Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1869)
- Date
- 1869-08-10
- Page
- Seite 651 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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651 laßt mit sich reden; es ist ein eigener Mensch; er ist ein — Meschummod (getaufter Jude). Der ist auch mit Friedemann Bach bekannt, er soll dich zu ihm führen." Dabei lächelte der Mann äußerst pfiffig. Er hatte die Miene eines Diplomaten, der weiß, daß er die Fäden seiner kleinen Jntrigue in der Hand hält und sie nach seinem Willen zu lenken wisse. Der Pole ging aus, kam jedoch nach kurzer Zeit und mit etwas geröthetem Gesichte zurück. „Soll ich wissen, was in Jassy vorgeht, rief er aus, wenn ich weiß, was mit dem kleinen grauen Kreisschreiber vorgegangen ist! Hab' ihm geboten drei Rändlers, vier Rändlers, fünf Rändlers, wenn er dir giebt eine Aufenthaltskarte auf ein Vierteljahr, auf einen Monat, auf eine Woche. Er hat sich auf nichts eingelasien, und will weiter nichts, als daß du zu ihm kommst heute Nachmittag um vier Uhr. Hab' ihm deine ganze traurige Geschichte erzählt, aber er ist stumm geblieben wie ein Fisch und hat keine Miene verzogen wie ein Türke. Bleibt nichts übrig, du mußt zu ihm gehen um die bestimmte Zeit. Ueber den Meschummod! Sonst sind dergleichen Leute zu brauchen, denn sie kennen das Elend unseres Volkes, und wissen, wie viel wir besser sind als Andere, und daß wir nichts verschuldet haben, daß man uns so behandelt, und bisweilen regt sich doch die alte jüdische Ader in ihnen, aber diesmal scheint sie bei dem ganz vertrocknet zu sein. Nun, wir werden sehen, und am Ende giebt es noch andere Leute als er." Damit strich er sich den Bart und schlug ein Schnippchen in die Lust. Jakob war es nicht wohl ums Herz, als er um die gedachte Stunde mit seinem Beschützer einen weiten Weg durch die Straßen Leipzigs nach der Wohnung des Herrn Kreissekretärs machte. Die langen Straßen, die hohen Häuser imponirten ihm nicht, sie fielen ihm vielmehr auf sein geängstigt Herz und es kam ihm vor, als ob jedes stattliche Haus, jede Ecke einer breiten Straße ihn höhnisch früge: wie gehörst du, Kind eines elenden Dorfes, in meine Herrlichkeit? Der Pole blieb endlich in einer schmalen Durchgangsgaffe vor einem himmelhohen Hause stehen und sagte: „Nun, geh' da hinauf, vier Treppen hoch, und frage nach dem Herrn Kreissekretär Magister Selig. Wenn du wieder herunterkömmst, geh' links die Gasse hinauf, da wirst du mich finden, oder ich dich." Jakob lappte die dunklen Wendelstiegen hinauf, stieß auf eine Thür, an welcher ein angeklebtes Stück Papier den Namen dessen zeigte, den er suchte, klopfte an und trat hinein. Es war ein kleines schwacherhelltes Zimmer, in dessen Mitte ein großer mit Papieren beladener Tisch stand, ein Mann saß davor und schrieb und ließ sich von dem Eintritt unseres Helden nicht darin stören, sondern wies mit der linken Hand nach einem Stuhle in der Ecke, auf den sich Jakob gehorsam setzte. Er hatte Zeit, den schreibenden Mann zu betrachten, denn dieser ließ ihn lange warten. Der Pole hatte ihn einen kleinen grauen Mann genannt, und das war er auch; klein und mager, Alles an ihm vertrocknet und vergraut; graue Haare sielen ihm zu beiden Seiten vom Scheitel herab, grau war der kleine Bartwuchs und kleine graue stechende Augen blickten unter den grauen Augenbrauen hervor. Aber auch sein Anzug war grau, der Leibrock mit den breiten Schößen, die Weste, die beinah den ganzen Leib bedeckte, die Beinkleider, die in den Stiefeln staken. Endlich hob er den Kopf und richtete ihn nach der Seite, wo Jakob saß. Ohne die Feder niederzulegen, in hartem befehlshaberischem Tone, in kurzen, knappen Sätzen, die nur eine ebenso kurze, knappe Antwort gestatteten, ganz wie es inquirirenden Polizeibeamten zur Gewohnheit ist, wandte er sich zu Jakob. „Du heißest Jakob?" Ja." „Bist ein wandernder Musikant?" „Ja." „Jude?" Ja." ^Hast kein Vermögen?" Ja." ^Willst hier bleiben?" Ja." „Musik studiren?" „Ja." „Bei dem Organisten Friedemann Bach?" „3a." „Nun, das war der Ja's genug, jetzt höre, nun kommen die Nein's. Du kannst nicht hier bleiben, nicht Musik studiren, nicht bei dem Organisten Bach Unterricht erhalten; vielmehr wirst du morgen um diese Zeit einen Zwangspaß nach deiner Heimath zurück erhalten, und bei jedem Schritt, den du von der vorgeschriebenen Tour thust, wirst du per Schub, von einem Gensdarmen begleitet, weiter transportirt." Jakob erblaßte wie zum Tode, sein Kniee schlotterten, seine Arme sanken herab; mit Mühe konnte er hervorstammeln: „O um Gottes Willen, Herr Kreissekretär . . . das werden Sie nicht . . . haben Sie Mitleid und Erbarmen. . . ." Aber Mitleids- und erbarmungslos blieben die kleinen grauen stechenden Augen auf den unglücklichen Jüngling geheftet: „Ich kann es nicht ändern, das Gesetz fordert es, es duldet keinen Juden in den Mauern von Leipzig außer der Meßzeit, am wenigsten einen armen bettelnden Juden; es giebt keinen Paragraphen und keine Klausel, die eine Ausnahme gestatten. Sei also bereit; 24 Stunden sollen dir geschenkt sein, denn eigentlich müßtest du auf der Stelle fort." Jakob konnte keine Antwort finden, jeder Laut blieb ihm in der Kehle stecken, es zerpreßte ihm die Brust, er vermochte nicht einmal zu stöhnen und zu jammern. Nach einigen Sekunden Stillschweigens sprang plötzlich das graue Männchen von seinem Stuhle auf, trat zu dem zitternden Jakob und sprach mit einer Stimme, die doch so etwas von Mitgefühl, von einer Erregung