Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1869)
- Date
- 1869-08-03
- Page
- Seite 631 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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631 Was sollte er musikalisch daraus machen? Er wollte eine stille, vom leisen Hauche durchflüsterte Nacht schildern, wo an dem wolkenlosen Himmel, hinter den Gipfeln der Berge klar und voll der Mond heraufsteigt — das Bild stand ihm bezaubernd vor der Seele, er kannte es ja, es war ihm vertraut, es hatte oft seine Thränen fließen sehen und mit linder Freundeshand getrocknet. Aber wie es mit Tönen schildern? mit Tönen so charakteristisch zeichnen, daß jeder Hörer es verstehe, jeder Hörer wisse, was es bedeute, bedeuten soll? Und wie nun erst die Schöpfung des Mondes? Wie die „Zeilen" die er bestimmen soll, den Wechsel der Monate? Den Niedergang der Sonne? ... Er verzweifelte, er fand sich einem himmelhohen, jäh abfallenden Fels gegenüber, an welchem keine Spalte, kein Vorsprung, kein Strauch das Erklimmen auch nur auf einige Spannen weit ermöglichte. Er ging zum zweiten Verse. „Du wirkest Finsterniß: Nacht wird's" —, ja, Nacht war es, Finsterniß um ihn her, und kein Lichtstrahl siel in seinen ringenden, streitenden, gährenden Geist. Was sollte er mit diesen Worten machen? Er vermochte sie nicht zu singen und nicht zu spielen. Was er sang und spielte, war die Empfindung des Schreckens, der Angst, der Trostlosigkeit, aber keine Nacht, wie sie die Schatten über die Erde und ihre müden Bewohner breitet, kein Wirken der Finsterniß, welche die Geschöpfe auf die Stelle bannt, wo sie sich befinden. . . Freilich, mit den folgenden Versen war es anders; die waren es wohl auch, welche Gerschom für eine so glückliche Aufgabe hielt: „Da regt sich all' Gewild des Waldes, Die jungen Leu'n, nach Beute brüllend, Und ihren Fraß von Gott zu fordern. Auf strahlt die Sonne: sie ziehen sich zurück, Und lagern sich in ihre Höhlen." Allerdings die aufstrahlende Sonne machte ihm einiges Bedenken. Selbst der Schluß flößte ihm wieder einiges Vertrauen ein: „Es geht der Mensch zu seinen Werken ans, An seine Arbeit bis zum Abend." Jakob warf sich daher zunächst auf den mittleren Vers. Das wilde Gewimmel des Waldes in der Stille der Nacht wurde lebendig vor seiner Einbildungskraft. Es galt ihm, die Naturtöne dieser ungezähmten Raubthiere nachzuahmen. Auf seiner Wanderung war er auf herumziehende Menagerien gestoßen. Sein feines musikalisches Gehör hatte die Ausbrüche ver Wuth der in ihren Käfigen rasenden Thiere aufgefaßt, er schrieb sie jetzt nieder. Die Löwen brüllten mit Beacht, die Tiger und Panther heulten, die Bären brummten, die Schlangen zischten, die Büffel stampften die Erde, die Raben und Geier krächzten, die Eulen ließen ihr eintöniges Gestöhn vernehmen. Bald tönte die Stimme des einen und des anderen, bald knurrten sie leise, bald schwoll es an, bald vereinigten sie sich zu einem furchtbaren Dröhnen. Immer aber Hab es 'nur ein wüstes Durcheinander, Einklang und Harmonie fehlten, das Ohr wurde zerrissen, geschlagen, vernichtet. Sobald er es anders versuchte, waren es keine Stimmen der Natur mehr, keine wirklichen Laute des im Walde rasenden und kämpfenden Gethiers, sondern nur eine schwache blasse Nachahmung, die eher zum Lachen reizte, als die Gewalt und Majestät der Natur abspiegelte. Jakob fühlte, daß es vergeblich, daß es nichts sei. Er versuchte es noch einmal mit der Arbeit des Menschen. Er ließ ihn hämmern und schmieden, klopfen und sägen, rennen und fahren, die Sense klang, die Peitsche knallte, und was noch Alles. . . Aber dies Alles gab noch keine Musik. Das war eine thörichtes Spiel mit nachgeahmten Tönen, die in ihrem Zusammenhang einen Jahrmarktslärm, aber kein musikalisches Gemälde bildeten. Da lagen nun endlich die beiden Skizzen vor ihm, die ihn selbst anwiderten. Wie aber sie vereinigen und verschmelzen? Wie sie motiviren? Wie sie mit Gedanken und Gefühlen durchtränken? Er gab es auf; es lag wie eine unabsehbare Wüste vor ihm, ohne Pfad, ohne Wegzeichen, mit aufgewühlten Staubwolken, Sand und nichts als Sand. . . So vergingen vierzehn Tage, drei Wochen. Jakob arbeitete im Schweiße seines Angesichtes und kam nicht weiter. Jeden Morgen, wenn er zum Frühstück herab kam, betrachtete ihn Gerschom mit prüfenderen, stechenderen Augen, und immer kam ihm dieselbe Antwort aus dem blassen Antlitz, den niedergeschlagenen Augen, der schweigsamen Haltung seines Jüngers entgegen. Die Ungeduld verzehrte den alten leidenschaftlichen Mann; sie ließ ihn nicht länger ein stummer, abwartender Zeuge sein. Eines Tages gegen Abend stieg er die Treppe zu Jakobs Zimmer hinauf, als dieser wie gewöhnlich einen längeren Spaziergang machte, öffnete mit einem Nachschlüssel die Thüre und trat ein. Auf dem Tische, den Stühlen, dem Boden lagen die Musikalien haufenweise. Auf dem Tische gewahrte er zwei Stöße Notenblätter und mit Freude las er auf dem ersten die Ueberschrift „der 104te Psalm." Hastig griff er nach dem obersten Blatte, sein flammendes Auge überflog die krause Masse der Noten, von denen mehr ausgestrichen als stehengeblieben waren. Aber wie wenig entsprachen sie seiner Erwartung! „Welch' ein Aechzen und Stöhnen, welch' ein Geheul und Gewimmer!" rief er unwillig aus, und warf das Blatt zu Boden. Er nahm ein anderes, und der Aerger prägte sich immer mehr in den markirten Zügen seines Gesichtes aus. „Das ist ja abscheulich, das ist ein widerwärtiger Mischmasch, das ist ja unter aller Kritik!" Und wieder flog das Blatt zur Erde. So nahm er Blatt für Blatt, überblickte es, stampfte mit dem Fuße, zerknitterte es, und schleuderte es von sich. „Nichts, nichts brauchbar, kein lebendiger Gedanke, keine Form und kein Inhalt ... Ich bin betrogen. Es ist ein Handlanger und nichts weiter . . Er stand da, ein Bild des Unmuths, trostloser Ueberraschung. Bald