Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1869)
- Date
- 1869-08-10
- Page
- Seite 649 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Femlleton-Beilage;« Ar. 38. Leipzig, den 10. August 1869. Ein Musikant. Erzäblnng aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. lFortsetzung.) 9. Zn Leipzig. Die treue Hanne hatte unseren Jakob für einige Tage versorgt. Auch war die Wanderung, die er bis Leipzig noch zu machen hatte, eine bei Weitem leichtere. Er wußte jetzt genau, welchen Weg er zu nehmen; die Städte durch die er kommen mußte, waren meist auch von Glaubensgenossen bewohnt, bei denen er genügende Unterstützung fand. So tief es ihn demüthigte, wieder zur Geige des bettelnden Klesmor greifen zu muffen — er fühlte sich jetzt schon nicht mehr als Musikant, denn als Componist — so war dies ihm doch nicht erspart, und er fand großes Lob und angemessenen Lohn, wenn er irgend einer Familie einen beliebten Nigun (Synagogenlied) spielte und variirte. Je leichter ihm aber die Wanderung ward, desto mehr stürmte es in seinem Innern. Tagelang pilgerte er einsam die Landstraße hin, kaum daß er dann und wann einige Worte an einen Vorübergehenden zu richten hatte, und so grübelte er ununterbrochen in seiner Seele, und es erhoben sich da streitende Geister genug, vor denen er nicht zur Ruhe kommen konnte. Fein erzogenen Menschen gilt die Form so viel wie das Wesen, ja oft mehr; aber solchen, die in kümmerlichen Umgebungen aufgewachsen sind, ist die äußere Erscheinung, sind ästhetische Formen garnichts, sondern Charakter und Geistesfülle machen auf sie einen tiefen, unmittelbaren Eindruck, und ein großartiges Wesen imponirt ihnen, mag es sich darstellen, wie es sei. Jetzt, in der Entfernung, hob sich der wilde Gerschom vor der Einbildung unseres Jakob wie eine Neckengestalt in die Höhe; die Großartigkeit seiner Ansichten, die Bestimmtheit seiner Grundsätze, die Entschiedenheit seines Willens, der Flug seiner Beredtsamkeit, drangen wie ein zurückgehaltener, aufgestaueter Strom auf den schwankenden, an sich schwachen Jüngling ein, schwemmten alle seine Widersprüche hinweg, und ließen ihn nur den gewaltigen Wafferschwall erblicken, der sich durch eine Wüste Bahn bricht, sie befruchtet und zu einer glänzenden Flur umwandelt. Er warf sich jetzt vor, ein Doppelspiel gespielt zu haben, er verwünschte, daß ihm der tücksche Zufall die Schöpfungen Mozarts in die Hände geworfen, er verwünschte seine Versuche in Serenaden und Sonaten, glaubte jetzt, daß, wenn er diesen Verlockungen nicht gefolgt wäre, er auS den Versen des 104 ten Psalms etwas Großes gemacht, und war nun zerknirscht und voll Neue. Das Wort des Fluches, das ihm Gerschom nachgerufen, brannte ihm auf der Stirn, und er glaubte sich nunmehr verlassen und verödet, unfähig und zerbrochen, und daß er dies selbst verschuldet habe. Die brütende Seele wird dieser Selbstqual überdrüssig; sie kann sie nicht von sich werfen, aber sie läßt ermattet sie in die Tiefen des Herzens fallen, wo sie wie eine schwere Last ruht, aber die zu tragen man sich gewöhnt. Und darüber wurden die süßen, wundersamen Klänge der Mo^art'schen Musik wieder hörbar in ihm, und zogen besänftigend durch seine Seele, und flüsterten ihm leise zu: auch in uns ist Wahrheit, und noch mehr Schönheit; auch in uns göttliches Walten, und wahrhafte Grazie. Da tauchte in ihm wieder die Hoffnung auf, und er konnte sich ihr nicht entziehen, obschon eS von unten her murmelte: es ist Sünde, und du hast noch nicht gebüßt, und willst dich des Lichtes schon wieder freuen?! Er schüttelte sich, und setzte eiliger seinen Weg fort, und richtete alle Spannkraft seines Geistes auf das Ziel, auf Leipzig. . . . Er gelangte endlich hin. Er sah von ferne die schlanken Thürme, das weite sich ausdehnende Häusermeer, näher kommend die Glacis, die Wälle, die Mauern, die damals noch die Lindenstadt umgürteten. Weit aus breitete sich eine fruchtbare Ebene, von Landstraßen durchschnitten, von Dörfern bevölkert, und rechts dehnte sich eine dichte Waldung, deren frisches Grün angenehm die einförmige Flur unterbrach. Er beflügelte seine Schritte, und seine Sehnsucht wuchs mit jedem Fußtritt, und überwogle das Bangen und Zagen, das ihm das Herz klopfen machte. Am Thore augelangt, nachdem er eine Vorstadt rasch durchschritten, trat ihm der Stadtwächter in den Weg, sah sich den bestaubten und schlecht gekleideten Wanderer