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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-17 · Heft 33 (17.8.1869) · p. Seite 658

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 33 (17.8.1869)
Date
1869-08-17
Page
Seite 658 (sequence 6)
Language
German
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658 diese Übersiedelung hat ihre großen Schwierigkeiten. Wir lassen ihn selbst reden. „Eine Art Freizügigkeit genießt nur der bereits fünf Jahre lang zur ersten Gilde gehörige Kaufmann, sowie der Handwerker. Sie empfangen nämlich von ihrer Gemeinde einen Paß, und können dann hinziehen und ihr Geschäft betreiben, wo sie wollen, müssen aber alljährlich ihren Paß erneuern lassen und bleiben an dem Orte, wo sie verschrieben sind, mit ihren Kindern steuer- und militairpflichtig. Bei den stetigen Manderungen und Wandlungen der Bevölkerung sind oft kaum der dritte Theil der Bevölkerung einer Stadt Ortsangehörige. Für die Kopfsteuer, sowie für die Recrutenlieferung ist aber nicht der Einzelne, sondern die ganze Commune verhaftet. Die Commune hat jährlich nach den Köpfen so und so viel Steuern und so und so viel Soldaten zu liefern und nachzusehen, wie sie mit den Einzelnen fertig wird. Der die Pässe ausstellende, von der Regierung bestellte jüdische Bürgermeister, Sborzig*) geheißen, hält denjenigen, welcher nach einem Passe verlangt, zunächst an, seine rückständigen Steuern zu zahlen. Wer nichts hat, kann freilich nichts bezahlen; und so wiederholt sich dieselbe Procedur Jahr für Jahr. Mancher Sborzig macht dieses auch zu einer Privateinuahmequelle und schraubt die Vermögenderen, welche ihre Pässe zu erneuern kommen, ganz gehörig. Das sind seine Sporteln, von venen er leben muß, denn die ihm von der Commune gesetzlich zustehende Besoldung ist nur eine sehr geringe. Die Pässe bieten für die Fortziehenden die größte Schwierigkeit, wenn nicht im ersten, dann im zweiten, dritten Jahr, wenn sie sich einigermaßen erholt haben. Vorerst gibt es aber in der Gemeinde Hunderte und Dausende, die nicht nur gerne fortziehen wollen, sondern von der Gemeinde womöglich noch mit einer Unterstützung gern entlassen werden; denn zu Hause werden sie niemals dahin gelangen ihre Steuern bezahlen zu können, und ein weiteres Interesse hat die Commune an ihrem Verbleibe nicht. Weiter handelt es sich um Erwerbung von Grund und Boden, für die, welche Ackerbau treiben wollen. Ein früher von der Negierung angestellter Versuch zur Colonisation im Innern des Reiches durch Israeliten ist fast ganz mißlungen. Sie haben ihre Aecker bald wieder verlassen und sich dem besser lohnenden Geschäftsbetrieb zugewandt; daß dieser Versuch mißlang, ist gar *> Soll Sborschtschik heißen. D. Red. nicht zu verwundern. Mau hat vor etwa zwanzig Jahren eine Anzahl halb verkommener Menschen, die von Ackerbau nicht das Geringste wußten, zum schwersten und schwierigsten aller Werke, der Urbarmachung sterilen, oder doch bis dahin unbebauten Bodens heranziehen wollen, hat sie der Willkühr der eben nicht humansten Beamten überlassen, — wie hat dieses Unternehmen gelingen können? Heute liegt die Sache tatsächlich ganz anders. Viele haben seitdem im Innern Rußlands sich unter den größten Schwierigkeiten ansässig gemacht, haben Grund und Boden erworben und sind darauf wohlhabende Leute geworden; es gibt ganze Länderstrecken, die so genannten Colonien, wo fast nur Juden als Ackerbauer ansässig,*) und wo noch sehr große Strecken gegen einen geringen, nach und nach abzuzahlenden Kaufpreis zu vergeben sind, wo Ansiedler in der Nähe helfender Glaubensgenossen viel leichter fortkommen würden.^ Man beschloß daher in Kowno, vorläufig nur alle diejenigen zu unterstützen, welche sich zur Uebersiedlung anschicken, und deren seien eine außerordentliche Zahl. Sie bewerkstelligen dieselbe mit geringen Mitteln. Rülf sagt darüber: „Fünf, sechs Familien thun sich zusammen, kaufen sich Wagen und Pferd für etwa 30—40 Rubel, jedes Glied nimmt noch einen schweren Bündel auf den Rücken und mit nichts weiter als dem glaubensvollen Spruch ausgerüstet: „Dasebem-sisdoineli wird weiter helfen," geht's fort über alle Berge." Wir theilten diese Ansichten des Herrn Dr. Rülf mit, obgleich wir ihnen nicht beistimmen können, und uns bereits sehr gewichtige andere Sachverständige ihre Gegengründe mittheilten, wie wir sie bald auch veröffentlichen werden. Steht dem Herrn Dr. Rülf der Einblick in die Verhältnisse in seiner Nähe zur Seite, so vermag diese Nähe auch leicht die klare und ruhige Einsicht zu verwirren , und das drängende Elend den Wunsch als Nothwendigkeit erscheinen zu lassen, nur sofort hinwegzuschaffen, was sich hinwegschaffen läßt. Der Charakter der polnisch-jüdischen Bevölkerung, lebhaft, tumultuarisch, auf den Augenblick gerichtet, taugt hierzu am meisten. Jedenfalls kann das Auswanderungswerk nicht in solcher Weise gedeihlich gemacht werden. Jndeß wir sind eben im Vorbereitungsstadium, und vor Allem gilt es, die *> Man hätte diese Mittheilung durch Ortsangaben bekräftigen müssen. Die Redaktion.

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