Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1869)
- Date
- 1869-08-10
- Page
- Seite 650 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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650 l vom Scheitel bis zum Fuß mit mürrischen Blicken au und forderte seinen Paß. Kaum hatte er ihn entfaltet und in dem Signalement das Wort „Jude" erblickt, als er das Schriftstück wieder zusammendrückte, unserem Pilger in's Gesicht warf und höhnisch ausrief: „Pasiirt nicht, darf nicht herein, scher dich zum Teufel!" . , . Jakob stand wie angedonnert; er wollte sich auf's Bitten legen, aber der Thorwächter hatte ihm schon den Rücken gewandt und war in seine Bude zurückgekehrt. Als sich Jakob dem Fenster näherte und flehentlich die Hände erhob, griff der Wächter nach einem Stock und schrie: „Gehst du nicht gleich, Jude, machst du nicht gleich, daß du fortkommst, so schlage ich dich zu Brei und stecke dich noch in's Loch!" Jakob wich zurück, ging voll Verzweisiung einige Hundert Schritt von dem verfehmten Orte und lehnte sich an einen Baum, den er mit einem Arm umfaßte, und seine Trostlosigkeit machte sich in einem Strom von Thränen Luft. Wie lange er hier zubracbte, ohne daß auch nur ein rathgebender Gedanke in seine Seele kam, immer nur mit dem AuSrufe beschäftigt: „Jetzt am Ziele wirst du zurückgestoßen — du bist verloren — der Fluch Gerschoms geht in Erfüllung!" — wie lange Zeit, wußte er selbst nicht. Da ging ein Mann an ihm vorüber, blickte auf ihn, und blieb stehen. Jakob gewahrte seiner nicht. Aber der Mann redete ihn an: „Was machst du da?" . . . Jakob fuhr zusammen, schlug die Augen auf und erblickte einen Mann im schwarzseidenen Kaftan mit einer Zobelmütze auf dem Haupte, mit langem, schwarzen Barte und gedrehten Locken an den Schläfen. Er wußte, wen er vor sich habe, einen polnischen Juden, aber in so feiner Tracht unv mit so noblem Aeußeren, wie er ihn nie gesehen. Er kannte ja nur die vagabondirenden polnischen Juden, die mit schmutzigen, zerrissenen Kleidern, in der erbärmlichsten Bettelhaftigkeit die Länder durchziehen. Er konnte nur die Antwort finden: „Ich will in Leipzig Musik studiren, und der Thorwächter läßt mich nicht ein." Der Andere sah ihn verwundert an. „Musik studiren? Du? Wer bist Du denn? Doch komm." Der Mann führte ihn in ein benachbartes Wirthshaus und ließ ihm eine Erfrischung reichen. Dann sagte er zu ihm: „Nun erzähle mir deine Geschichte." Jakob that es in freimüthigster Weise. Der Pole schüttelte öfter das Haupt, strich mit der Hand seinen langen Bart, oder griff nach seinem Kinn, hielt dies mit Daumen und Zeigefinger und sah nachdenklich drein. Er schien aber Wohlgefallen zu finden an dem jungen Manne, an seiner Sprache, an seinem Gesicht. Als Jakob geendet, sagte er in seiner kurzen und eigenthümlichen Manier, die mehr in fragender Weise, als in bestimmten Sätzen bestand, und die wir hier nicht näher wiedergeben mögen: „Ob ich dir helfen kann, weiß ich nicht, aber nach Leipzig sollst du herein, und den Friedemann Bach, ob du ihn sprechen kannst? ich will eS versuchen, versprechen kann ich es dir nicht." Jakob fühlte sich schon bei diesen Worten in den Himmel versetzt, Freudenthränen traten in seine Augen, und er dankte dem polnischen Juden, wie einem gottgesandten Engel. Der Unglückliche, zumal wenn er jung ist, faßt so leicht wieder Hoffnung, und vergißt schnell seines ganzen Kummers. „Nun, laß es gut sein, erwiederte der Mann, noch haben wir nichts erreicht. Bor Allem laß dir eine Bürste geben und mache dich rein von Staub und Schmutz. Hast du in deinem Bündel einige beffere Kleidung, so ziehe sie an. Mach dich schmuck, mein Junge. Du mußt als Spaziergänger an meiner Seite zu einem andern Thore herein. Man kennt mich. Die Polizei in Leipzig ist streng, aber sie kennt den Werth des Geldes sehr gut. Es kostet mich jedes Jahr über hundert Rändlers (Dukaten), daß ich in der Stadt außer der Mesie bleiben darf; aber ich darf doch bleiben und die Geschäfte der großen Jassy'er Häuser betreiben, die ich vertrete. Die Thorwärter kennen mich, und noch mehr die silbernen Rundstücke, die aus meiner Hand in die ihre rollen. Es ist ihnen doch etwas Anderes, der Jude im feinen seidenen Kaftan oder im zerrissenen Bettelrock." Jakob folgte diesen Weisungen gern, und in der That hatte er sich unterwegs schlechte Kleider angeschafft, um die besseren, die ihm Gerschom gegeben, für seine Besuche in Leipzig zu schonen. Er öffnete sein Bündel, zog sich um, nachdem er sich gereinigt, und erschien nun vor seinem Mäcen als ein schöner feiner Jüngling. Der Mann sah ihn vergnügten Sinnes an: „Nun sag' Einer, daß Kleider keine Leute machen. Vorher hält' ich mich geschämt, mit dir zu gehen, und die Hunde auf der Straße hätten dich an gebellt; jetzt aber gereicht es mir zur Ehre, neben einem so deutschen Manne zu gehen, und ich werde auf der linken Seite gehen, daß die Leute Wunder denken wer du bist." Die Sache gelang. Sie gingen durch das Glacis langsam wie Lustwandelnde; das Bündel hatten sie dem Wirth zur Besorgung durch den Hausknecht übergeben; der Thorwärter trat heraus, der Pole winkte ihm wie einem alten Bekannten zu, und er ließ die beiden Spaziergänger passiren, ohne sie mit Fragen zu behelligen, Schlendernd kamen sie zur Wohnung des Polen. Eine Centnerlast war von dem Herzen Jakobs gefallen. Hätte der Thorwächter mehr Physiognomik verstanden oder verstehen wollen, er hätte in dem bleichen Angesicht und der zitternden Gestalt des Jünglings wohl bemerkt, daß nicht Alles in Richtigkeit sei. „Nun, hob der Pole an, als sie in seinem Zimmer es sich bequem gemacht, heute kannst du bei mir bleiben, länger nicht, denn mein Wirth würde nach deiner Aufenthaltskarte fragen; die müssen wir uns heute schaffen. Es soll mir auf drei oder vier Rändlers nicht ankommen. Die großen Jassy'er Häuser werden es bezahlen. Ich werde zum Stadtschreiber gehen, der