Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-08-10 · Heft 32 (10.8.1869) · p. Seite 652

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 32 (10.8.1869)
Date
1869-08-10
Page
Seite 652 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226723--27482-3263063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

652 des Gemüthes ahnen ließ: „Mitleids Erbarmen — das Gesetz kennt dergleichen nicht, die Polizei noch weniger, sie darf es nicht. Und doch könnte es anders kommen, wenn du willst. Ich will dir eine Geschichte erzählen, ganz kurz, aber lehrreich, merk' wohl auf, ich habe sie noch Keinem erzählt. Vor 35 Jahren kam ein junger Mensch hierher, ganz wie du, ein Jude, ein Jüngling, arm, der sich hierher gebettelt hatte, ganz wie du; er wollte hier studiren, wie du, wenn auch nicht Musik, sondern die Rechte. Es war ein armer Judenknabe, ohne Vater und Mutter, ohne Bruder und Schwester. Zufällig hatte sich der Pfarrer seines kleinen Heimathsorres seiner angenommen, hatte ihn unterrichtet in den Schulwissenschaften, in Latein und Griechisch. Aber ein Vierteljahr, bevor der Jüngling fertig war, starb sein Wohlthäter. Das hatte nun insofern nichts zu sagen, als der Jüngling seine Vorstudien durch eigenen Fleiß zu beenden vermochte, aber wie nun zur Universität kommen? wie studiren? Der junge Mensch wich vor dieser Frage nicht zurück, so wenig wie du. Auch er bettelte sich hierher, auch er schlich sich hier ein, aber — am andern Tage hatte ihn die Polizei gefangen' und warf ihn ins Loch. Man wollte ihn auf dem Schub nach seiner Heimath tranßportiren. Eines Morgens öffnete sich die Gefängnißthüre, und ein stattlicher, wohlwollend aussehender Mann trat ein, der zu ihm sagte: „Ich habe Mitleid mit dir, mit deinem Lose und noch mehr mit deiner Seele. Du sollst hier bleiben, hier studiren, ohne Sorgen und Entbehrungen, und wenn du fertig bist, ein Amt antreten. Laß dick im Christenthume unterrichten und tritt zur alleinseligmachenden Religion über." Der Jüngling sträubte sich, nach 24 Stunden that er es. 35 Jahre sind vergangen, er hat es nie bereut, er ist jetzt Kreissekretair, churfürstlich-sächsischer Kreise sekretair. Thue dasselbe, Jakob; du sollst hier bleiben, Musik studiren, bei Friedemann Bach und anderen gewiegten Männern, du kannst ein großer Künstler werden, denen eine Zierde und ein Stolz, welche aus dem Stamme Juda sind, besonders denen, die sich von diesem dem wahren Lichte zugewendet." Jakob hatte diesen Worten gelauscht, er war aufgesprungen von seinem Stuhle, und stand da, Staunen in seinem Antlitz und mit offenem Munde. „Du kannst dich besinnen, mein Sohn," fügte der Andere hinzu, „bringe mir morgen um diese Zeit deine Antwort, aber erwäge es wohl, eine Wahl bleibt dir weiter nicht, deine Antwort ist entscheidend; dieser gemäß bleibst du hier und wirst mit allem versorgt, oder du erhältst den Zwangspaß nach Hause zurück." Jetzt wälzte sich der Druck von dem Herzen Jakobs herunter, und mit einer Entschiedenheit, die wir an ihm nicht gewohnt, mit erhobener, nur vor dem inneren Sturme vibrirender Stimme rief er aus: „Nein, nein, kein Aufschub, keine Erwägung! Deren bedarf es nicht, und würde ich in diesem Augenblicke zum Thore hinausgeworfen. Niemals, niemals werde ich den Gott meiner Väter verleugnen und ihm ins Angesicht absagen, den Gott, den ich anbete seit meiner Kindheit, keinen Tag unterließ ich es, auch wenn ich hungerte und fror, den Gott, vor dem meine Mutier kniete am Bette meines kranken Schwesterchens, den Gott aller meiner Wohlthäter — denn was hatten für mich bis jetzt die Christen als Hohn und Tücke, Gesetz und Gensdarmen — den Gott des wilden Gerschom selbst, den er aus seinem Psalmbuche herauslas und verehrte. . . . Nein, Herr Kreissekretair, um diesen Preis bleibe ich nicht hier, und wäre es gewiß, daß ich dadurch ein Künstler würde wie Wolfgang Amadeus Mozart. . . Der Kreisschreiber hatte sich bei den ersten Worten Jakob's ganz entfärbt, soweit dies möglich war auf dem blassen Gesichte, es schien Alles an ihm noch grauer denn zuvor. Aber bei den letzten Worten schien ein jäher Schreck über ihn zu kommen, er trat einige Schritte zurück und rief mit heiserer Stimme: „Was hör' ich? Des wilden Gerschom . . . kennst du den? lebt er noch? und wo? Was macht er? ..." Jakob sah ihn erstaunt an, und beantwortete seine Fragen in der Kürze. Das graue Männchen war in eine dunkle Ecke des Gemachs zurückgewichen und murmelte vor sich hin: „Der wilde Gerschom ... ich habe ihm viel, sehr viel Leid angethan . . . ihm, der mir einst so viel Gutes erwiesen ... ich habe es noch nicht gesühnt. . . wenn es von innen mich mahnte, schob ich es immer auf ... ha, die unselige Stunde, wo die Kroaten erschienen, nachdem ich mich mit ihm erzürnt ... die Zeit drängt, Selig ... die Gelegenheit bietet sich dar, um dessentwillen etwas zu vergüten . . Er trat wieder zu Jakob hin, und sagte kurz: „Run, es war nicht so übel gemeint. Ich werde es mir überlegen, und dir bis morgen Bescheid sagen lassen." Er winkte Jakob zum Abschied, und dieser entfernte sich. In der Gasse wandte er sich links, und fand seinen Polen bald, der neugierig auf ihn zueilte: „Nun, nun, Jakob, was hat's gegeben?" Jakob mußte sich erst sammeln, bevor er ihm Bescheid geben konnte. Der Pole strich sich den Bart, schlug ein Schnippchen in die Luft und schmunzelte: „Wir werden sehen." lFortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld< Verantwortlicher Redakteur ÜL. H. Lotze.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.