Nigun in der Schul', und beim Spiel an Purim oder auf einer Hochzeit. Weißt Du was, ich reise nächstens nach Jassy; komm mit, ich sage Dir, da wird Dein Waizen blühen. Unsre Leut' in Äassy sind sehr musikalisch, sie können Alle singen, und die großen Jassyer Häuser sehen auf ein paar Rändlers nicht, wenn ihnen was gefällt. Du kannst da schön Geld machen, und wenn es Dir dort nicht zusagt, kommst Du mit mir hierher zurück." Es kostete ihm viel Mühe, diesen letzteren Vorschlag unserem Jacob verständlich zu machen. Dann aber schüttelte dieser den Kopf, und sprach: „Ich will nach Heim, ich will zu Mutter und Schwester und zu Vetter Salme." Der Andere sah ein, daß er mit seinem Gaste nichts mehr machen könne. Am folgenden Morgen packte er Jacob's Bündel zusammen, und schickte sich an, ihn zum Thore hinaus zu begleiten. Vorher überlegte er sich: „Eigentlich hat der Junge den Jassyer Häusern gar nichts gekostet; die Karte bekam er mnsonst, und das Gerede mit dem Bach war gewiß umsonst. Ich werd' ihm geben, was ich dem kleinen grauen Kreisschreiber angeboten. Die Jassyer geben es schon gern." Gesagt, gethan, und ehe sie das Zimmer verließen, gab er unserem Helden fünf Rändlers aus der Tasche der Jassyer großen Häuser und eine Hand voll kleiner Münze aus seiner eigenen. Dann führte er ihn durch die Straßen gerade zu dem Thore hinaus, von welchem der Thorwächter Jacob so barsch zurückgewiesen, und guckte jenen stolz an, um ihm zu zeigen, daß er mehr vermöge. Eine Viertelstunde über die Stadt hinaus geleitete er Jacob, dann blieb er stehen, um sich von ihm zu verabschieden. Er sprach viele herzliche Worte, und hob, eine Thräne im Auge — denn der Wohlthäter ist immer gerührter als der Empfänger — hervor, daß sie sich in diesem Leben wohl schwerlich Wiedersehen würden, und gab dem Wanderer viele gute Rathschläge aus seiner reichen Erfahrung. Einige dieser Worte mußten den stillen Jüngling doch in's Herz getroffen haben, denn er fiel dem Polen um den Hals, und stammelte: „Ich danke, ich danke Ihnen, Gott wird es Ihnen vergelten, was Sie dem armen Verlassenen gethan." Der Pole wandte sich rasch um, und entfernte sich eiligen Schrittes. Kurze Zeit, und er war im Nebel verschwunden. Denn es war ein rauher, nebliger Novembermorgen. Ein grauer Himmel spannte sich über die herbstbraune Erde, von der die weißen Nebel nur ein kleines Stück ringsum sehen ließen. Dieses Stück war nichts als Stoppelfeld, durch das sich die einsame Landstraße zog, und iin Hintergründe schimmerte das Grün des Waldes matt durch den weißen Schleier. Aber eben hatte sich der Wind erhoben, und man hörte ihn rasseln durch die Föhren des Waldes und durch die Stoppeln des Feldes. Das war es, was allein man hörte, denn der Lärm der Stadt war schon zu weit entfernt, und die Straße ganz verlassen, und die Vögel hatten längst ihren Flug nach Süden angetreten. Einige Augenblicke stand Jacob da, das Antlitz nach dem im Nebel verschwindenden Polen gerichtet, neben ihm lag das Bündel auf der Erde. Dann wandte er sich um, und blickte in die Gegend, wohin er seinen Weg zu nehmen hatte. Das Gefühl der Einsamkeit, der gänzlichen Verlassenheit überkam ihm; es war der erste Augenblick, in welchem er sich ganz allein mit sich selbst fühlte; jetzt erst stieg das ganze Bewußtsein seines Unglücks, seines verfehlte» Daseins, aller seiner eitlen Mühen, aller seiner vergeblichen Anstrengungen, die ganze Nichtigkeit seiner Hoffnungen, seines Strebens und seiner Erwartungen in ihm auf. Ein Strom von Bitterkeit füllte ihm das Herz; er hob die Hände empor, und rief in wildem Schmerz, in der Wuth der Verzweiflung: „Du Gott im Himmel, den ich von Kindesbeinen an als die gütige Vorsehung angebetet, Du hast mich getäuscht, Du hast mich gefoppt, wie ein launenhafter Mensch. Da hast mir eine Kunst in den Geist gesenkt, und ich vermag nichts in ihr; Du hast mir einen unersättlichen Durst gegeben, und immer wieder den Becher vom Munde geschlagen; Du hast mich nach diesem Orte geführt, und mich wieder hinausgeworfen!. . . Ich will nicht mehr, ich mag nicht mehr, suche Dir einen anderen Spielball, mich findest Du nicht mehr bereit . . . Der Fluch des wilden Gerschoin ist in Erfüllung gegangen, aber ich wälze ihn ab von mir, und will nichts mehr damit zu thun haben . . . Hinweg mit dieser falschen Kunst, die mich verlockte , hinweg mit dem letzten Andenken des Weibes, das mich getäuscht... Da ich nichts bin, will ich auch nichts mehr..."

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