Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1869)
- Date
- 1869-08-17
- Page
- Seite 669 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Audcnthums. Feuillkton-Äeilage ju Ar. 33. Leipzig, den 17. August 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Halste des vorigen Jahrhunderts. «Fortsetzung und Schluß.) Am folgenden Tage kgm wirklich eine Aufenthaltskarte von acht Tagen für Jacob an und eine Angabe der Zeit, in welcher der Herr Organist Bach ihn sehen wolle. Diese Nachricht regte natürlich unseren Helden sehr auf. So sollte denn der letzte Schritt zu dem Ziele gethan werden, nach welchem er sich so lange gesehnt und für das er so lange gelitten und gestritten. Aber eigenthümlicher Weise war es ein gewisser Muth, eine Zuversicht, die ihn erfüllte, und vor der die Frage: was ihn erwarte und wie er sich benehmen solle? kaum in ihm zum Vorschein kam. So sollte er denn endlich das Angesicht eines wahren Meisters sehen, und all' der Sturm zur Ruhe kommender ihn bis hierher Schritt vor Schritt begleitet hatte! Er sagte zu sich: die gütige Vorsehung hat dich dies endlich erreichen lassen, sie kann dich nicht foppen und in das Leere wieder hinausschleudern! So machte er sich auf den Weg, abermals von seinem unermüdlichen Gönner, dem Polen, begleitet, der seinem Einflüsse zuschrieb, was sich doch nur in so eigenthümlicher Weise gefügt hatte. Die Beiden gingen mit einander nach einem kleinen Sackgäßchen hinter der Thomaskirche, wo sie vor einem düsteren, alterthümlichen Hause mit schwer gesenktem Giebel, zahllosen kleinen Fenstern dicht neben einander, und schwarzem, gekreuzten Balkenwerk stehen blieben, in welchem die auf einander folgenden Geschlechter der Familie Bach ihre Wohnstätte aufgeschlagen, ihre Wiege gefunden und Vater und Großvater wenigstens auch ihr Sterbelager. Der Pole verabschiedete sich von seinem Günstling mit vielen Worten und guten Rathschlägen, von denen Jacob nichts hörte, da seine Seele nur auf einen Punkt gerichtet war. In einem düstern Zimmer des ersten Stocks fand er Meister Friedemann Bach. Das war eine andere Gestalt wie der Stadtpfeifer und der wilde Gerschom, wie Herr Fürth und der menschenfreundliche Pole aus Jassy. Zum ersten Male trat ihm eine echt deutsche Gestalt entgegen, groß und breitschultrig, auf dem starken Nacken ein männlich fester Kopf, den freilich eine Allongenperrücke bis auf Rücken und Schultern bedeckte. Die große gewölbte Stirn mit den buschigen Augenbrauen und der Adlernase machte einen imponirenden Eindruck, mit welchem allerdings das stark hervortretcnde Untergesicht, das spitze Kinn, die schmalen zusammengepreßten Lippen einen starken Contrast bildeten. Der Ausdruck war melancholisch finster. Die heimlich glühenden Augen schienen zu sagen: Ich bin dein Feind nicht, aber du der meinige; ich hasse dich nicht, aber bin mir von dir nichts Gutes gewärtig, und besitze die Kraft, dich abzuwehren und in den Staub zu treten. Das Antlitz und die Haltung waren so ruhig und fest, aber tiefe Furchen um den geschlossenen Mund bezeugten, daß unter der Oberfläche geheimnißvolle Stürme und mächtige Leivenschaften wohnten. Sie wurden beherrscht, aber sie droheten, wenn sie zur Herrschaft kämen, wären sie furchtbar. Er blickte mit einer gewiffen Verachtung auf die schmale Gestalt und das blasse Gesicht des doch schönen und einen edlen Charakter verrathenden Jünglings. „Wer seid Ihr?" lautete die kurze Frage. „Ich heiße Jacob und bin ein Spielmann aus einem fränkischen Dorfe. Mich drängte es von Jugend auf, in der Kunst zu besserem Geschick und zu höherer Kenntniß zu kommen. Ich pilgerte hierher, denn der Name der großen Bachs, welche der Welt unsterbliche Schöpfungen geschenkt haben, ist auch zu uns gekommen, den armen unwissenden Dörflern, und hat uns ein Panier aufgerichtet, nach dem wir hinstreben mögen, um uns aus unserem elenden Zustanve zu erlösen. Ich dürste nach Unterweisung. Ihr könnt sie geben, o wollt es auch!" Der Organist hatte bei diesen Worten die Stirn noch mehr gerunzelt. Aus den Tönen dieses jungen Mannes, aus seinem Sprachidiom mußte ihm etwas entgegenklingen, was ihm nicht sympathisch war. Die Worte konnten dies nicht. Er antwortete: „Ich kann nicht unterrichten, und will es auch nicht. Ich bin nicht zum Lehrer geschaffen, und habe auch keine Lust dazu. Ich werde übrigens Leipzig binnen Kurzem verlassen, und hätte also nicht die Zeit dazu." 1"] Jacob hatte nicht erwartet, daß ihm sein heißer Wunsch schnell und leicht erfüllt werde. Er trat muthig