Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1869)
- Date
- 1869-08-10
- Page
- Seite 641 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226723--27471-3263052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ftlf Aber die gesammte hiesige Bevölkerung, die Behörden und die Geistlichkeit der verschiedenen Confessionen haben an diesem Ereigniß einen so lebhaften Antheil genommen, und hiermit den Paritätssinn in so außerordentlichem Maße bewiesen, daß es der Erwähnung besonders verdient. Eine Wagenreihe von 40 Karossen begleitete den Eingehenden; die Straßen, welche der Zug passirte, waren beflaggt. Der Oberbürgermeister Ondereyck begrüßte den Ankömmling, so wie der Inspektor Biedebantt, die Direktoren der Provinzial-Gewerbeschule und der höheren Lehranstalten und eine Deputation der evangelischen und der Mennoniten- Gemeinde, endlich die Pfarrer sämmtlicher katholischer Gemeinden. Nachmittags fand ein Festessen von 230 Personen statt, unter denen die Behörden, die Geistlichkeit, die Vertreter der höheren Lehranstalten und die angesehensten Bürger der Stadt. Die hierbei gehaltenen Reden athmeten sämmtlich den Geist der höchsten Eintracht und gegenseitigen Achtung. Freitag und Sonnabend fand nun die gottesdienstliche Einführung statt, und wird die Sabbathpredigt des Herrn Dr. Horowitz in Druck erscheinen. Bayern. München, 28. Juli. Unser Magistrat hatte jüngsthin mit 19 gegen 4 Stimmen beschlossen, der israelitischen Cultusgemeinde dahier zum Bau einer zweiten Synagoge eine der beiden Eschenanlagen am Dultplatze zu überlassen; das Gemeinde-Collegium, von der Ansicht ausgehend, daß solche öffentliche Anlagen schon aus sanitären Rücksichten erhalten werden müßten, hat nun zwar dem Beschlüsse des Magistrats nicht beigestimmt, dafür aber, und zwar mit Einstimmigkeit, den Beschluß gefaßt: der israelitischen Cultusgemeinde zum Shnagogenbau die Summe von 30,000 Gulden aus Gemeindemitteln zur Verfügung zu stellen — ein Beschluß, der von der toleranten Gesinnung unserer Gemeindevertretung einen neuen, sehr erfreulichen Beweis liefert. O e st e r r e i ch i f ch c r Kais e r st a a t. Prag, Ende Juli. lPrivatmitth.) In Prag ist bekanntlich bis jetzt für die nothkeidenden Juden in Westrußland — noch gar nichts geschehen. Kaum glaublich, aber wahr. Jetzt hat ve. Kämpf darüber gepredigt und eine Collecte übernommen. — Die hiesige Repräsentanz hat die Berufung des Dr. Z. Frankel in Breslau zum Obberrabbiner beschlossen. Ueber die Annahme seitens des Gewählten ist noch nichts Gewisses bekannt. Anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen gehen auf dem Lande namentlich in Bezirken von utraquistischer Bevölkerung die Wogen der Wahlagitation sehr hoch. Da nun die Juden in solchen Bezirken zumeist den Ausschlag geben, so bilden sie in der Regel den Mittelpunkt, um welchen sich dieselben bewegen. Hierbei gerathen sie oft in eine sehr schwierige Lage, indem von Seite der national-czechischen Partei ein förmlicher Terrorismus auf sie ausgeübt wird. Zur Charakterisirung der Mittel, welcher sich diese Partei bedient um die Stimmen der Juden für sich zu gewinnen, mögen folgende Beispiele dienen: Die Bewohner mehrerer Ortschaften haben beschlossen den Israeliten, welche bei der Wahl in den Landtag mit der Regierungspartei stimmen werden, keine Marktbuden oder Standplätze herzugeben. Den Israeliten Münchengrätzs ist folgendes Schreiben zugekommen. „Juden! Ihr lebt von unserem nationalen Blute wie die Blutegel. Werdet ihr nicht mit uns gehen, so erwartet das Schlimmste, schreibt es Euch aber dann selber zu. Zum Tabor, daß Ihr dekorirt! Sonst denket an die Kreuze! Die Mitglieder der geheimen Nationalregierung hier." Geziert war dieses Schreiben sowohl innen als außen mit einem Todtenkopf. Ueberhaupt lassen es die nationalen Blätter hier bei keiner Gelegenheit an Schmähungen und Schimpfungen gegen die Juden fehlen. Wir zweifeln, ob das die rechten Mittel sind um Freunde und Anhänger zu gewinnen. Den jüdischen Landbewohnern können wir nur rächen stets nach ihrer Ueberzeugung zu stimmen, mag es mit dieser oder jener Partei sein, und nur Alles das zu vermeiden, was den Anschein einer Provocation haben könnte. Aus Galizien, 15. Juli. Bekanntlich sind vor Kurzem die Reste des polnischen Königs Kasimir des Großen, des sg. Bauernkönigs, desselben, der eine Jüdin zur Gattin gehabt und den Juden gesetzlichen Schutz gewährte, aufgefunden und 'feierlich beerdigt worden. In Krakau, Lemberg und anderen Städten 32