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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-17 · Heft 33 (17.8.1869) · p. Seite 654

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 33 (17.8.1869)
Date
1869-08-17
Page
Seite 654 (sequence 2)
Language
German
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654 Ahnung hat, während in den westlichen Ländern und in Amerika in der großen Mehrheit derer, die sich zu ihr bekennen, bewußt und unbewußt der Prozeß zwischen der modernen Bildung und dem stabilen Judenthume längst vor sich gegangen, ihnen vom letzteren sehr bedeutende Theile unter den Füßen weggenommen, und darum ihr Bekenntniß zum Schulchan Aruch mehr ein erkünsteltes, behauptetes, als innerlich wahres und vollständiges ist. Innerhalb der zweiten Richtung besteht in verschiedenen Graden mehr als ein Festhalten nach Rechts oder ein Vordringen nach Links. In der dritten, wesentlich negirenden und nur noch durch ein äußeres Band an das Judenthum geknüpften Richtung sehen wir Deisten, deren Ueberzeugung in der Luft flattert, Materialisten, Atheisten; die Mehrzahl der Individuen jedoch ist sich selbst nicht klar, sondern hat es nur mit den Werken des gewöhnlichen Lebens zu thun. Ein anderes Faktum ist, daß jede dieser Richtungen weder sieghaft noch besiegt ist, daß jede für sich weiter lebl und strebt, von einander so weit es nöthig und möglich ist, äußerlich und innerlich Mittel der Existenz erhält und annimmt, daß sie theoretisch von einander geschieden sind, im wirklichen Leben aber unter einander gemischt existiren, so daß die Masse durch sie weder getrennt ist, noch getrennt werden wird, so also daß das Judenthum dennoch eine höhere Einheit bildet, ein Gebäude, unter dessen Dach Alle vereinigt sind, wenn auch gewisse Hände beschäftigt sind, besondere Zimmer und Zimmerchen abzugrenzen und möglichst unter Verschluß zu halten. So und nicht anders steht es in der Wirklichkeit, und wenn die Wortführer der stabilen Partei noch so sehr nach Spaltung und Trennung schreien, so finden sie selbst in der Masse nur geringen Anklang, und auch bei diesem Bruchtheilchen bleibt es beim bloßen Wort. Das Leben beweist dies jeden Tag. In den größeren Gemeinden führt man von Tag zu Tag mehr den Grundsatz aus, daß in gottesdienstlicher Beziehung für jedes Element der Gemeinde Veranstaltungen getroffen werden müssen, und wo man diesem Grundsätze entspricht, stellt sich alsbald trotz aller Machinationen Einzelner der Friede und die Verständigung wieder ein. Wo war der Streit vor Decennien ein heftigerer, als in Breslau, wo gegenwärtig nichts mehr davon zu spüren. In Berlin baut man jetzt eine vierte Synagoge, so daß für jede Schattirung der jüdisch-religiösen Ueberzeugung eine gottesdienstliche Befriedigung vorhanden sein wird. Es wird dadurch eine reine Faselei, wenn, wie neulichst geschehen, von „unterdrückten Glaubenstreuen" gesprochen oder vielmehr gelärmt wird. In Hamburg hat man einen anderen Weg eingeschlagen: man hat die Cultusangelegenheiten von dem gemeinsamen Gemeindevorstande gesondert, und jeder Partei die Sorge für dieselben allein überlassen. In mittleren und kleineren Gemeinden kann eine solche Mehrfachheit der gottesdienstlichen Anstalten nicht stattfinden, weil die Mittel dazu nicht ausreichen. Hier muß man in der That sich vertragen, und es kommt auf die Mehrheit, noch mehr auf die Rührigkeit der einen oder der anderen Richtung an, ob der Gottesdienst völlig in der alten Weise verbleibe, oder mehr oder weniger den Bedürfnissen der Zeit und des gebildeteren Geistes Nachkomme. In den meisten dieser Gemeinden selbst auf dem Lande wird die Zahl derer, welche den Cultus in völlig unveränderter Form beibehalten wissen wollen, unstreitig immer kleiner, und wenn die Reform des Gottesdienstes dennoch im Allgemeinen nur geringe Fortschritte macht, so rührt dies rnehr von der Trägheit und Gleichgültigkeit der Mehrheit her, als von der Stärke der gegnerischen Partei. Unter diesen Verhältnissen sollte man voraussetzen, daß bei diesen Verschiedenheiten der Friede in der Gesammtheit sich wie von selbst erhalten müsse. Man sollte es voraussetzen; denn vor Allem handelt es sich ja hier um Religion, und das Gebot dieser ist: Nächstenliebe, Gerechtigkeit gegen Alle, Bescheidenheit, Nachsicht und Versöhnlichkeit. Nehmet diese Elemente aus der Religion, und ihr Wesen und ihr Zweck sind vernichtet. Wer diese Tugenden nicht übt, ist nicht religiös, mag er sich sonst auch geberden wie er will. Haß, Ungerechtigkeit, Verleumdungssucht, Verfolgung sind die vollgiltigsten Zeugen völliger Irreligiosität. Diesen einfachen Lehrsatz wird keine Sophistik beseitigen. Gemeinheit und Niedertracht sind mit Gottesfurcht und wahrem Eifer für die Religion unvereinbar, und ob ein Scheiterhaufen mit Worten oder mit Hölzern aufgerichtet wird, es mag dies Fanatismus thun, niemals aber Religiosität. Zweitens zeigt die Wirklichkeit, daß, wo eine Noch, eine Bedrängniß oder auch nur ein Interesse vorhanden ist, jede Partei sich ohne Zögern an die Gesammtheit wendet', und auch der Einzelne nicht nach der Schattirung der religiösen Ueberzeugung des Anderen frägt. Die Noth der westrussischen Juden, die Verfolgung der rumänischen Juden u. s. s. lassen den Hülferuf an alle

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