Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1869)
- Date
- 1869-08-17
- Page
- Seite 670 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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670 einen Schritt näher und sprach: „Nein, Herr Organist! Sie können nicht einen jungen Mann so abweisen, der die ganze Hoffnung seines unglücklichen Lebens auf Sie, auf die Worte Ihrer Belehrung gefetzt. Ich sehe es Ihnen an, Sie vermögen es nicht. Sag' Einer der Wolke, daß sie nicht regnen solle, der Sonne, daß sie nicht scheinen möge, dem Winde, daß er die Luft nicht durchwehen und reinigen dürfe! Ihre Augen sagen, Ihr Mund spricht: ich habe von Gott das Wort, das dich erleuchte, ich werde es dir nicht vorenthalten!" Bach blickte verwundert auf den begeisterten Jüngling. Er schwieg einige Augenblicke, dann schüttelte er das Haupt und sprach: „Ich sagte es Euch schon, meine Tage in Leipzig find gezählt und ich verabscheue die Erziehung junger Leute. Ich habe genug davon erfahren. Vielleicht liegt es an mir. Aber das ändert die Sache nicht. Doch ich will Euch nicht ganz abstehen. Ich will sehen, was an Euch ist, und will es Euch offen sagen. Dann habe ich Euch wenigstens meinen guten Willen gezeigt. Nehmt dort die Violine von der Wand und spielt etwas; was Ihr wollt, nur dreist zu." Jacob stutzte etwas, aber er faßte sich und nahm die Geige von dem Haken und dem Tuche ab, auf welchem sie an der Wand hing. Es war eine kostbare Creinoneser, und daß der Meister ihm diese anvertraute, war ihm ein Zeugniß, daß er ihm etwas zutraue und nicht übelwolle. Was sollte er spielen? Ein Zagen, eine Verwirrung ging durch seine Seele. Vor ihm standen die geist- und gemüthvollen, aber in strengen Formen einherschreitenden und künstlich gestalteten Melodien des Vaters dieses Mannes, vor dem er spielen sollte; und dann gleiteten die lieblichen, tief innigen und doch künstlerisch hinfließenden Sangweisen Mozart's durch seine Erinnerung; und dann kam auch das markirte Antlitz des wilden Gerschom und fragte ihn: willst du mich auch hier verleugnen, wo du vor meinem »nächtigen Gegner stehst? und endlich, aber sehr zaghaft, schüttelte auch der eigne Genius des Jünglings seine Schwingen und verlangte, daß er sie ihm nicht kürze oder fessele. Er wählte dennoch das erstere, und begann mit einer kurzen charakteristischen Melodie Johann Sebastian Bach's, in sehr gebundener Weise. Das Gesicht seines Zuhörers bewegte sich nicht, die feurigen Augen hatten sich hinter den buschigen Brauen in ihre tiefen Höhlen zurückgezogen. Jetzt begann er sie zu variiren, langsam, gehalten, als wüßte er nicht recht, was er aus dein Thema machen solle. Darüber wie un>villig, zerstreute sein Genius die Nebel, die ihn uingaben, und bald rissen ihn Natur und Gewohnheit in die Pfade zurück, die er zu beschreiten allein befähigt war. Ein wilder ungebändigter Strom von Tönen floß ihm zu, bald fluthete er dahin und dorthin, noch hielt er die Textmelodie wie ein Rettungsseil fest, aber es wurde immer dünner und zerriß endlich ganz. Es wurde stacht und Chaos um ihn und, selbst im Gefühle der Trostlosigkeit, im Bewußtsein des verfehlten Pfades und Zieles, irrte er lichtlos umher. Da rief ihn eine Donnerstimme in die Wirklichkeit zurück: „Halt ein Bursche, das ist ja zum Rasendwerden, das ist keine Musik, das ist Desperation! Solche Sätze und Sprünge, solche Mißklänge und Ungethüine zerreißen mir das Ohr! ..." Es war eine merkwürdige Gruppe, die diese Beiden bildeten. Die große Gestalt des Meisters war in eine unbeschreibliche Unruhe gerathen; sein Gesicht war bleich, seine Züge zuckten, seine Augen sprühten Unwille und Zorn, wiit den Händen hielt er sich die Ohren zu, und er trat bald auf den einen, bald auf den anderen Fuß. Der Jüngling mit geröthetem Angesicht, die Schweißtropfen auf der Stirn, die schwarzen Locken wild darüber hängend, und jetzt vor Schrecken die Arme mit Geige und Bogen gesenkt, die Gestalt unbeweglich, aber mit zitternden Knien. Nach einigen Augenblicken sprach Bach, ruhiger, aber »nit dumpfer Stimme: „Geh' junger Mann, geh' und komm' nicht wieder! Du bist verloren. Du bist dein Geschicke des Volkes anheim gefallen, dem Du angehörst. Ich hasse Euch Juden nicht. Ich glaube sogar, mein evangelisches Gewissen sagt es mir, daß Gott Euch noch zu Großem und für eine bedeutungsvolle Zukunft aufbewahrt hat. Jetzt aber ist die Zeit noch nicht gekommen. Ihr seid ein wanderndes, gejagtes Geschlecht, das sich noch nicht an den stillen und festen Heerden der Wissenschaft und Kunst niederlassen kann. Welcher Geist Euch auch treibt, er treibt Euch und läßt Euch nicht zur Ruhe kommen. In der Zukunft mögen Männer aus Eurer Mitte erstehen, welche nach dem Höchsten streben und das Höchste erreichen. Aber zu diesen gehörst Du noch nicht, Jacob. Wer von Euch mit einiger Anlage geboren und einiges Geschick erlangt hat, der hält sich gleich für ein Genie und Ihr gebt ihn dafür aus, und das ist Euer Unglück. Er geräth auf Abwege, und stürzt in den Abgrund. Ha, ich weiß es, ich habe einen solchen vor »nir gehabt. Du erinnerst mich an ihn ganz und gar. Er hat einen großen Geist, aber kleinlich geforrnt. Das brachte ihn in Widerspruch mit der ganzen Welt und mit sich selbst. Ha, er wagte es, meinem großen Vater in's Antlitz zu lästern, und dann wagte er, mir das Unglück zuzuschreiben, das ihn betroffen, das ich bedauerte, aber an dein ich keinen Theil hatte, niemals haben konnte. Geh' junger Mann, Du hast nichts mehr zu lernen, Du bist darüber hinweg, Dich vermag Niemarid zu bessern. Du hast mir eine schreckliche Stunde bereitet, ich fühle Dein Verlorensein tiefer, als Du glauben wirst." Hiermit wandte er ihm den Rücken und wies mit der Hand nach der Thüre.