Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1869)
- Date
- 1869-08-17
- Page
- Seite 659 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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659 Materialien zu sichten, die verschiedenen Mittel und Wege zu concentriren, und, wo möglich, die gesetzliche Erlaubniß Seitens der kaiserlich russischen Regierung zu erlangen. Uns liegt auch ein Schreiben aus Suwalki vor, wo sich ein Komite gebildet zur besseren Ausbildung der Handwerker, welches um Unterstützung bittet. Das Schreiben bestätigt, was der Herr Baron & Fort .in Nr. 27 dieser Zeitung geschrieben, daß nämlich die dortigen jüdischen Handwerker in der Regel schlecht arbeiten, weil sie nach dem ersten Lehrjahre bereits aus der Lehre laufen. Es soll nun von der Regierung bestimmt werden, daß jeder Lehrling drei Jahre verbleiben müsse, und hierzu sollen die jungen Leute unterstützt werden. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 0. August. (Ein wichtiges, liturgisch-musikalisches Werk.) Der Nr. 2t. dieser Zeitung war eine Beilage begegeben, welche ausführlich den Inhalt eines herauszugebenden Werkes des Herrn A. Baer, Cantors der israel. Gemeinde zu Gothenburg in Schweden, angab. Es kommen uns nunmehr über dieses Werk folgende nähere Bemerkungen zu. Biele in der jetzige:! Zeit ergreifen das Cantorfach erst dann, nachdem sie bereits als Lehrer oder Schächter Anstellung gefunden. Um dasselbe in Instituten (bei Weintraub oder Deutsch) zu erlernen, müssen sie sowohl auf einige Jahre ihre Stellung aufgeben, als auch eine bedeutende Summe sich verschaffen, um an den betreffenden Orten leben und lernen zu können. Dies aber ist für sie um so schwieriger, als sie in der Regel der unbemittelten Klasse an gehören. Sie nehmen also, wenn der Besuch solcher Institute für sie unmöglich ist, ihre Zuflucht zu den bereits für dies Fach vorhandenen Werken. Daß sie mit den billigen (meist inhaltslosen) Werken beginnen, welche ihnen keinen Nutzen bieten, versteht sich von selbst. Aber auch Meisterwerks welche sie sich nach und nach durch große Opfer zu verschaffen suchen, führen sie zu keinem genügenden Resultat. Denn diese Werke enthalten nur zu einem kleinen Theile Gesangstücke für Cantoren allein und sie sind überhaupt nur für höher entwickelte Kräfte und größere Fähigkeiten berechnet. Man muß also erst ein tüchtiger Cantor geworden sein, um diese benutzen zu können. Aber auch denen, die ihre Studien bei großen Cantoreu gemacht, ergeht es oft schlimm. Es ist bekannt, daß nicht nur die Bortragsweisen, sondern selbst die traditionellen Melodien bei den polnischen, deutschen und sephardischeu Gemeinden ungleich lauten. Da die Studirenden sich nur die Bortragsweisen ihres Lehrers aneignen, die entweder dem polnischen oder deutschen oder sephardischen) Minhag folgen, so kömmt es häufig vor, daß sogar tüchtige Cantoren, wenn sie nach einer Stelle kommen, wo andere Weisen gebräuchlich sind (geschrieben oder gedruckt sind sie jedenfalls nicht vorhanden), den größten Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind. Außerdem zeigt sich bei jüugern Cantoren noch häufig eine Unkenntniß der rituellen Borschriften und Gebräuche, weil sie dieselben selten zu lernen Gelegenheit haben. Durch alles dieses wurde Baer auf den Gedanken gebracht, ein Werk auszuarbeiten, worin der Chasan wie der Baal T'stlloh und Alle, die sich zum Vorbeter heranbilden wollen, dasjenige vollständig finden sollen, was sie, sei es im Gotteshause oder im häuslichen Leben, während ihrer ganzen Praxis vorzutragen haben. Die Chöre sind selbst beiden vierstimmigen leicht ausführbar; die Recitative meistentheils in doppelter Reihe gesetzt, die eine hochtragend, schwierig und mit Verzierungen versehen, die zweite tiefer, einfacher, leicht ausführbar und dieselbe Melodie festhaltend; die Gesäuge für jeden Gottesdienst in einem solchen Zusammenhang gesetzt, daß selbst die aus verschiedenen Tonarten bestehenden sich derartig versch:nelzen, daß auch der minder Musikalische während des ganzen Gottesdienstes in einer sichern, ihm angemessenen Tonlage sich erhalten kann. Auf die richtige Betonung hat Baer die größte Sorgfalt verwendet, alle bis jetzt für dieses Fach erschienenen Werke benutzt und sorgfältig, sowohl nach den verschiedenen Chasonos als Minhagiu: geforscht, und weder Mühe noch Kosten gescheut, um etwas Vollständiges liefern zu können. Wenn nun in das Werk Gesänge auch für solche Gebete ausgenommen wurden, die in vielen Geuieinden gar nicht mehr gebetet werden, oder in nächster Zeit aus dem Gottesdienste schwinden werden, so geschah dies, theils aus Rücksicht auf diejenigen Gemeinden, welche diese noch beibehalten, theils aber auch um diese herzinnigen Melodien, welche Jahrhunderte die Gemüther unsrer frommen Väter erregt, nicht verschwinden zu lassen.