Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-17 · Heft 33 (17.8.1869) · p. Seite 672

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 33 (17.8.1869)
Date
1869-08-17
Page
Seite 672 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226724--27503-3263085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

672 4 Und mit fieberhaft zitternden Händen riß er das Bündel auf, nahm die kleine schöne Geige heraus und an einem Feldstein, der am Wege lag, zerschmetterte er sie, raffte die Stücke nochmals zusammen, zerbrach sie in tausend Splitter, streute diese in die Luft und trat sie mit Füßen in den Staub. „Fluch über mich, wenn ich jemals ein solches trügerisches Instrument wieder anrühre!" So murmelte er wiederholt vor sich hin, knüpfte das Bündel wieder zu, ergriff es und eilte davon wie gejagt von der Stelle, wo er mit Gott gerechtet, und wo er über sich selbst und seine Zukunft das Nrtheil gefällt.- Einige Wochen später saßen gegen Abend um den eichenen Tisch in der Mitte des ärmlichen Zimmers zum kärglichen Nachtmahle die Mutter, die Schwester und Vetter Salme. Draußen brauste der Sturm, als ob er die alterschwache Hütte im nächsten Augenblicke niederstürzen wolle; mitunter schwieg er eine Zeit lang, und gab einem Platzregen Raum niederzurauschen. Der schlug prasselnd an die kleinen Fensterscheiben, während drinnen die Flamme der Oellampe von dem eindringenden Zugwind unruhig flackerte und ein falbes, bewegliches Licht auf die gramdurchfurchten Gesichter warf. Reb Salme schien an seiner Fülle verloren und an grauem Haar und Bart gewonnen zu haben; die Mutter, nun die Mutter war von jeher so von Kummer und Sorge gedrückt, daß Gestalt und Gesicht nichts Anderes zu sagen wußten. Alls diesem Schlachtfelde des Lebens folgte Gefecht auf Gefecht, und so konnten die Spuren der harten Kämpfe niemals darauf verschwinden. Das junge Mädchen endlich, schlank aufgeschossen und mit edlem Gesichte, konnte die Zeichen langer Kränklichkeit nicht verläugnen. Wir wissen, woran alle Drei dachten, wovon sie sich aber hüteten zu sprechen; denn um den größten Sckmerz halt das Schweigen noch einen schwankenden Damm aufrecht — das erste Wort und die Fluth ergießt sich schrankenlos über das Brachfeld. Sie griffen nur langsam und in Zwischenräumen nach der armseligen Nahrung. Die Mutter sagte nichts, als mit einem schweren Seufzer: „Wehe dem, der heute Abend unterwegens ist!" Vetter Salme ließ den Kopf hängen, des Mädchens Auge füllte eine Thräne, die sie mit Anstrengung zerdrückte. Jedem stellte sich ein armer Jüngling vor, von dem sie seit Monden nichts gehört, und der vielleicht heute in dem wilden Sturme und dem eisigen Platzregen zum Tode ermattet den dunklen Pfad durch die Nacht schritt. Und so war es auch, aber — er war schon an das Ziel gelangt. Ein bleiches verkümmertes Gesicht drückte sich an eine der kleinen Fensterscheiben, und die großen, hohlen und doch noch flammenden Augen blickten in das schwach erhellte Zimmer hinein. Er sah die Seinen, und ein schwerer Seufzer drängte sich aus seiner gepreßten Brust. Hörte Niemand diesen Seufzer, den der rasende Sturm verschlang? Sah Niemand dieses Gesicht in der rabenschwarzen Nacht und bei der flackernden Oellampe? . . . Niemand, nur das Ohr und das Auge der Mutter. Plötzlich sprang sie auf, und schrie: „Jacob! mein Jacob!" und flog zur Thüre, die sich in demselben Augenblicke öffnete, und herein stürzte Jacob, und rief: „Mutter, meine Mutter!" . .. Was nun folgte, weiß und fühlt der Leser mit uns. Wer am Krankenlager eines Kindes gesessen, die Gefahr ist nicht ganz vorüber, aber die Genesung spricht ans den matten Augen und den wiederbelebten Zügen; wer einen Sohn irre in der Welt mnhergehen hatte, was aus ihm geworden, weiß er noch nicht, aber er ist wiedergekehrt, und mit einem Herzen voll Liebe, wenn auch dieses Her; zerrissen und gebrochen ist — der weiß und fühlt was diesen Abend in der Hütte der armen Wittwe vorging. Sie hatten sich wieder, und das ist der Glanz der Sonne, die über die Fülle der Regentropfen auf Baum und Gesträuch blickt, nachdem das Unwetter vorüber gegangen. Ach, es war nicht vorüber. Die Sonne des Wiedersehens hatte sich nur eine kleine Oesinung durch das schwarze Gewölk gebrochen — dann schloß es sich wieder. Ja, es giebt Menschen, welche den Kelch bis zur Hefe gänzlich zu leeren haben — und es sind dies oft gerade solche, welche die Bitterkeit tief, tief fühlen. . . Daß Jacob in die Heimath zurückgelangt, daß er Mutter und Schwester und Vetter Salme wiedersah und in ihren Armen lag und ihre ganze volle Liebe empfand — das ließ das Licht seines Geistes und die Flamme seines Herzens noch einmal ausflackern und in die Höhe schlagen. Dann sanken beide plötzlich zusammen: es wurde Dämmerung . . . .Dämmerung, wo kein Licht und fein Schatten, wo die Umrisse aller Gestalten in einanderliefen, wo Freund und Feind sich begegneten, die Rollen wechselten und Alle weh thaten, wo das Glück behohnlächelt und das Mißgeschick bejubelt ward, wo alle Gedanken und Gebilde des Geistes sich jagten, ereilten, und wie in einen Knäuel sich ineinanderwirrten . . . Aber durch diese Dämmerung klang noch eine Nachtigallenstrophe: „Mutter, meine Mutter!" dann brach sie ab. Die Dämmerung wurde nach wenigen Wochen Nacht. War sein zarter Körperbau mehr unter den Mühsalen und Stürmen der Seele oder denen des Leibes, besonders bei der letzten Wanderung in einem fast beispiellos rauhen und stürmischen November gebrochen? Wer weiß es. Aber ein hektisches Fieber kam und rieb die Räder des schwachen Werkes völlig ab. Was willst Du, mein lieber Leser? Was heißt, einen Geliebten verlieren durch den Tod? Es ist Alles nur Aufschub um eine längere oder kürzere Spanne Zeit. Warte, und neben jedem Grabe wölbt sich das Grab Jedes . . . „Das überleb' ich nicht" — ja, Du überlebst es nicht, auch wenn Du noch einige Monde oder Jahre nachher diese Erde bewandelst . . . Das Jahrhundert aber rollte unaufhaltsam seinem Ziele zu, brachte ungeahnte Stürme und Umwälzungen, welche die Gesellschaft der Menschen von Grund aus umkehrten, und die Atmosphäre der Menschenwelt von vielen, schweren Stickstoffwettern reinigten - Alles wurde anders, ganz anders, auch in den Kreisen der Juden und der Musikanten . . . Die Quellen des Genius werden nicht mehr von unterirdischen Steinschichteu eingeschlossen, durch welche sie sich nur schwer und selten Bahn brechen können, sondern sie dringen überall aus der fruchtbaren Erddccke an das fröhliche Licht des Tages hervor. Wohl uns und den folgenden Geschlechtern! Dr. L. PH. Verlag von Bauingärtner's Buchhandlung in Leipzig. -- Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.